Übernahmen im Servicemarkt 2019

Die Coups der IT-Dienstleister

16.12.2019
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

McKinsey will an die ganz großen Aufträge

Mit dem Fokus auf Experience Management und Design steht Accenture nicht allein, auch die großen Management-Beratungen kümmern sich um dieses Geschäftsfeld. McKinsey etwa setzt hier seit Jahren einen Schwerpunkt - deutlich sichtbar seit Ende 2018, als die Gründung der Unit McKinsey Design bekanntgegeben wurde.

In einer Welt, in der immer mehr Produkte und Dienstleistungen austauschbar seien, komme es stark darauf an, eine einzigartige Kundenerfahrung zu schaffen und bestmöglich gestaltete Produkte und Services anzubieten, hieß es damals zur Begründung. In der neuen Unit wurden die 2015 und 2016 erworbenen Agenturtöchter Lunar, Carbon 12 und Veryday zusammengezogen.

Die größte Übernahme in diesem Jahr war für McKinsey aber Westney Consulting, ein Beratungshaus, das Kunden und öffentliche Einrichtungen bei sehr großen Innovationsvorhaben unterstützt - etwa dem Bau von Fabriken, der Errichtung von Brücken oder dem Anlegen großer Straßen. Wie das Beispiel des Flughafens Berlin zeigt, geraten solche Großprojekte schnell einmal aus dem Zeit- und Budgetrahmen. Gemeinsam wollen die Unternehmen digitale Angebote rund um solche Großvorhaben vorantreiben.

Boston Consulting Group shoppt in London

Auch der McKinsey-Rivale Boston Consulting Group (BCG) erwarb vor wenigen Wochen eine Design-Beratung aus London: AllofUs soll der Unternehmenseinheit DigitalBCG zugeteilt werden, in der das Unternehmen Produkte, Lösungen und Analytics Services rund um das Thema Digitalisierung zusammenführt. Erst 2017 hatten die Berater MAYA Design aus Pittsburgh gekauft, um Digital Design und Innovationen für Kunden vorantreiben zu können.

DXC Technology übernimmt Luxoft

Von den Management-Consultants zurück zu den klassischen IT-Beratern: Dem von HP Enterprise ausgegliederten IT-Servicegeschäft DXC Technology gelang mit dem Kauf des Schweizer Dienstleisters Luxoft für zwei Milliarden Euro ein größerer Coup. Das Unternehmen aus Zug ist zwar nicht besonders sichtbar am Markt, doch es handelt sich um einen weltweit aktiven IT-Beratungskonzern mit 13.000 Mitarbeitern. Spezialisiert auf "Digital Engineering" soll er DXC dabei helfen, Kunden verschiedener Branchen in der digitalen Transformation zu begleiten.

"In der Automobilindustrie wird das aus DXC und Luxoft zusammengeführte Unternehmen mehr als 20 Hersteller und Erstausrüster in Nordamerika, Europa und dem asiatisch-pazifischen Raum versorgen", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. Zusammen erreiche man zudem die Hälfte der größten Finanzinstitute in den USA und Europa.

NTT Data investiert mehrfach

Auch NTT Data, inzwischen immerhin zur Nummer 5 im deutschen IT-Beratungs- und Systemintegrationsmarkt aufgestiegen, hat sich 2019 international verstärkt: Die Japaner kauften das Beratungsgeschäft von Cognosante, einem großen US-Anbieter von IT-Services und -Systemen für das US-Gesundheitswesen. Mit den 250 zusätzlichen Beratern will man den Footprint im US-Healthcare-Sektor und generell im öffentlichen Dienst vergrößern.

In München eröffnete NTT Data das "Enso Innovation Lab", um gemeinsam mit Kunden Innovationen zu entwickeln.
In München eröffnete NTT Data das "Enso Innovation Lab", um gemeinsam mit Kunden Innovationen zu entwickeln.
Foto: NTT Data

Außerdem wurde die bereits bestehende Zusammenarbeit mit dem indischen Dienstleister CloudHedge Technologies Private Ltd. durch eine Minderheitsbeteiligung untermauert. CloudHedge bietet Know-how und Technologien rund um die Containerisierung von Anwendungen mithilfe von Kubernetes und die Gestaltung von DevOps-Prozesse an. NTT Data möchte das Wissen des Partners in seine eigenen Digitalisierungstechnologien integrieren, um Kunden bei der Modernisierung und "Cloudifizierung" von Legacy-Anwendungen zu helfen.

Auch die Bielefelder SAP-Beratung itelligence AG, Tochter von NTT Data, hat 2019 eingekauft - und zwar in Großbritannien. Dort erwarb der SAP-Berater die zehn Jahre alte Weaveability Ltd., um seinen Einfluss auf der Insel zu vergrößern und sein Wissen in den Bereichen CRM (C/4HANA) und E-Commerce (Hybris) auszubauen - hier gilt Weaveability als Spezialist.

