Autonomes Fahren: Technologie vs. Mensch

Der Tesla-Autopilot-Unfall und die Folgen

16.09.2016
Von  und Lucas Mearian


Florian beschäftigt sich mit vielen Themen rund um Technologie und Management. Daneben betätigt er sich auch in sozialen Netzen.

Beta-Software: Zu unsicher für die Praxis?

Tesla Motors gilt als Pionier für rein batteriebetriebene Fahrzeuge und möchte bei eben jener Automatisierung eine führende Rolle spielen. Die Fangemeinde des US-Elektroautobauers bringt der Marke eine fast schon kultische Verehrung entgegen und ist oft voll des Lobes, wenn es um Fahrverhalten, Verarbeitungsqualität und Dynamik ihrer Elektroboliden geht. Auch der Autopilot war bis dato ein von Fans hochgepriesenes Alleinstellungsmerkmal.

Ein Blick ins Cockpit des Tesla Model S. Der Screen dient als zentrale Schalt- und Informationszentrale für den Fahrer.
Ein Blick ins Cockpit des Tesla Model S. Der Screen dient als zentrale Schalt- und Informationszentrale für den Fahrer.
Foto: Tesla Motors

Wie viele andere Tesla Model S-Besitzer hatte auch der tödlich verunglückte Joshua Brown Videos im Netz gepostet, auf denen die Tesla-Software in Aktion zu sehen ist. Der Fahrer des am Unfall beteiligten LKWs hatte nach dem Unfall behauptet, der Tesla-Besitzer habe einen "Harry Potter"-Film während der Fahrt geschaut - diese Behauptungen konnte die Polizei allerdings nicht bestätigen. Seitens Tesla hieß es, das Ansehen von Filmen sei während der Fahrt über den zentralen Infoscreen des Model S nicht möglich.

Dass Brown begeisterter Technologie-Anhänger war, ist hingegen belegt. Auch der Autopilot konnte die Begeisterung des Verunglückten wecken: Ein von ihm erstelltes Video, in dem zu sehen ist, wie die Software eine Kollision mit einem plötzlich ausscherenden Fahrzeug verhindert, wurde von Tesla-CEO Elon Musk persönlich auf Twitter geteilt. Der wollte der Weltöffentlichkeit damit demonstrieren, welche Möglichkeiten im Autopilot schlummern.

Das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hatte sich bezüglich des Beta-Status der Software im Zuge des Medienrummels ebenfalls zu Wort gemeldet: "Wenn mit der Bezeichnung ‚Beta-Version‘ ein ‚unfertiger‘ Stand der Software gemeint ist, würde das KBA eine Funktionalität mit einer derartigen Software nicht genehmigen", hatte ein Sprecher des Flensburger Amtes der Welt am Sonntag gesagt.

Tesla-Chef Elon Musk erklärte daraufhin via Twitter, der Autopilot sei keine unfertige Technologie, obwohl sie unter der Bezeichnung ‚Beta‘ eingeführt worden sei. Tesla meine damit vielmehr, dass damit noch nicht eine Milliarde Meilen unter echten Straßenbedingungen gefahren worden seien. Man habe außerdem zu dem Wort gegriffen, damit die Fahrer es sich nicht zu bequem am Steuer machten, erläuterte Musk weiter: "Es ist keine Beta-Software im üblichen Sinn."

Teslas Autopilot-Software übernimmt auf Wunsch des Fahrers Gas, Bremse und Lenkung.
Teslas Autopilot-Software übernimmt auf Wunsch des Fahrers Gas, Bremse und Lenkung.
Foto: Tesla Motors

Das Autopilot-System sei mit der Bezeichnung "Beta" versehen worden, "um für die, die sich entscheiden, es zu nutzen, zu betonen, dass es nicht perfekt ist", schrieb Musk weiter. Bevor eine Milliarde Meilen gefahren seien, "sind einfach nicht genug Daten da". Die Technik sei ausgiebig im Labor und mit Testflotten erprobt worden. "Aber es gibt keinen Ersatz für Erfahrungen aus der realen Welt."

