AWS Summit Berlin 2015

Deutschland ist auf Public Cloud Kurs

03.07.2015
Von   


René Büst ist Research Director in Gartners Managed Business and Technology Services Team mit Hauptfokus auf Infrastructure Services & Digital Operations. Er analysiert Entwicklungen im Bereich Cloud Computing (Anbieter von Managed Cloud-Services und Public Cloud sowie Cloud-Strategien wie IaaS, PaaS und Multicloud), digitale Infrastrukturen und Managed Services sowie den Einfluss der digitalen Transformation auf die IT. Seit Mitte der 90er Jahre konzentriert sich Herr Büst auf den strategischen Einsatz der IT in Unternehmen und setzt sich mit deren Einfluss auf unsere Gesellschaft sowie disruptiven Technologien auseinander.

Unternehmenskunden entdecken die Public Cloud

Unternehmen jeder Größe können von der Public Cloud profitieren. Startups haben den Vorteil dort auf der grünen Wiese zu starten und schleppen keine Legacy mit sich. Sie können dort langsam wachsen, ohne von Beginn an massiv in IT-Ressourcen zu investieren. Bestehende Unternehmen benötigen in der heutigen Zeit insbesondere eines: Geschwindigkeit, um mit den sich schnell verändernden Marktbedingungen mithalten zu können. Eine Idee zu haben ist hierbei nur der Anfang. Meistens scheitert der schnelle Go-to-Market jedoch an der technischen Umsetzung auf Grund von nicht schnell genug zur Verfügung stehenden IT-Ressourcen sowie modernen Tools und Services, die bei der Entwicklung maßgeblich unterstützen können.

Nachdem AWS quasi das Who is Who der Startup-Szene zu seinen Kunden zählen darf, geht es nun verstärkt darum, immer mehr Unternehmenskunden auf die Infrastruktur zu lotsen. International stehen mit Unilever, Qantas, Dole, Netflix, Norvatis oder Nasdaq schon große Namen auf der Liste. In Deutschland wurde nach Talanx und Kärcher auf dem AWS Summit 2015 mit Audi nun auch mal ein richtiges Schwergewicht präsentiert.

Audi

Audi hat sich im Rahmen seines neuen Mobilitätsprogramms "Audi on Demand" für AWS entschieden, um Kunden individuelle Dienste anzubieten. Gründe hierfür sind die Anforderungen an einen reibungslosen 24/7-Betrieb sowie die Möglichkeit der globalen Skalierbarkeit, um Kunden weltweit schnell zu erreichen und Daten in den einzelnen Ländermärkten lokal vorhalten zu können.
Hierfür setzt Audi auf eine Vielzahl von AWS-Services und -Funktionen, darunter Amazon Virtual Private Cloud, ein Multi Availability Zones Konzept und Amazon EC2. Ein entscheidendes Detail: Audi hat die Organisationsstruktur von einem hierarchischen hin zu einem vollvermaschten Modell transformiert, das um die IT herum aufgebaut wurde.

Zalando

Zalando hat sich von dem eigenen Rechenzentrum verabschiedet und die IT-Infrastruktur seines eCommerce-Shops in die AWS-Cloud überführt. Dies hat vor allem strategische Gründe, um die Innovation und Kreativität des Unternehmens zu fördern. Hierfür befähigt Zalando seine Mitarbeiter dazu, autonom zu agieren und darüber die notwendige IT-Infrastruktur schneller bereitzustellen als zuvor. Damit ist Zalando in der Lage seinen Kunden schneller neue Funktionen zu bieten.
Zalandos Beispiel zeigt jedoch, wie wichtig der kulturelle Wandel ist, wenn Innovation und Kreativität, unterstützt durch die Cloud, gefördert werden sollen. Hierzu orientiert sich das Unternehmen an etwas, das es selbst als "Radical Agility" bezeichnet. Dabei geht es unter anderem um die Organisation und Architektur, die es erforderlich macht, um den eigenen Teams die Möglichkeiten zu geben, mehr Platz und Freiraum zum Lernen zu geben und in diesem Zusammenhang den Mitarbeitern es zu erlauben Fehler zu machen. Schließlich ist es nur so möglich zu verstehen, wie massiv komplexe Applikationen entwickelt werden.

