PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017"

Die ideale IoT-Plattform gibt es (noch) nicht

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
Die Analysten der CXP Group (BARC, le CXP, PAC) haben die wichtigsten IoT-Plattformen unter die Lupe genommen und ihre Eignung für verschiedene Anwendungsfälle untersucht.

Zukäufe ja, aber (noch) keine Konsolidierung: Nach wie vor schießen IoT-Plattformen wie Pilze aus dem Boden. Je nach Definition kann man von einer Handvoll bis zu mehreren hundert Plattformen ausgehen. Angesichts der noch geringen Marktreife ist es dabei aber eher unwahrscheinlich, dass eine IoT-Plattform ausreicht, um allen Anforderungen und Wünschen eines Unternehmens rund um die verschiedenen IoT-Anwendungsfälle gerecht zu werden. Die Marktforscher der CXP-Group empfehlen Unternehmen daher, die Use-Cases zu clustern und mit verschiedenen IoT-Plattformen für jede Gruppe zu starten. Bei fortgeschrittener Marktreife könnten sie dann einen Konsolidierungsprozess starten.

Ähnlich wie das Internet of Things selbst sind auch die dazugehörigen IoT-Plattformen extrem vielschichtig.
Ähnlich wie das Internet of Things selbst sind auch die dazugehörigen IoT-Plattformen extrem vielschichtig.
Foto: a-image - shutterstock.com

IoT-Plattformen nur schwer vergleichbar

Um Unternehmen bei der Auswahl der für sie geeigneten IoT-Plattform(en) behilflich zu sein, hat die CXP-Tochter im PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017" 60 Anbieter von IoT-Plattformen untersucht und 30 davon einer tieferen Analyse unterzogen. Am Ende konnten sich sechs davon als Klassenbeste in einem oder mehreren Marktsegmenten platzieren, nämlich Bosch SI, GE Digital, IBM, Microsoft, PTC und SAP.

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Aber auch bei den Gewinnern gibt es kleine, aber feine Unterschiede: Wie die CXP Group herausfand, sind hier zum einen eher als Generalisten aufgestellte Playern wie Microsoft und SAP, die sich auf verschiedene Anwendungsfelder konzentrieren. Zum anderen gibt es aber noch eine stärker fokussierte Gruppe von Anbietern, die auf bestimmte Use-Cases spezialisiert sind. Diese Gruppe (allen voran Bosch, PTC und GE) gehe Kooperationen mit anderen Playern ein, um passende Lösungen für ihre Kunden zu bieten, falls die Anwendungsgebiete jenseits ihrer Kernkompetenzen liegen.

Mit Blick auf die verschiedenen Anwendungsgebiete hat das Analystenhaus die Lösungen in ihrem "PAC Innovation Radar IoT Platforms in Europe 2017" in vier Segmente unterteilt. Neben den etablierten Use Cases rund um Device Management, Rapid Application Deployment und Analytics-Anwendungen wurde dabei auch ein neuer Anwendungsfall mit Bezug auf IoT-Betriebssysteme - Device Development - betrachtet.

Die funktionellen Schwerpunkte von IoT-Plattformen mit Blick auf Anwendungsfälle.
Die funktionellen Schwerpunkte von IoT-Plattformen mit Blick auf Anwendungsfälle.
Foto: PAC/CXP Group

Device Management: Kernfunktion statt nettes Extra

Dem Studienautor Arnold Vogt zufolge geht es beim Internet der Dinge um zwei Dinge: die Verwaltung von Anwendungen, die wiederum von den Daten der "Dinge" angetrieben werden, und die Verwaltung der "Dinge" selbst. Nach der Definition von PAC sollte eine Plattform entsprechend beide Bereiche adressieren, um als "IoT-Plattform" bezeichnet zu werden. In der Praxis jedoch, so zumindest Vogts Eindruck, dreht sich der IoT-Markt viel stärker um das IoT-Anwendungsmanagement, einschließlich aller damit verbundenen Funktionen rund um Daten & Analytics, als um das IoT-Device-Management.