Nachdem Tesla vor kurzem bekannt gab, der Autopilot-Software ein umfassendes Update zukommen lassen zu wollen, wurde ein neuer tödlicher Unfall mit einem Tesla Model S bekannt, diesmal in China. Ein 23-jähriger hatte das Model S seines Vaters ausgeliehen und war aus bisher ungeklärten Gründen mit einer Kehrmaschine kollidiert. Wie das chinesische Staatsfernsehen CCTV berichtet, sei die Autopilot-Software des Wagens zum Zeitpunkt des Unfalls aktiviert gewesen. Tesla hat inzwischen offiziell Stellung genommen und angekündigt, den Unfall zu untersuchen - allerdings stünden keinerlei Fahrzeugdaten zur Verfügung, die belegen könnten, dass die Software zum Unfallzeitpunkt tatsächlich aktiviert war. Im nachfolgenden Video sehen Sie einen ausführlichen Bericht zum Thema im chinesischen Staatsfernsehen, in dessen Rahmen auch Szenen vom Unfallhergang veröffentlicht wurden. Bekannt wurde der Fall, nachdem der Vater des Verunglückten Klage gegen Tesla eingereicht hat.

Autonomes Fahren: Zwischen Faszination und Leichtsinn

Tesla hat mit Features wie selbständigen Lenkmanövern oder autonomen Spurwechseln ohne Frage ein neues Praxis-Level in Sachen Assistenzsysteme beschritten, während die Mainstream-Konkurrenz gerade Abstandsregeltempomaten und Bremsassistenten als Grundausstattung ihrer Fahrzeugpaletten etabliert. Dennoch betont der US-Autobauer bereits seit längerem, dass der Autopilot keine Technologie für vollautonomes Fahren darstellt, sondern lediglich bei den Fahraufgaben unterstützen soll.

Das hat die Tesla-Fans bislang jedoch nicht davon abgehalten, den Autopiloten so zu behandeln, als könne er sie als Fahrer vollständig ersetzen. Trotz der Onscreen-Hinweise im Model S - die Tesla in einem Blogeintrag eingehend beschreibt: "Wenn der Fahrer den Autopilot aktiviert, öffnet sich ein Bestätigungs-Screen der unter anderem darauf hinweist, dass es sich um einen Assistenten handelt, die Hände zu jedem Zeitpunkt am Lenkrad bleiben müssen und der Fahrer die Kontrolle und Verantwortung über das Fahrzeug behalten muss."

Wie ernst die Fangemeinde die Handlungsanweisungen des Herstellers nimmt, wurde klar, als nur Tage nachdem die Software per Over-the-Air-Update angeboten wurde, eine ganze Armada von Videos auf YouTube und anderen Videoplattformen auftauchte. Der Inhalt: stolze Model S-Besitzer, die demonstrierten, wie gut der Autopilot funktioniert - auch ohne Hände am Steuer. Einer der Hauptdarsteller trieb das Ganze auf die Spitze, indem er während der Fahrt auf den Rücksitz seines Tesla kletterte, um so sein unbändiges Vertrauen in die Technologie unter Beweis zu stellen.

Tesla-CEO Musk hatte angesichts dieser Entwicklungen angekündigt, die verfügbaren Funktionen des Autopiloten eventuell einschränken zu wollen. Das könnte zum Beispiel mit dem Update auf Autopilot 2.0 in die Tat umgesetzt werden. Die Software-Aktualisierung soll - auf Grundlage der Daten des aktuellen Beta-Autopiloten - noch in diesem Jahr zahlreiche Verbesserungen für die semiautonomen Tesla-Modelle bringen. Auf Nachfrage der Kollegen von der Computerworld wollte sich Tesla allerdings nicht zu "Gerüchten oder Spekulationen" äußern.