Unternehmen benötigen eine digitale Strategie, die ihren Mitarbeitern die Arbeit wesentlich erleichtert. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Digitalisierung von Workflows. Lernen Sie hier Konzepte kennen, die den Menschen in den Fokus nehmen.

Interview mit Bahn-CIO Claudia Plattner

Die Integration von Systemen ist für mich der wichtigste Erfolgsfaktor‘

15.11.2020
Von 
Detlef Krause verantwortet bei ServiceNow als Vice President und General Manager Deutschland die Expansion sowie alle Geschäfts-, Kunden- und Partnerbeziehungen.
Die IT spielt bei der Bahn eine immer größere Rolle, von der vorausschauenden Wartung der Züge bis hin Einsatz von Blockchain-Technologie zur Identifizierung von Gütern. CIO Claudia Plattner im Gespräch mit Detlef Krause über den Kampf mit der Diversität der IT-Systeme bei der Bahn.
Die schnelle und korrekte Fahrgastinformation bei Verspätungen ist aufgrund der vielen Einflussfaktoren ein schwierigerer Job, als allgemein vermutet wird.
Die schnelle und korrekte Fahrgastinformation bei Verspätungen ist aufgrund der vielen Einflussfaktoren ein schwierigerer Job, als allgemein vermutet wird.
Foto: Maria Savenko - shutterstock.com

Covid-19-bedingt sind die Fahrgastzahlen bei der Bahn unter Plan. Gleichzeitig sollen die Ticketpreise nicht anziehen sowie der Verbindungstakt weitgehend aufrechterhalten bleiben - und schon vor Covid-19 hatte die Deutsche Bahn genügend Themen auf dem Tisch. Im Vorfeld der gemeinsamen Keynote am 6. Oktober 2020 - anlässlich der digitalen Now at Work 2020 ­ist Claudia Plattner, CIO bei DB Systel, IT-Dienstleister und Digitalpartner der DB, im Gespräch mit Detlef Krause, VP und General Manager Deutschland bei ServiceNow. Sie diskutieren darüber, was die IT tun kann, um die gesteckten Ziele zu erreichen.

Detlef Krause: Hallo Claudia, wann konntest Du zuletzt eine Bahnreise mit zwei, drei Umstiegen wie geplant beenden?

Claudia Plattner: Oh, tatsächlich gestern*). Zürich - Frankfurt, inklusive zweier Umstiege. Wir waren auf die Minute in Frankfurt.

Detlef Krause: Wie wichtig ist die IT bei der Bahn?

Das System Bahn ist ungeheuer komplex und wird mit steigenden Verbindungszahlen - bedingt durch mehr Passagiere und Gütertransporte - natürlich auch immer herausfordernder. Daran, dass dies alles trotzdem funktioniert und weiterhin beherrschbar ist, haben Digitalisierung und IT einen erheblichen Anteil.

Krause: In der öffentlichen Diskussion stehen im Zusammenhang mit dem Thema Bahn-Pünktlichkeit vor allem Dinge wie marode Bahnbrücken oder eine zu geringe Zahl an einsatzbereiten Zügen im Vordergrund. Die IT spielt hier eher eine marginale Rolle.

Claudia Plattner: "Wir brauchen eine einheitliche Möglichkeit, alle Geräte, die mit einer Computereinheit ausgestattet sind, zu verwalten, vom Laptop bis zur Lok."
Claudia Plattner: "Wir brauchen eine einheitliche Möglichkeit, alle Geräte, die mit einer Computereinheit ausgestattet sind, zu verwalten, vom Laptop bis zur Lok."
Foto: DB Systel

Plattner: Ganz im Gegenteil! Die Digitalisierung und die IT spielen hier eine ganz wesentliche Rolle, zumindest wenn wir die angesprochenen Themen weiter verbessern wollen. Um das Problem "marode Brücken" zu lösen, braucht man heute die sogenannte Bauwerksdatenmodellierung (besser bekannt als BIM).

Hinsichtlich der Pünktlichkeit könnte ich jetzt sehr weit ausholen - aber nehmen wir mal etwas sehr leicht Nachvollziehbares: Wenn ein Zug unpünktlich ist, dann will ich als Kunde doch wenigstens verlässliche Information darüber, wie viel Verspätung der Zug denn jetzt wirklich haben wird. Diese Information wird aus sehr vielen unterschiedlichen Datenquellen generiert, weil natürlich auch sehr viele Faktoren im Verlauf einer solchen Bahnfahrt da mit hineinspielen. Diese werden dann an einer Stelle zusammengeführt, analysiert und veröffentlicht. Also wieder IT.