Aus Sicht der CXP Group ist Geräteverwaltung aber keineswegs nur ein nettes Extra, sondern stellt vielmehr eine Kernkompetenz einer IoT-Plattform dar. Die unterstützten Funktionen ermöglichen es nämlich, IoT-Devices - individuell sowie in großer Zahl - bereitzustellen und wieder zu entfernen, zu überwachen und zu aktualisieren. Außerdem sind Software- und Firmware-Updates, auf IoT-Geräten, die die Gerätesicherheit, Fehlerbehebung und die Aktivierung neuer Funktionen gewährleisten, für viele verschiedene Branchen unternehmenskritisch.

PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017" - Device Management
PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017" - Device Management
Foto: PAC/CXP Group

Dies ist umso wichtiger, da das Analystenhaus auf dem heutigen Markt deutliche Unterschiede in der Tiefe der Fähigkeiten von IoT-Plattformen im Bereich Device Management feststellt. Konkret zählt die CXP Group in diesem Bereich Bosch SI, Microsoft und SAP zu den Marktführern ("Best in class"). Hinter den drei Playern befindet sich aber ein dichtes Verfolgerfeld mit "exzellenten" Plattformen wie AWS, Cumulocity, Eurotech, Telit, Relayr und Axiros ("Excellent") sowie starken Lösungen wie Arrayent, Exosite, Xively, GreenWave Systems und Evrythng.

Neue Anwendungsfälle rund um Embedded Devices und LPWAN

Auch wenn sich, wie Studienautor Arnold Vogt hinweist, die technischen Fähigkeiten für verschiedene Anforderungen an IoT-Plattformen überlappen, geht die CXP Group davon aus, dass mit IoT-Plattformen für Device Development ein neues Marktsegment entsteht. So fokussierten sich diese Lösungen auf die Anforderungen von Herstellern, die IoT-Geräte mit eingebetteter Software entwickeln. Mit ihrer Hilfe sind sie in der Lage, neue eingebettete Software für IoT-Geräte zu erstellen und diese Geräte direkt in eine IoT-Plattform zu integrieren. Anschließend können diese über ihren gesamten Produktlebenszyklus hinweg verwaltet und alle entsprechenden IoT-Daten verarbeitet werden.

"Dieses Marktsegment birgt ein riesiges Potenzial", erklärt Vogt. Die Einführung von LPWAN-Konnektivität (Low Power Wide Area Network) wie zum Beispiel LoRa, Sigfox oder Narrowband-IoT öffne die Türen für eine enorme Anzahl neuer Anwendungsfälle rund um kleine eingebettete Geräte, beispielsweise zu Hause, als Wearables, in Fahrzeugen oder der Infrastruktur.

PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017" - Device Development
PAC Innovation Radar "IoT Platforms in Europe 2017" - Device Development
Foto: PAC/CXP Group

Als Player, die den Bereich adressieren und ihre IoT-Plattform mit ihren eigenen leichtgewichtigen IoT-Betriebssystemen integrieren wollen, nennt Vogt unter anderem AWS, ARM, Google, Huawei, Microsoft, Samsung, Siemens oder Intel-Tochter Windriver.

Aus Sicht der CXP Group ist es dabei keine Überraschung, dass große, bekannte Anbieter wie beispielsweise Microsoft hier vertreten sind - die Company sehen sie aktuell sogar als Marktführer in diesem Bereich. Überraschender ist für die Analysten die Präsenz von AWS und Siemens. So wurde Siemens erst kürzlich mit der Übernahme von Mentor Graphics und dessen IoT-Betriebssystem "Nucleus RTOS" zu einem relevanten Anbieter. AWS wiederum ist seit kurzem dank der Einführung von "AWS Greengrass" in diesem Marktsegment aktiv. Die CXP Group ist aber davon überzeugt, dass beide Akteure rasch ihre Fähigkeiten rund um die eigenen IoT-Plattformen und IoT-Betriebssysteme weiter ausbauen werden.

IoT-Plattformen: Mittelfristig entscheidet das Ökosystem

Studienautor Vogt weist jedoch darauf hin, dass es sich bei dem Ranking nur um eine Momentaufnahme handelt. Der Markt befinde sich im Fluss, wobei Features und Funktionen nicht als alleiniges Kriterium zu sehen seien. Wichtiger sei vielmehr eine Langzeitbetrachtung, denn vor allem das Ökosystem entscheide, ob ein Player mittelfristig auf dem Markt eine Rolle spielt.