NTT Data bleibt ein eigenständiges börsennotiertes Unternehmen - das ist erwähnenswert, weil der japanische Konzern 2019 ansonsten alle Portfoliounternehmen, etwa Dimension Data, NTT Security oder E-Shelter, zur NTT Ltd. mit Sitz in London verschmolzen hat. NTT Data soll in Zukunft eng mit diesem Konglomerat zusammenarbeiten.

Wipro investiert in den USA

Die großen indischen IT-Dienstleister haben 2019 ebenfalls ihre Sparbüchse geöffnet. So übernahm Wipro den CAD- und PLM-Spezialisten International TechneGroup Inc. (ITI) aus Milford, Ohio, um sich im Bereich Digital Engineering und Fertigungslösungen zu verstärken. ITI steuert Lösungen für das Model Based Enterprise (MBE), Daten-Interoperabilität und Datenmigration der Inder bei - laut Wipro die Building Blocks für Industrie-4.0-Lösungen. Zudem unterhält das Unternehmen enge Beziehung zu den wichtigsten CAD-, CAM-, CAE- und PLM-Anbietern.

Zugekaufte IBM-Produkte beschäftigen HCL

Dass HCL Technologies über seine Software Unit unter anderem IBMs Notes/Domino-Business kaufen würde, war bereits im Vorjahr bekannt geworden (siehe auch: Anwender begrüßen Ausverkauf bei IBM). Im Sommer 2019 kam der Deal zum Abschluss, die Inder übernahmen neben Notes/Domino auch Produkte wie AppScan, BigFix, Commerce, Connections, Digital Experience (Portal and Content Manager) und Unica.

Verantwortlich ist die neu gegründete HCL Software, die bei HCL Technologies zum Bereich "Products and Platforms" gehört und bereits Produkte wie Informix 14.10, Domino 10 und Workload Automation 9.5 ausgeliefert hat. Man wolle in Produktinnovation investieren und sehe gute Chancen, rund um die IBM-Technologien ein "As-a-Service-Geschäftsmodell" zu etablieren, sagte C Vijayakumar, President und CEO von HCL Technologies.

Bezeichnete den Verkauf wichtiger Produkte an HCL Technologies als den richtigen Schritt für IBM: CEO Virginia Rometty.
Bezeichnete den Verkauf wichtiger Produkte an HCL Technologies als den richtigen Schritt für IBM: CEO Virginia Rometty.
Foto: IBM

HCL investierte 2019 außerdem in ein amerikanisches Beratungsunternehmen, das seinen Schwerpunkt auf die digitale Transformation legt: Strong-Bridge Envision (SBE) mit Büros in Seattle, Atlanta, Denver und New York City wurde in die globale HCL-Unit Digital and Analytics integriert. Customer Experience, Business Transformation und Change Management gehören zu den Beratungsschwerpunkten von SBE.

Auch Cognizant kauft in London ein

Mit Enterprise DevOps und Cloud-Transformation beschäftigt sich das Londoner Beratungshaus Contino, das von Cognizant aufgekauft wurde. Cognizant ist zwar ein US-Unternehmen, beschäftigt aber die Mehrheit seiner rund 260.000 Mitarbeiter im indischen Chennai. Die rund 350 Berater von Contino entwerfen Cloud-Plattformen, migrieren Legacy-Anwendungen, implementieren DevOps-Strukturen und bauen Datenplattformen mit Advanced-Analytics-Eigenschaften. Zur angepeilten Zielgruppe gehören Unternehmen aus hochregulierten Industrien, etwa Banken und Versicherungen.

Um sich im pharmazeutischen und medizinischen Sektor besser aufzustellen, erwarb Cognizant außerdem Zenith Technologies mit Sitz im irischen Cork. Die mehr als 800 Mitarbeiter werden in den Cognizant-Geschäftsbereich Life Science Businesses eingegliedert und sollen Lösungen für Anbieter von biopharmazeutischen und medizinischen Geräten entwickeln und einführen.

Im Bankensektor hat Cognizant zudem das in Dublin ansässige Fintech Meritsoft gekauft. Zusammen wollen die Partner integrierte Managed-Services-Lösungen für Bankkunden bereitstellen. Meritsoft ist bekannt für seine Plattform "Finbos" für das "Post Trade Processing". Sie bietet eine Automatisierungslösung zur Verwaltung von Steuern, Gebühren, Provisionen und Cashflow-Funktionen zwischen Kreditinstituten. Die Produkte von Meritsoft werden derzeit von fünf der acht weltweit führenden Investmentbanken eingesetzt.