Anspruch und Cloud-Realität

Die Cloud wird gesellschaftsfähig

06.02.2013
Von 
Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Die Cloud ist im Business angekommen. Davon wollen auch die großen Softwareanbieter profitieren und drehen auf neuen Kurs. Zwischen Anspruch und Cloud-Realität klafft aber noch immer eine große Lücke.

Cloud Computing ist salonfähig geworden. Das gilt mittlerweile auch für die großen Anbieter von BusinessSoftware, die noch vor wenigen Jahren Software as a Service und die Cloud als Modeerscheinung geschmäht hatten. Heute avanciert die Cloud für Softwarekonzerne wie SAP und Oracle zum großen Hoffnungsträger für die Zukunft.

Die Anbieter - hoffnungsvoll

Foto: HaywireMedia, Fotolia.com

SAP will seinen Cloud-Umsatz in diesem Jahr mehr als verdoppeln - von 342 Millionen Euro 2012 auf rund 750 Millionen Euro. Bis 2015 sollen es sogar zwei Milliarden Euro sein. Das wären zehn Prozent vom Gesamtumsatz. Dann wollen die Walldorfer auch so weit sein, ihr Business in der IT-Wolke profitabel betreiben zu können.

Der größte deutsche Softwareanbieter hatte seinen Cloud-Vorstoß zuletzt vor allem durch Übernahmen forciert. Nachdem der Start mit dem selbst entwickelten Cloud-ERP-Paket "Business ByDesign" eher holprig verlief und sich auch immer wieder verzögert hatte, drohte SAP den Anschluss zu verpassen. Für die Akquisitionen von SuccessFactors, einem Anbieter von Talent-Management-Lösungen aus der Cloud, und Ariba, das eine IT-Einkaufsplattform im Netz bietet, investierten die Softwerker aus dem Badischen insgesamt 7,7 Milliarden Dollar. Damit sehen sich die SAP-Verantwortlichen nun in der richtigen Cloud-Spur. "Die Cloud hat für uns erst richtig mit dem Zukauf von SuccessFactors begonnen", sagte Co-CEO Jim Hagemann Snabe.

Konkurrent Oracle hat das Ruder ebenfalls auf Cloud-Kurs umgelegt. Gründer und CEO Lawrence Ellison, der vor wenigen Jahren noch über die Cloud hergezogen hatte, singt heute mit im Chor der Cloud-Befürworter. Auf der Kundenveranstaltung OracleWorld im Herbst 2012 kündigte er ein umfassendes Angebot aus Software-as-a-Service-(SaaS-), Platform-as-a-Service- (PaaS-) und Infrastructure-as-a-Service- (IaaS-)Lösungen an.

Auch der britische Softwarehersteller Sage, der mit seiner Business-Software in erster Linie kleine und mittelständische Kunden umwirbt, setzt große Hoffnungen in die Cloud. "Hybride wie reine Cloud-Lösungen sind in vielen kleinen und mittleren Unternehmen inzwischen Realität und stehen 2013 vor dem finalen Durchbruch", konstatiert Peter Dewald, Geschäftsführer der Sage Software GmbH. In beinahe jedem Auswahlgespräch komme mittlerweile die Frage auf den Tisch, ob die Software auch als Cloud-Lösung genutzt werden könne.

Der Markt - real

"Cloud Computing ist längst Realität im deutschen IT-Markt", stellen auch die Experton-Group-Analysten Carlo Velten und Steve Janata fest
"Cloud Computing ist längst Realität im deutschen IT-Markt", stellen auch die Experton-Group-Analysten Carlo Velten und Steve Janata fest
Foto: Experton Group

"Cloud Computing ist längst Realität im deutschen IT-Markt", stellen auch die Experton-Group-Analysten Carlo Velten und Steve Janata fest. Ihrer Einschätzung nach werden in diesem Jahr rund fünf Prozent der IT-Ausgaben deutscher Unternehmen in die IT-Wolke fließen. Insgesamt summierten sich die Investitionen für Cloud-Services, Cloud-Integration und -Beratung sowie Cloud-Technik damit auf etwa 4,6 Milliarden Euro - ein Plus von 52 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und der Schwung hält an. Auch 2014 soll der deutsche Cloud-Markt über 50 Prozent zulegen auf dann über 6,9 Milliarden Euro. Die Experton Group erwartet, dass in den kommenden Jahren vor allem die Ausgaben für Cloud-Services im Verhältnis zu den anderen Kategorien wie Technik und Integration/Beratung noch mehr Gewicht bekommen werden.

