COMPUTERWOCHE Round-Table Arbeitsplatz der Zukunft

Der digitalen Transformation muss eine kulturelle Veränderung vorausgehen

03.04.2017
Von Iris Lindner
Wie lässt sich der Arbeitsplatz der Zukunft umsetzen und welche Auswirkungen hat er auf die bisherige Unternehmenskultur? Über diese und andere Fragen diskutierten die Teilnehmer am Round-Table der COMPUTERWOCHE.

Einer der Vorteile der zunehmenden Digitalisierung liegt auf der Hand: Die Unternehmen erhalten durch die neu gewonnenen Daten mehr Transparenz. Dennoch müssen sie die Augen noch weiter aufmachen als bisher. Zum einen, um die Sicherheit der Daten im Blick zu haben, zum anderen müssen sie nach einem Weg suchen, sich von ihrer bisherigen Unternehmenskultur abzuwenden. Denn bei einem Punkt sind sich die Teilnehmer am Round-Table einig: Mit alten Strukturen wird es einen Arbeitsplatz der Zukunft nicht geben.

Round-Table-Teilnehmer beim eifrigen Diskutieren (v.l.n.r.): Dr. Ralf Ebbinghaus (Swyx), Markus Fischer (Datev), Carl Mühlner (Damovo) und Sevil Lillyan (Urano).
Round-Table-Teilnehmer beim eifrigen Diskutieren (v.l.n.r.): Dr. Ralf Ebbinghaus (Swyx), Markus Fischer (Datev), Carl Mühlner (Damovo) und Sevil Lillyan (Urano).

Dass die notwendigen Technologien nicht die große Hürde für den Arbeitsplatz der Zukunft sein werden ist für die elf Gesprächsteilnehmer am runden Tisch klar. Denn je nachdem, von welchem Blickwinkel aus man den Arbeitsplatz der Zukunft betrachtet, sind die Technologien dafür bereits vorhanden. Für Katrin Beuthner, COO von United Planet, befindet sich zum Beispiel der Arbeitsplatz der Zukunft da, von wo aus man gerade arbeitet. "Das muss nicht zwingend das Büro sein. Auch vom Auto oder vom Homeoffice aus ist dies möglich." In den letzten Jahren hätten sich die Technologien dafür rasant weiterentwickelt. So rasant, dass "viele Mitarbeiter dem oftmals einfach nicht mehr hinterherkommen". Aus ihrer Sicht sei es daher wichtig, dass die Mitarbeiter bereits frühzeitig mit eingebunden werden, um den Arbeitsplatz der Zukunft leben zu können.

Katrin Beuthner, COO United Planet: Mitarbeiter müssen frühzeitig eingebunden werden, um den Arbeitsplatz der Zukunft leben zu können.
Katrin Beuthner, COO United Planet: Mitarbeiter müssen frühzeitig eingebunden werden, um den Arbeitsplatz der Zukunft leben zu können.

Die Macht der Gewohnheit

Die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung stellt für die Anwender nicht das einzige Problem dar. Bernhard Steiner, Director Technical PreSales EMEA Central bei Ivanti, kennt noch ein weiteres: "Die Anwender erwarten von der zentralen IT in der Arbeitswelt den gewohnten Luxus vom privaten Handy oder vom privaten Rechner. Und da prallen oftmals noch Welten aufeinander." Im Hinblick auf die jungen Leute, die zukünftig den Arbeitsmarkt betreten, müsse diese Kluft kleiner werden, denn seiner Meinung nach fällt und steigt die Attraktivität eines Arbeitsplatzes mit dem Angebot an Tools, die man ihnen in die Hand geben kann.

Die Attraktivität eines Arbeitsplatzes steht und fällt mit dem Angebot an Tools, befindet Bernhard Steiner von Ivanti.
Die Attraktivität eines Arbeitsplatzes steht und fällt mit dem Angebot an Tools, befindet Bernhard Steiner von Ivanti.

Ihre Meinung ist gefragt!

Zu wissen, wie die Anwender arbeiten und dafür die richtigen Technologien auswählen, die einen Business-Nutzen bringen und gleichzeitig auch wirtschaftlich sind, darin sieht Ulf Diestel die derzeitigen Schwierigkeiten des Marktes, die richtige Strategie für den Schritt in die Zukunft zu finden. Der Principal Business Developer Central Europe von Fujitsu ist in der gesamten Region EMEIA zuständig für die Entwicklung des Digital Workplace und weiß daher, dass hierbei nicht nur die Entwicklung von Technologien und die Entwicklung der Gesellschaft berücksichtigt werden müssen. "Auch Barrieren wie zum Beispiel unsere eigene Cloud-Affinität müssen bekannt sein."