Zanox

In einem persönlichen Briefing berichtete Sascha Möllering, Lead Engineer bei der Zanox AG, von seinen Erfahrungen bei der Nutzung der AWS-Cloud. Möllering ist maßgeblich für den Aufbau der virtuellen IT-Infrastruktur und der Entwicklung des Backend-Service verantwortlich, der von dem Zanox Affiliate Marketing Netzwerk verwendet wird. Zanox betreibt eine Rechenzentrumsinfrastruktur in Berlin, um den europäischen Markt zu bedienen. Allerdings nimmt die Anzahl von Kunden in Brasilien immer weiter zu. Zanox ist somit auf eine globale Skalierbarkeit angewiesen, um die Kunden in dem Ländermarkt performant zu bedienen. Die Herausforderung besteht in der hohen Latenz, um Daten schnell genug auszuliefern. Dies ist zugleich der Hauptgrund, warum sich Zanox für AWS entschieden hat.

Über die Cloud-Region "Sao Paulo" stehen Zanox drei Availability Zones und vier Edge-Standorte in Brasilien zur Verfügung. Für diesen Zweck hat Möllering eine native Applikation für AWS entwickelt, sich dabei jedoch nur auf den Einsatz von Kern-Services konzentriert, um einen AWS-Service Lock-in bestmöglich zu verhindern. Denn auf die eigene Rechenzentrumsinfrastruktur in Berlin wird zunächst nicht verzichtet und AWS nur in einem hybriden Modell angebunden. Weiterhin hat Möllering für den AWS-Fehlerfall geplant und ein Multi-Region- beziehungsweise Multi-Cloud-Szenario berücksichtigt. Hierzu hat er ein eigenes Modul entwickelt, welches die APIs von Amazon Kinesis, dem Microsoft Azure Service Bus sowie Apache Kafka implementiert, um in keinem Fall den eingehenden Datenstrom und damit keine Daten zu verlieren."

Die Public Cloud ist in Deutschland angekommen

Der AWS Summit in Berlin war ein guter Indikator dafür, dass immer mehr deutsche Unternehmen die Public Cloud für sich entdecken. Gespräche mit Kunden, Partnern und Systemintegratoren zeigen eine positive Entwicklung. Mit Audi hat einer der führenden deutschen Autohersteller aus einer der ältesten Industrien gezeigt, dass er das Potenzial und die Notwendigkeit der Public Cloud erkannt hat.

Das Vertrauen in die Public Cloud wächst und die Zeit spielt für die Public Cloud Anbieter wie auch Microsoft Azure und gegen die deutschen Unternehmen. Wer nicht digital transformiert, der verschwindet früher oder später vom Markt. Wer den Anschluss in der digitalen Transformation bei Themen wie Internet of Things, Smart Products oder eCommerce nicht verlieren will, der wird zwangsläufig nicht um die Public Cloud herumkommen.

AWS ist einer der Public Cloud Anbieter, der in diesem Transformationsprozess helfen kann. Aber, AWS ist komplex! Sowohl im Aufbau als auch im Betrieb und der Administration der virtuellen Infrastruktur auf der Amazon Cloud und damit auch im Hinblick auf die Entwicklung von Web-Applikationen und Backend-Services. Das hat zum einen das Gespräch mit Zanox wieder einmal verdeutlicht und bestätigt Gespräche, die mit anderen AWS-Interessenten geführt werden. Zudem ist das notwendige Cloud-Wissen weiterhin nur begrenzt vorhanden und es wird noch Zeit brauchen, bis dieses in der Breite angekommen ist. (bw)