Platz 13 im DESI-Ranking

Deutschland bleibt digitales Mittelmaß

02.08.2022
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Jährlich berichtet die EU-Kommission über die digitalen Fortschritte in ihren Mitgliedsstaaten. Wieder einmal kommt Deutschland im DESI-Ranking nicht über einen Platz im Mittelfeld hinaus.
Für mehr als Platz 13 hat es im aktuellen DESI-Ranking für Deutschland nicht gereicht.
Für mehr als Platz 13 hat es im aktuellen DESI-Ranking für Deutschland nicht gereicht.
Foto: EU-Kommission

Es ist die zweitschlechteste Platzierung der Geschichte. Deutschland erreicht im aktuellen Index für die digitale Wirtschaft und Gesellschaft (DESI) der EU-Kommission gerade einmal Platz 13. Lediglich in den Jahren 2017 und 2018 fiel das Ergebnis mit Rang 14 noch schlechter aus. Die besten Platzierungen datieren noch aus den Anfangsjahren des DESI-Rankings. Aber auch 2014 und 2015 reichte es nur zu Platz 10 unter allen EU-Mitgliedsstaaten.

Der Abstand zur Spitzengruppe bleibt groß. Deutschland erreichte im Ende Juli vorgestellten DESI-Index einen Punktewert von 52,9, nur knapp über dem EU-Durchschnittswert von 52,3. Die Staaten ganz vorne im Ranking liegen dagegen bei Werten von knapp 70. Es sind über die Jahre immer die gleichen Länder, die sich im Digitaltest vorne behaupten: die Skandinavier Finnland, Schweden und Dänemark sowie die Niederlande. Die Führung wechselt immer mal wieder. Aktuell haben die Finnen knapp die Nase vorn (69,6). 2021 waren es die Dänen.

Seit 2014 dokumentiert die EU-Kommission die digitalen Fortschritte in den Mitgliedsstaaten. Vier Kennzahlen fließen im DESI-Index zusammen:

  • Humankapital,

  • Konnektivität,

  • Integration der Digitaltechnik und

  • Digitale öffentliche Dienste.

Die Euro-Politiker verfolgen ambitionierte Ziele. Sie haben die digitale Dekade für Europa ausgerufen und wollen den Kontinent digital rundum erneuern - von der Politik über die Verwaltung und Wirtschaft bis zur gesamten Gesellschaft. Dafür braucht es allerdings mehr Verve. Bisher verlaufe die Digitalisierung in der EU uneinheitlich, heißt es in Brüssel. Während die Spitzenreiter unangefochten vorne blieben, bewege sich eine große Gruppe von Mitgliedstaaten auf Durchschnittsniveau. Dabei sei hervorzuheben, dass die meisten EU-Staaten, die noch vor fünf Jahren einen geringeren Digitalisierungsgrad aufwiesen, heute viel schneller als die übrigen Länder vorankommen.

Digitale Dekade hängt auch an Deutschland

Die EU möchte kollektive Anstrengungen aller Länder sehen. Besonders im Fokus der EU-Kommission ist Deutschland: "Angesichts seiner Position als größte Volkswirtschaft der EU werden die Fortschritte Deutschlands bei der digitalen Transformation in den kommenden Jahren entscheidend sein, damit die EU insgesamt bis 2030 ihre Ziele für die digitale Dekade erreichen kann", hieß es.

Deutschland wird also seine digitalen Anstrengungen forcieren müssen, gibt es doch in etlichen Bereichen viel Luft nach oben:

  • Im Bereich Humankapital erzielt Deutschland laut DESI 2022 Deutschland gemischte Ergebnisse. Bei den Indikatoren "Mindestens grundlegende digitale Kompetenzen" liegt das Niveau leicht unter dem EU-Durchschnitt. Dagegen rangiert der Anteil der Fachkräfte im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) über dem EU-Durchschnitt.

  • Was die Konnektivität angeht, attestiert die EU-Kommission Deutschland gute Ergebnisse. Das liegt aber vor allem an einer guten Abdeckung im Festnetz mit sehr hoher Kapazität (VHCN). Im Bereich Glasfaser liegt Deutschland nach wie vor zurück. Mit 15,4 Prozent zählt die Bundesrepublik hier zu den schwächsten Mitgliedstaaten in der EU. Auch die digitale Kluft zwischen ländlichen und städtischen Gebieten ist weiter tief.

  • In Sachen Digitalisierung der Unternehmen liegen die meisten deutschen Kennzahlen nahe am EU-Durchschnitt. Es gibt jedoch Verbesserungspotenzial bei den kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Hier sei man von einer "mindestens grundlegenden digitalen Intensität" noch ein deutliches Stück entfernt.

  • Auch die digitalen Angebote im öffentlichen Dienst sind laut DESI-Report nur Mittelmaß. Hinsichtlich des Indikators "Offene Daten" schneide Deutschland gut ab, doch die Interaktion zwischen staatlichen Stellen und den Bürgerinnen und Bürgern könnte durchaus verbessert werden.

Berlin schweigt zu DESI 2022

Die Bundesregierung hat Deutschlands wenig schmeichelhafte Platzierung im DESI-Ranking bislang nicht kommentiert. Kein Ministerium sah sich bemüßigt, Stellung zu beziehen. Weder Digitalminister Volker Wissing aus dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr noch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck oder Innenministerin Nancy Faeser haben sich zu Wort gemeldet - obwohl alle drei den Anspruch erheben, in Sachen Digitalisierung mitzureden. Aus dem Bundeskanzleramt, das nach dem Kompetenzgerangel der vergangenen Monate rund um die Digitalstrategie der Bundesregierung eigentlich die Fäden in die Hand nehmen wollte, war ebenfalls kein Wort zu DESI 2022 zu vernehmen.