Zu guter Letzt noch die Wartung von Zügen. Damit Züge einsatzbereit sind, müssen sie gewartet werden - und das natürlich idealerweise, bevor sie unerwartet ausfallen. Moderne Methoden setzen hier auf Sensorik, die den Zustand des Fahrzeugs misst; die ermittelten Daten werden dann entsprechend ausgewertet. So lassen sich beispielsweise potenzielle Fehlerquellen frühzeitig "aufspüren" und ein Fahrzeug kann rechtzeitig ins Werk gebracht werden, bevor es zu größeren Beeinträchtigungen oder gar Ausfällen kommt.

Krause: … und damit ist nur ein kleiner Teil der gesamten Digitalisierungsaktivitäten der Bahn angesprochen….

Plattner: Das stimmt. Es gibt wirklich eine Vielzahl an Digitalisierungsaktivitäten, die alle auf drei große Use Cases einzahlen: Digitaler Bahnbetrieb - dazu gehören etwa eine digitalisierte Infrastruktur inklusive der Stellwerke bis hin zu Automatisierungen in den Fahrzeugen. Des Weiteren: Digitale Instandhaltung und somit der gesamte Bereich vorausschauende Wartung, Bauteile, die bei Bedarf automatisch geordert oder 3D-gedruckt werden oder mal etwas ganz Anfassbares wie die Überprüfung des rollenden Materials im Fahrbetrieb anhand von spezifischen Geräuschsignaturen.

Last but not least: Das digitale Kundenerlebnis - also zum Beispiel der vielgenannte Wunsch nach durchgehender WLAN-Verfügbarkeit vom Start- bis zum Zielbahnhof. Oder unsere außerordentlich beliebte App DB Navigator, mit der wir aber erst dann zufrieden sein können, wenn sie für unsere Kunden Reiseketten wirklich von Tür zu Tür bereitstellen kann.

Krause: Dazu kommt das ganz normale Unternehmen Deutsche Bahn mit seinen über 300.000 Mitarbeitenden. Hierfür betreibt DB Systel zum Beispiel konzernweit die digitalen Arbeitsplatzlösungen …

Plattner: … und unterstützt so ein flexibles, ortsungebundenes und damit hoffentlich angenehmes und kollaboratives Arbeiten. Richtig. Wir erreichen die Ziele, die wir in der Bahnstrategie "Starke Schiene" formuliert haben, nur, wenn wir die Digitalisierung der DB systematisch vorantreiben. Das tun wir. Dabei helfen wir alle mit, weil wir glauben, dass es die richtigen Ziele zum richtigen Zeitpunkt sind. Zu diesen Zielen gehört es unter anderem, die Verkehrsleistung von DB Cargo um 70 Prozent zu steigern oder die Verdopplung der Fahrgastzahlen im Fernverkehr. Deutschland braucht eine starke Schiene.

Krause: Gerade was die Fahrgastzahlen anbelangt, ist die Covid-19-Pandemie ein herber Rückschlag. Gleichzeitig hat die Pandemie aber auch gezeigt, wie wichtig die Digitalisierung für ein robustes Geschäft ist. Wo steht hier die Bahn-IT?

Plattner: Darauf würde ich mal eine Anwaltsantwort geben: Das kommt darauf an. An manchen Stellen in der Digitalisierung und in der Bahn-IT sind wir richtig weit vorne. Und wie wir jetzt alle noch mal sehr klar vor Augen geführt bekommen haben, war und ist der sich daraus ergebende Handlungsspielraum in Krisensituationen essenziell. Worum ging es denn im Frühjahr? Es ging zunächst einmal darum, sicherzustellen, dass Züge fahren. Diese Sicherheit und Verlässlichkeit konnten und mussten wir in dieser schwierigen Zeit bieten. Was mussten wir dafür in der IT tun? Unsere Aufgabe bestand darin, es sehr kurzfristig zehntausenden von Mitarbeitenden zu ermöglichen, auch remote, von zu Hause aus, ihre Arbeit machen zu können. Das heißt: Praktisch alles muss auch aus der Ferne bedienbar sein, es muss funktionierende Kommunikationsmöglichkeiten geben, die Ausstattung muss gegeben sein usw. Hier haben wir in den letzten Jahren viele gute Voraussetzungen geschaffen, so dass wir die akute Krisensituation sehr schnell in den Griff bekommen haben.

IT und unsere Kunden! Unsere Kunden müssen gerade jetzt erleben können, dass ihre Sicherheit beziehungsweise ihre Gesundheit für uns ganz oben steht. Auch hier ein kleines, aber sehr greifbares Beispiel, wie IT hier ganz konkret hilft: Sobald absehbar ist, dass ein Zug eine hohe Auslastung haben wird und damit das Abstand halten problematisch werden könnte, geben wir in unserer Navigator App inzwischen einen aktiven Hinweis an unsere Kunden, so dass sie die Möglichkeit haben, ggf. einen anderen Zug für ihre Fahrt zu wählen. Klein, aber wichtig!

