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Der elektronische Handel bestimmt die IT-Route 2000

05.01.2000
CW-Redakteure blicken in die Kristallkugel (1)

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Selten zeichneten sich die künftigen Anforderungen an die Informations- und Kommunikationstechnik deutlicher ab als zu Beginn des Jahres 2000. Unternehmen müssen ihre Anwendungen und Prozesse auf den elektronischen Handel ausrichten. Doch auf welche Technologien und Standards können sie dabei bauen? CW-Redakteure wagen einen Blick in die Zukunft...

Im ersten Teil unserer IT-Prognose geht es um die Bereiche Software und Internet. Teil 2 (Communications, Hardware, Karriere) lesen Sie an gleicher Stelle am kommenden Freitag - am morgigen Donnerstag, dem 6. Januar macht CW Infonet wegen des (in Bayern) gesetzlichen Feiertags Heilige Drei Könige einen Tag Pause.

Software: Zwang zur Integration

Unisono klang das Klagelied der traditionellen Softwarebranche im vergangenen Jahr: Der von Anwenderunternehmen aufgrund des Jahr-2000-Problems verordnete Investitionsstopp führte zu einem rückläufigen Lizenzgeschäft, das oft nur durch gestiegene Serviceumsätze ausgeglichen werden konnte. In diesem Jahr soll dafür um so mehr geklotzt werden, lautet die optimistische Prognose der Hersteller. Den Experten zufolge arbeiten immerhin noch 40 bis 50 Prozent der Anwender mit Einzellösungen anstatt mit integrierten ERP-Applikationen - die Einführung von R/3 und anderen Paketen wird uns demnach weiterhin beschäftigen.

Zeit für eine Konsolidierungsphase etwa zum ERP-Feintuning nach Projektabschluss wird es in diesem Jahr allerdings nicht geben. Angesichts der zunehmend globalen Konkurrenzsituation ist die schnelle Einführung einer wettbewerbssichernden Trendtechnik gefragt. Zur Auswahl stehen die bereits 1999 vorgestellten und inzwischen mehr oder weniger ausgereiften Applikationen für Customer-Relationship- und Supply-Chain-Management sowie für Business Intelligence (Data-Warehousing etc.). Auch die auf Workflow-Produkte und Dokumenten- beziehungsweise Knowledge-Management im weiteren Sinn spezialisierte Branche erhofft sich von diesem Jahr den großen Durchbruch.

Dieses vielfältige, meist im unmittelbaren ERP-Umfeld angesiedelte Applikationsspektrum stellt große Herausforderungen an die Anwender. Das mit der Einführung von Standardsoftware erledigt geglaubte Thema "Integration" erreicht kaum kalkulierbare Dimensionen - 30 bis 40 Prozent des IT-Budgets werden ohnehin schon für dieses Problem ausgegeben. Wen wundert es, dass die Hersteller auch hier mit einem Schlagwort schnell zur Stelle sind: "Enterprise Application Integration" heißt die Disziplin, die zum Teil auf altbekannten Middleware-Konzepten beruht, in jüngster Zeit aber ihre Ausprägung in Form von wartbaren "Adaptern" für gängige Standardprodukte findet. Wer jedoch Geschäftslogik zwischen den Systemen austauschen will, kommt auch hier nicht um aufwendige Projekte herum.

Wird das Dilemma zwischen Best-of-Breed-Ansatz und integriertem Gesamtpaket in diesem Jahr behoben? Einen wirklichen Lichtblick bietet die Extensible Markup Language (XML) als neutrales und im Vergleich zum Electronic Data Interchange (EDI) flexibleres und einfacher zu handhabendes Daten-Austauschformat. Branchengrößen wie SAP und Microsoft haben ihre Unterstützung bereits zugesagt. Hintergrund dieses bereitwilligen Aufspringens der Branche auf einen gemeinsamen Zug ist in erster Linie der E-Commerce. Vor allem im Hinblick auf virtuelle Marktplätze setzt er die Kommunikation unterschiedlicher IT-Systeme voraus. Doch auch hier bleibt abzuwarten, wie schnell sich die eher konservativen Wirtschaftszweige Deutschlands konsequent auf den elektronischen Handel einlassen.

