Fraunhofer-Experte Bauernhansl

"Der Mittelstand hat Nachholbedarf in Sachen Industrie 4.0"

Frank Engelhardt ist als Vice President Enterprise Strategy Salesforce Central Europe für das Thema Digitale Transformation zuständig. Er berät Kunden auf ihrem Weg und bei der Umsetzung von Strategien zur kundenzentrierten Digitalen Transformation unter Einsatz der neusten Innovationen im Bereich Cloud, Social, Mobile und Data Science. Seit 2003 ist Frank Engelhardt bei Salesforce und hatte seitdem verschiedene Führungspositionen in der Firmenzentrale in den USA und in Deutschlande inne. Bevor er 2011 nach Deutschland zurückkehrte, hat er mehr als 15 Jahre im Silicon Valley verbracht.
Der Mittelstand hat die mit Industrie 4.0 verbundenen Chancen noch nicht ausreichend erkannt, sagt Prof. Dr.-Ing. Thomas Bauernhansl von der Universität Stuttgart im Interview.

Thomas Bauernhansl ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung IPA und des Instituts für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) der Universität Stuttgart. Im Interview mit dem Autor spricht er über die Bedeutung von Industrie 4.0 und die damit verbundenen Veränderungen der Geschäftsprozesse.

Vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland ist die Dringlichkeit des Themas Industrie 4.0 noch nicht bewusst, urteilt der Fraunhofer-Experte Thomas Bauernhansl.
Vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland ist die Dringlichkeit des Themas Industrie 4.0 noch nicht bewusst, urteilt der Fraunhofer-Experte Thomas Bauernhansl.
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Die Diskussion rund um Industrie 4.0 wird nun schon sehr lange geführt. Sind die Dringlichkeit und die Relevanz des Themas dem deutschen Mittelstand bewusst?

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Bauernhansl: Vielen mittelständischen Unternehmen in Deutschland ist die Dringlichkeit des Themas noch nicht bewusst. Zum Beispiel stellte der vde Trendreport fest, dass sich nur rund 10 Prozent der deutschen Firmen operativ mit Industrie 4.0 beschäftigen. Das hat mehrere Gründe: Sie spüren noch nicht die Notwendigkeit, verstehen die Fachbegriffe nicht oder haben die entstehenden Chancen nicht erkannt. Diese Hürden liegen aber nicht nur an den Unternehmen selbst. Seit der Einführung des Begriffs "Industrie 4.0" im Jahr 2011 wird er für alle möglichen Technologien und Anwendungsfälle verwendet. Durch die Verwässerung des ursprünglichen Konzepts sind insbesondere kleine und mittlere Unternehmen häufig verwirrt. Doch falsche Entscheidungen auf Basis unzureichender Informationen können zu deutlichen Wettbewerbsnachteilen führen und im schlimmsten Fall sogar das Bestehen des Unternehmens bedrohen. Daher ist es wichtig, die Vernetzung der Wertschöpfung auf Basis digitaler Technologien zu verstehen - unabhängig von Modewörtern.

Wie gehen die Unternehmen diese Herausforderung konkret an? Müssen Sie vor einer Art digitalem Aktionismus warnen oder wie schätzen Sie die bisher umgesetzten Projekte ein?

Bauernhansl: Während bei kleinen und mittelständischen Unternehmen meist noch Nachholbedarf besteht, beschäftigen sich fast alle großen Hersteller bereits intensiv mit Industrie 4.0. Von einzelnen Pilotprojekten richtet sich der Fokus nun auf umfassendere Strategien. So investieren große Konzerne inzwischen dreistellige Millionenbeträge in Industrie 4.0, um die Effizienz der Produktion zu erhöhen. Dabei handelt es sich aber nicht um Aktionismus, sondern um gezielte Maßnahmen zur Sicherung der Zukunftsfähigkeit. Die nachgelagerten Zulieferer erkennen die Dringlichkeit von Industrie 4.0 jedoch noch nicht. Hier warten viele darauf, dass sie von ihren großen Kunden quasi dazu gezwungen werden. Doch dieses Abwarten könnte sich als fatal erweisen. Denn Industrie 4.0 besteht zu einem Großteil aus Lernen und Experimentieren, der Überprüfung der eigenen Prozesse und der Bereitstellung aller Daten in Echtzeit. Wer diese zeitaufwändige Phase verpasst, wird schnell vom Wettbewerb überholt.

Welche Veränderungen bringt die zunehmende Vernetzung für produzierende Unternehmen denn mit sich? Geht es nur darum, existierende Produkte mit Sensoren zu versehen oder kann Industrie 4.0 auch die Tür zu neuen Geschäftsmodellen öffnen?