Dr. Ralf Ebbinghaus, Swyx, fordert, dass für die Zukunft auch die technischen Weichen gestellt werden, etwa durch den Breitbandausbau.
Dr. Ralf Ebbinghaus, Swyx, fordert, dass für die Zukunft auch die technischen Weichen gestellt werden, etwa durch den Breitbandausbau.

Die Scheu vor der Cloud ist nach Meinung von Dr. Ralf Ebbinghaus, CEO von Swyx, auch der hiesigen Infrastruktur geschuldet. "Wenn wir über die Zukunft sprechen, dann müssen wir die Schritte dorthin betrachten. Dass die junge Generation andere Anforderungen stellt, ist klar. Die Technologie dafür haben wir bereits, aber im Hinblick auf das Thema Bandbreite gibt es noch Nachholbedarf." Sein Appell: die Initiative der Bundesregierung hinsichtlich Breitbandausbau unterstützen und den Abbau von Regulierungen vorantreiben. Dies seien wichtige Voraussetzungen, denn die "Arbeitswelt wird agiler und mobiler werden", ist Ralph Rotmann, Business Development Manager DMS/ECM bei Kyocera, überzeugt.

Ralph Rotmann, Kyocera: Die Arbeitswelt wird agiler und mobiler werden.
Ralph Rotmann, Kyocera: Die Arbeitswelt wird agiler und mobiler werden.

IoT und Skills vereinen

Doch was heißt das genau? Bedeutet mobil die Verfügbarkeit sämtlicher Daten auf dem Handy oder Tablet? Steht Agilität für die Fähigkeit des Mitarbeiters beziehungsweise der IT, das enorme Datenaufkommen bewältigen und beherrschen zu können? Arbeitet man in Zukunft so ähnlich wie im gewohnten privaten Bereich nur in sicheren Kanälen?

Carl Mühlner, Damovo: Der Arbeitsplatz der Zukunft betrifft nicht nur Knowledge Worker, sondern die ganze Belegschaft.
Carl Mühlner, Damovo: Der Arbeitsplatz der Zukunft betrifft nicht nur Knowledge Worker, sondern die ganze Belegschaft.

"Wenn wir uns auf diese Aspekte beschränken, sprechen wir über den Knowledge Worker und berücksichtigen damit nur einen Bruchteil der Arbeitsplätze", stellt Carl Mühlner, Managing Director Central Europe bei Damovo, fest und holt damit zu einem Rundumschlag aus, der jeden Arbeitsplatz der Zukunft in irgendeiner Weise treffen wird. Denn, so sein Beispiel aus der Industrie, in der Produktion passiert sehr viel mehr: Wenn das Bauteil der Zukunft in der Fertigung selbst erkennt, welches Drehmoment der Schrauber braucht - braucht es dann noch einen Facharbeiter, um diesen Prozess zu bedienen? "Und da sprechen wir nun über die Integration der operativen Technologie mit der IT, was den Arbeitsplatz der Zukunft noch viel stärker ändern und Ströme innerhalb der gesamten Belegschaft erzeugen wird, als das was hier ein Knowledge Worker machen kann."

Ulf Diestel, Fujitsu: Es ist schwierig, Technologien auszuwählen, die Business-Nutzen bringen und gleichzeitig auch wirtschaftlich sind.
Ulf Diestel, Fujitsu: Es ist schwierig, Technologien auszuwählen, die Business-Nutzen bringen und gleichzeitig auch wirtschaftlich sind.

Ähnlich sieht das auch Fujitsu-Manager Diestel: "IoT ist gekoppelt mit dem Arbeitsplatz der Zukunft. Die HoloLens erlaubt zum Beispiel eine effizientere Montage durch die freigewordenen Hände bei gleichzeitiger Qualitätskontrolle in einem Schritt. Die Umstellung darauf mit dem Zugriff auf sämtliche Datenbanken wäre bereits möglich. Die Frage dabei ist, welche Skills dafür noch notwendig wären."