Zu den Ereignissen des Jahres 2000 zählt sicher Windows 2000 und dessen Akzeptanz als Business-Betriebssystem. Unsicher dürften sich die Redmonder vor allem in der Beurteilung sein, wie viel Gefahr ihnen von der Linux-Gemeinde droht. Setzt der Open-Source-Markt seinen im vergangenen Jahr begonnenen Aufschwung fort, dürfte sich bei Microsoft einiger Ärger breit machen. Ähnliches gilt für das plattformunabhängige Lager um Java, aus dem sich die Gates-Company inzwischen weitgehend zurückgezogen hat.

Stefan Ueberhorst, leitender Redakteur Software

Internet: Das Web wird komplizierter

Das Internet wird mobil im Jahr 2000 - auf jeden Fall aber flexibler. Mobile Commerce (M-Commerce) hat sich schon zum Jahreswechsel als Trendbegriff etabliert. Immer mehr Nutzer wollen sich immer weniger von Rechnern den Zugangsort zum World Wide Web diktieren lassen. Alternative Geräte, seien es Handies, Bildschirmtelefone, Handhelds oder der gute alte Fernseher stehen bei der jungen Online-Gemeinde hoch im Kurs und werden in den nächsten Jahren einen Boom erleben.

Flexibler Zugang bedeutet im Umkehrschluss flexible Inhalte, weil die Zielgeräte unterschiedliche Darstellungsformen verlangen. Infolgedessen wird das Wireless Application Protocol (WAP) an Bedeutung gewinnen. Internet-Angebote werden durch die Vielfalt der Zugangsgeräte zwangsläufig komplexer, so dass spezialisierte Lösungen gefragt sind, ob nun für das Content-Management, die Erfolgskontrolle für Websites und Online-Werbung, Personalisierung, Billing oder Nutzer-Tracking. Full-Service-Anbieter wie Integra, USWeb oder Sinner und Schrader werden in 2000 ebensoviel zu tun bekommen wie Systemintegratoren. Während erstere den Online-Nachzüglern auf den mit Volldampf rollenden E-Commerce-Zug helfen, versuchen letztere die oft vernachlässigte Integration mit den vorhandenen Backend-Systemen zu realisieren.

Ein Schlagwort der letzten zwei Jahre wird auch im neuen Jahr nicht verschwinden: Portale. Allerdings werden hier neben den klassischen Zugangspforten mehr und mehr spezialisierte Angebote entstehen - für bestimmte Dienste (WAP beispielsweise), für einzelne Firmen (Informations- beziehungsweise Partnerportale) oder für ganze Branchen (Marktplätze). Diese Portale sind im Gegensatz zu den klassischen meist vertikal ausgerichtet. Im Zusammenhang mit Business-to-Business-Portalen wird die Extensible Markup Language (XML) mit einzelnen Branchen-Subsets eine für den geschäftlichen Datenaustausch mindestens ähnlich bedeutende Rolle übernehmen wie zuvor der EDI-Standard.

Das zweite bedeutende Dreibuchstabenkürzel des nächsten Jahres neben XML lautet zweifellos ASP (Application Service Provider). Eine ganze Reihe neuer Player, allen voran möglicherweise die Telcos, werden sich dem Vermieten von Software via Internet verschreiben, während sich klassische Outsourcer ebenfalls den ASP-Stempel aufdrücken. Es ist zu befürchten, dass in diesem Umfeld die Situation in 2000 eher unübersichtlicher als klarer wird.

Klarheit erhoffen sich die E-Commerce-Betreiber im kommenden Jahr auch auf politischer Seite - vor allem was die grenzüberschreitenden Regelungen für den Online-Handel und dessen Besteuerung betrifft. Auf EU-Ebene sind etliche Richtlinien auf dem Wege und auch weltweit wird es im kommenden Jahr zu einer größeren Harmonisierung der rechtlichen Rahmenbedingungen kommen. Am wenigsten wohl in der Frage der Besteuerung von Internet-Verkäufen - hier sind die Fronten zwischen Europa und den USA noch zu verhärtet.

Wolfgang Terhörst, Redakteur Internet