Brexit

Deutsche Industrie fürchtet No-Deal

29.06.2020
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Der Brexit rückt näher, doch immer noch sind die Details nicht geklärt. Trotz guter Vorbereitung werden deutsche Unternehmen nervös. Eine Verschärfung der Wirtschaftskrise und Personalabbau scheinen unvermeidlich.
No Deal, no Problem? Das sieht (nicht nur) die deutsche Wirtschaft anders.
No Deal, no Problem? Das sieht (nicht nur) die deutsche Wirtschaft anders.
Foto: Ben Gingell - shutterstock.com

Die Brexit-Verhandlungen sind festgefahren und der britische Verhandlungspartner macht trotz der gegenwärtigen tiefen Rezession auf der Insel keinen Hehl daraus, dass er auch einen "No-Deal"-Ausstieg akzeptieren würde. Auch die europäischen Verhandlungspartner um Michel Barnier gehen auf Konfrontationskurs. Die deutsche Wirtschaft ist in Sorge.

Brexit meets COVID-19: Die Folgen

Das Beratungsunternehmen Deloitte hat zusammen mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Ende Mai 248 deutsche Großunternehmen mit wirtschaftlichen Verbindungen ins Vereinigte Königreich befragt. Welche Erwartungen hegen die Betriebe hinsichtlich der laufenden Verhandlungen und der möglichen Konsequenzen für den Standort Deutschland? Und wie gut fühlen sie sich auf den Brexit vorbereitet?

Es zeigt sich, dass 30 Prozent der Befragten inzwischen einen No-Deal-Brexit fürchten, während jeweils ein Viertel von einer Verlängerung der Übergangsphase oder einem Freihandelsvertrag ausgeht. Die EU-Forderung nach fairem Wettbewerb wird als größtes Konfliktfeld der Verhandlungen gesehen.

Vor allem beim Thema Staatshilfen gehen die Meinungen weit auseinander: Die EU möchte die Briten an ihre strengen Regeln binden, um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern und Dumping zu vermeiden. Doch Premier Boris Johnson und seine Ministerriege wollen sich nicht an die Leine nehmen lassen, zumal sie im Zuge der Coronakrise politisch gute Chancen für einen Neuanfang sehen: Konjunkturprobleme lassen sich auf das Virus schieben, nicht auf die schwierigen Brexit-Verhandlungen.

Deutsche Unternehmen: Brexit-ready?

Durch die Coronakrise hat ein Drittel der deutschen Unternehmen seine Brexit-Vorbereitungen verschoben oder zurückgefahren. Dennoch sehen sich drei von vier Betrieben gut vorbereitet. Sie haben vor allem die Brexit-Betroffenheit von Zulieferern und Dienstleistern überprüft, sich auf verschärfte Einfuhrkontrollen und auch auf ganz neue Zölle vorbereitet sowie laufende Verträge angepasst.

65 Prozent der Unternehmen haben den Brexit zur Chefsache gemacht, hier haben die Geschäftsführungen selbst die Verantwortung für die Vorbereitungen übernommen. Nur acht Prozent haben eine Brexit-Taskforce ins Leben gerufen. In allen anderen Fällen waren Bereichs- und Abteilungsleiter sowie Gruppen- und Teamleiter zuständig.

Viele haben die operative Steuerung von Geschäften innerhalb der EU von England in ein anderes EU-Land verlegt und teilweise auch ihre Datenverarbeitung verschoben. Aus Sicht der britischen Regierung besonders kritisch: Bereits 29 Prozent haben ihre britischen Zulieferer und Dienstleister ausgetauscht, weitere 38 Prozent hegen entsprechende Pläne - das betrifft vor allem die Automobilindustrie.

No-Deal-Brexit: Banker fürchten großen Schaden

Das ändert aber nichts daran, dass 40 Prozent der deutschen Großunternehmen einen hohen Schaden erwarten. Während sich die Automobilindustrie gut vorbereitet sieht, fürchtet das Bankenwesen die schwersten Rückschläge. Ein Viertel der Studienteilnehmer hat Geschäftsteile nach Deutschland zurückgeholt, fast 40 Prozent entschieden sich für die Verlagerung in andere europäische Länder. Die Befragten hoffen nach dem Ausscheiden Großbritanniens mehrheitlich auf eine vertiefte europäische Integration - allerdings nicht im Sinne einer allgemeinen Zentralisierung, sondern eher fokussiert auf einzelne Felder der Politik. Die EU solle sich außerdem auf den Ausbau neuer Technologien konzentrieren und gemeinsam eine wirksame Sicherheitspolitik vorantreiben.

Befragt nach Chancen und Risiken, zeigt sich eine Mehrheit (54 Prozent) davon überzeugt, dass der Finanzplatz Deutschland gestärkt werden könne. Deutschland könne attraktiver für ausländische Investoren werden (44 Prozent) und bestehende Unternehmensteile könnten zurück nach Deutschland verlagert werden (49 Prozent). Als größtes Risiko wird indes ein potenzielles Auseinanderfallen der EU gesehen (45 Prozent), außerdem der voraussichtlich nachlassende Handel mit dem Vereinigten Königreich (40 Prozent). Käme es zu einem harten Brexit, gehen 30 Prozent der Befragten davon aus, in ihren Unternehmen Stellen streichen zu müssen.