Auch wenn diese Zahlen dem Cloud-Business eine rosige Zukunft verheißen, warnen die Experton-Analysten vor verfrühter Euphorie. Noch mache Cloud Computing nur einen relativ kleinen Teil der gesamten IT-Ausgaben aus. "Der Weg in die Cloud gleicht einem Marathon", sagen Velten und Janata. "Und wir befinden uns vielleicht gerade auf Kilometer fünf. Es ist also ein langer Atem gefragt."

Den brauchen Anbieter wie auch Anwender. Nach wie vor ist die Branche damit beschäftigt, sich selbst zu definieren sowie offene Fragen rund um Datenschutz und die Integration von Cloud-Diensten zu klären. Oft fehlt noch die Transparenz, wie viel Cloud wirklich in den einzelnen Offerten steckt, und das Verständnis, was die Cloud ausmacht. So haben die Analysten der Experton Group im Rahmen ihres "Cloud Vendor Benchmark 2012" über 350 IT-Provider unter die Lupe genommen, die Lösungen unter dem Cloud-Label anboten. Die Prüfung bestanden haben letztlich nur 109 Anbieter, denen die Experten ein ernst zu nehmendes Cloud-Portfolio bescheinigten.

Der Markt echter SaaS-Lösungen mit multimandantenfähiger Architektur sowie einem zentralen Release- und Patch-Management sei deutlich kleiner als oft angenommen, haben Velten und Janata festgestellt. Bei vielen Cloud-Angeboten handle es sich lediglich um gehostete Instanzen bestehender On-Premise-Versionen. Damit erhielten die Kunden zwar eine gewisse preisliche Flexibilisierung, könnten aber von den zentralen Vorteilen des Cloud-Modells nicht wirklich profitieren.

Cloud Computing verspricht vor allem eine elastische und flexible IT-Nutzung. Der Kunde zahlt nur das, was er wirklich nutzt. "Die Wirklichkeit sieht jedoch noch etwas anders aus", kritisiert Rüdiger Baumann, CEO von Zimory, einem Anbieter von Cloud-Management-Lösungen. Anwender müssten in den Verhandlungen mit den Service-Providern um jedes Detail in den Service-Level-Agreements (SLAs) ringen. "Die so erkaufte Flexibilität verdient ihren Namen zumeist nicht", so sein Fazit. "Der Kunde steckt nun fest in einem Korsett mit einem Dienstleister, während der geschlossene Vertrag unerwartete Entwicklungen kaum mitmacht."

Die Anwender - verärgert

Das sorgt für Ärger unter den Anwendern. In einer Forrester-Umfrage äußerten sich 83 Prozent der 200 befragten CIOs frustriert darüber, dass sie sich erst durch viel Marketing wühlen müssten, um zu erkennen, wie viel Cloud wirklich in den Angeboten steckt. Auf das "Cloud-washing" folgt oft Ernüchterung. Zwei von drei IT-Verantwortlichen bemängelten zu starre Konditionen. Weitere Kritikpunkte: mangelnde Elastizität und fehlende Self-Services.

Nichtsdestotrotz ist die Cloud aus der Schatten-IT herausgetreten und in der Unternehmensrealität angekommen, stellt Forrester-Analyst James Staten fest. Die IT-Abteilungen leugneten nicht länger, dass es Cloud Computing in ihrem Unternehmen gebe. Fast die Hälfte aller Firmen plane mitterweile mit Applikationen aus der Wolke. "Aber nicht alles wird in die Cloud wandern", sagt Staten. Es werde auch in Zukunft Prozesse, Daten und Workflows geben, die spezifische Inhouse-Lösungen erforderten.Auch mit den Kostenmythen werde zusehends aufgeräumt, glaubt der Experte: "Die Cloud ist nicht automatisch günstiger." Mit dem richtigen Nutzungsmodell seien Kostenvorteile erzielbar, dafür müssten die Anwender allerdings die wirtschaftlichen Hintergründe verstehen lernen sowie die Nutzung optimieren und kontrollieren.

Dass dies den CIOs gelingt, ist allerdings längst nicht ausgemacht. Capgemini hat in einer Befragung unter 460 Konzernen weltweit herausgefunden, dass in fast der Hälfte der Organisationen einzelne Geschäftsbereiche das Cloud-Heft in die Hand genommen haben. "Die Cloud hat einen neuen Benchmark dafür gesetzt, wie schnell, einfach und flexibel Lösungen bereitgestellt werden können", sagt Ron Tolido, Senior Vice President von Capgemini. "Das rückt die Beziehung von IT und Business in eine völlig neue Perspektive." (mhr)