Michael Gerner, Aruba: Der Arbeitsplatz der Zukunft soll die Innovationskraft der Mitarbeiter fördern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Michael Gerner, Aruba: Der Arbeitsplatz der Zukunft soll die Innovationskraft der Mitarbeiter fördern, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Michael Gerner, Enterprise Account Manager bei Aruba, wirft daraufhin die allgemeine Frage in die Runde: "Für was braucht man einen Arbeitsplatz der Zukunft? Wozu die Digitalisierung?" Die Antworten darauf gibt er gleich selbst: um die Produktivität zu erhöhen und um Kosten zu sparen. "So traurig es klingt, aber der Arbeitsplatz, der heute von einem Facharbeiter bekleidet wird, wird vereinfacht und fällt am Ende des Tages vielleicht sogar weg." Ist das etwa der Sinn von Digitalisierung und Automatisierung? Nein, denn der Kosteneinsparung stellt Gerner noch ein weiteres, wichtiges Unternehmensziel gegenüber: die Innovationskraft der Mitarbeiter fördern, um damit Produktivität zu steigern und Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten.

Markus Fischer, Datev: Was passiert mit Mitarbeitern, die mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten?
Markus Fischer, Datev: Was passiert mit Mitarbeitern, die mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten?

"Und dafür braucht es einen Kulturwandel", erklärt Markus Fischer, Leiter Zentrale Werkzeuge und Prozesse, Service und Vertrieb bei Datev. Jeder Mitarbeiter erlange durch sein Wissen einen Status. Werden nun Prozesse automatisiert, müssten sich Unternehmen Gedanken darüber machen, wie sie diesen Status in Zukunft bewerten, welchen Wert sie daraus schöpfen können. Auch Gedanken darüber, was mit den Mitarbeitern geschieht, für die die Digitalisierung der Arbeitswelt Probleme bereitet, weil sie zum Beispiel mit dem technischen Fortschritt nicht Schritt halten.

Aruba-Mann Gerner: "80 Prozent der Mitarbeiter verfügen über ein enormes Fachwissen, aber 40 Prozent davon drucken immer noch Emails oder Kalender aus, um sich darauf handschriftlich Notizen zu machen." Wie bringt man diese Generation mit der Generation Whatsapp zusammen in einer Welt, die immer komplexer wird? Zum einen müssen dafür laut Fujitsu-Manager Diestel Freiräume geschaffen werden, um diese Komplexität auch beherrschen zu können, zum Beispiel durch Vereinfachung. "Ich möchte als Nutzer barrierefrei arbeiten können und mir keine Gedanken über Security machen müssen." Zum anderen muss nach Meinung von Gerner jeder Mitarbeiter in der Lage sein, sich selbst ändern zu können - und zu wollen. Und das gelinge durch Anreize, hervorgerufen durch die Veränderung der Unternehmenskultur.

Inhalt dieses Artikels

 

Querschlaeger

Es ist doch immer wieder spannend zu sehen, wenn sich CEOs über den Arbeitsplatz der Zukunft - besser wohl dem digital kontrollierten Arbeitsplatz - einen Kopf machen, ohne die eigentlich Betroffenen einzubinden. Da wird über Holo-Lenses schwadroniert bei denen jeder normale Mensch nach 45 Minuten mit Kopfschmerzen und Schwindel aufgibt.
Hier sitzt die Cloud-Industrie mit Systemhäusern und Herstellern zusammen, um Rationalisierungsstrategien auszuarbeiten, die sich um Gewinnmaximierung im digitalen Business drehen.
Für alles andere braucht es informierte Betriebsräte und Gewerkschaften, verbesserte Arbeitsschutzgesetze und neue Standards für Lärm, Strahlen- (Wellen-) Belastung, Licht und Wärmebeeinträchtigung.
Zudem ist die Gesundheitsvorsorge an WLAN-vernetzten Cloud-Arbeitsplätzen noch in den Kinderschuhen, Sicherheitsfragen über Mensch und Daten zumindest unbefriedigend gelöst.
Allein in einem ist man sich wohl sicher: Mit Cloud und Digitalisierung lassen sich Umsätze realisieren, wie sie sonst nur in einem Schneeballsystem möglich sind.
Und hier wie dort zahlen immer die letzten in der Kette die Gesamtrechnung. Und das sind Kunden und Arbeitnehmer.

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