Ich gebe zu, wir sind nicht überall schon in der Lage, aus der IT heraus immer so gut zu unterstützen. Auch wir haben noch offene Baustellen und viele Legacy-Applikationen oder ähnliches, aber wir sind schon sehr große Schritte vorangekommen. Bei vielen Themen übrigens zusammen mit unseren Partnern, mit denen wir gemeinsam Lösungen und Services integrieren -­ und das hat die letzten Monate einen gewaltigen Unterschied gemacht.

Krause: Wenn Du von digital integrierten Services sprichst, ist wohl eine der großen Herausforderungen der Bahn benannt: Mit mehr als 700 Tochterfirmen und einer schier unübersehbaren Vielfalt an einzelnen Systemen und unterschiedlichen Anforderungen. Dazu kommen die angesprochen Partnerunternehmen.

Plattner: IT ist immer einfach, solange sich Prozesse mit einem einzigen System darstellen lassen. Das ist aber leider nie wirklich der Fall. Unsere IT- und Prozesslandschaft ist komplex, und diese Komplexität müssen wir beherrschen, denn sie wird sich nicht einfach in Luft auflösen, so sehr man auch an konsequenter Vereinfachung arbeitet. Integration ist für mich deshalb hier der wichtigste Erfolgsfaktor, und hier kann ServiceNow tatsächlich auch einige Stärken ausspielen.

Krause: Ich wäre bereit für einige lobende Erwähnungen …

Plattner: Es sind tatsächlich aktuell einige Themen in der Entstehung mit Euch. Lasst mich zwei davon erwähnen, an denen ich auch selbst beteiligt bin: Intern sind wir gerade dabei, auf Basis der Now Platform unser komplettes Service-Angebot, das wir IT-seitig den Mitarbeitenden des gesamten Konzerns zur Verfügung stellen, in einem einheitlichen Shop zusammenzuführen. Unsere Leistungspalette reicht dabei von der einfachen Bestellung eines Computers bis hin zum umfassenden Beratungsprojekt. Alles innerhalb einer Struktur, vernetzt mit den dazugehörigen Backend-Systemen.

Ich möchte ein zweites Thema erwähnen: Wir brauchen eine einheitliche Möglichkeit, alle Geräte, die mit einer Computereinheit ausgestattet sind, zu verwalten. Vom Laptop bis zur Lok müssen wir wissen, wo ist es, wer ist verantwortlich etc.. Die Größenordnung dieser Dinge liegt im Konzern heute schon im Bereich vieler Millionen einzelner Posten. Wenn das "Internet der Dinge" richtig an Fahrt aufnimmt, werden das schnell viele hundert Millionen Geräte und Güter sein. Hier brauchen wir eine einheitliche Lösung und ServiceNow bietet dafür gute Lösungen an.

Krause: Danke für die Blumen, Claudia. Wenn ich mir anschaue, in welchen Bereichen die Deutsche Bahn digital unterwegs ist, drängt sich die Frage auf, wie sich insgesamt die Rolle der CIO im Verlauf der letzten Jahren verändert? Ich meine, selbst früher mal rein mechanisch konzipierte Lösungen wie etwa die automatische Kupplung, die im DB Cargo-Geschäft für entscheidende Effizienzgewinne sorgen soll, ist heutzutage digital.

Plattner: Diese Entwicklung verläuft rasant. Aus meiner Sicht hat sich die IT ganz klar aus den Server-Räumen im staubigen Keller herausentwickelt. Wir sind heute Partner des Geschäfts und ermöglichen die Realisierung wichtiger Innovationen. Voraussetzungen hierfür sind neben der Auseinandersetzung mit den fachlichen Fragestellungen auch die notwendige Weitsicht auf der technischen Ebene. Wie müssen wir uns heute aufstellen, damit wir auch weiterhin agieren und notfalls reagieren können, wenn die Welt eine unerwartete Wendung wie bei der Covid-19-Pandemie nimmt? Diesem Anspruch können wir nur gerecht werden, indem wir etwa Plattformen einführen, die uns nach vorne große Flexibilität bei der Einführung neuer Dienste ermöglichen.

Krause: Da kann ich nur sagen, dabei helfen wir gern.

Mehr über die IT der Deutschen Bahn erfahren Sie in der Keynote "Für eine Welt in der Arbeit weniger Arbeit macht" mit Claudia Plattner, CIO von DB Systel, Janina Kugel, Senior Advisor bei BCG, und Detlef Krause, VP und General Manager Deutschland von ServiceNow. Sie fand am 6. Oktober während der Now at Work statt und ist hier On-Demand abrufbar.