Bauernhansl: Der erste Schritt in Richtung Industrie 4.0 besteht meist tatsächlich darin, bestehende Produktionssysteme, Maschinen und Werkzeuge mit zusätzlichen Sensoren und Aktoren sowie einem Zugang zu einer internetbasierten Plattform auszustatten. Doch der zweite Schritt besteht in der Veränderung der gesamten Produkt- und Leistungsarchitektur und hier insbesondere der Geschäftsmodelle, dem eigentlichen Kern der 4. Industriellen Revolution. Ein gutes Beispiel bildet aktuell der Automobilbereich, wo beispielsweise vom klassischen Auto unabhängige Mobilitätsplattformen als zusätzliche Services entwickelt werden. Diese integrieren Carsharing-Angebote, aber auch Taxi, Bus, Bahn und Fahrrad Anbindungen zu einem umfassenden Mobilitätsangebot. Dem Kunden wird also Mobilität nicht als Produkt, sondern als Dienstleistung über eine App verkauft. Dies erzeugt zusätzliche Erträge und ergänzt die Ausrichtung in diesem Sektor. Viele Unternehmen vergessen jedoch, während der Entwicklung eines neuen Geschäftsmodells wichtige Fragen zu stellen: Welchen Vorteil hat der Kunde? Welcher Zeitpunkt ist der richtige für die Einführung? Wie lässt sich das Feedback der Nutzer kontinuierlich in die Weiterentwicklung integrieren? Nur wenn diese beantwortet sind und die Organisation des Unternehmens für den Wandel richtig aufgestellt ist, kann es neue Geschäftsmodelle erfolgreich einführen und nutzen.

Bisher verdienen viele Unternehmen in der Hauptsache am Verkauf von Produkten. Wie wird sich der Umsatzanteil von Produkten und Services in Zukunft entwickeln?

Bauernhansl: Wie das genannte Beispiel zeigt, wird der Umsatzanteil von Services deutlich steigen und der Anteil der ohne Zusatzdienste verkauften Produkte entsprechend sinken. Wer also in seinem traditionellen Geschäftsmodell des reinen Vertriebs von Produkten verharrt, wird massiv Marktanteile verlieren. Im Zuge der Digitalisierung wird praktisch alles zum Service. Erste Experten sprechen schon vom Schlagwort XaaS, Everything as a Service. Dies entspricht auch den heutigen Kundenwünschen. Sie wollen zum Beispiel ihre Dokumente ausdrucken, aber nicht einen teuren Drucker kaufen. So bieten die Hersteller den Druck als Service an - inklusive Aufbau, Wartung und Support der Drucker sowie Recycling des Altgerätes. Nicht das Produkt wird verkauft, sondern der Nutzen. Der Kunde ruft bei einem Problem einfach die Servicenummer an - oder der Techniker kommt durch Predictive-Maintenance-Dienste sogar von selbst.

Welche Rolle spielen Technologieplattformen für eine erfolgreiche Implementierung von Industrie-4.0-Projekten und welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang die Cloud?

Bauernhansl: Technologieplattformen spielen eine sehr wichtige Rolle. Dabei sollten Unternehmen jedoch darauf achten, dass sie alle wesentlichen Bausteine enthalten, welche die Kerntechnologie von Industrie 4.0 ausmachen. Wichtige Elemente sind zum Beispiel eine innovative Benutzerschnittstelle, ein virtuelles Abbild der Nutzer-Realität in Echtzeit, Mehrwert erzeugende Software-Dienste, eine Life-Cycle-Umgebung für die physischen Systeme und Software-Dienste sowie Analysefunktionen auf Basis von Big Data und Machine Learning. Zudem sollte sie eine umfassende Vernetzung auf Basis von hochskalierbaren und ausfallsicheren Cloud-Plattformen unterstützen, die eine horizontale und vertikale Integration ermöglichen. Damit lassen sich zum Beispiel Arbeitsumfang und Funktionalität von Maschinen flexibel erzeugen und verteilen. Dies geht übrigens weit über die klassischen eher infrastrukturorientierten Cloud-Angebote hinaus und verlangt nach neuen Formen der Kooperation.

Bausteine der vierten industriellen Revolution
Bausteine der vierten industriellen Revolution
Foto: Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automation | Prof. Dr.-Ing.Thomas Bauernhansl

Wie sehen Sie die gerne verwendete Aussage "Daten sind das neue Öl" oder "die neue Währung" im Kontext von Industrie 4.0?

Bauernhansl: Dem kann ich nur zustimmen. Über die Daten lernen Unternehmen ihre Kunden und deren Wünsche kennen und können so personalisierte Produkte zum Preis nahe der Massenproduktion herstellen. Die Daten stammen dabei aus den vielen Geräten und Objekten, die den Kunden umgeben. Dazu gehören Smartphones und Wearables, künftig auch vernetzte Autos und Haushaltsgeräte. Dadurch erhalten die Anbieter völlig neue Dimensionen der Erkenntnis über die persönlichen Vorlieben und Verhaltensweisen des Kunden. Sie können sowohl seine Bedürfnisse automatisch analysieren als auch den Kunden eng in die Leistungserstellung einbinden. Dieser wird dann selbst ein Teil der Wertschöpfung, da er das Produkt mitentwickelt, es konfiguriert, bestellt und den Service durchführt. So wird der Konsument zum Prosument.