Vier Milliarden Dollar für iPaaS-Spezialisten

Dell verkauft Boomi an Investoren

03.05.2021
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Dell konzentriert sich auf sein Kerngeschäft mit Infrastruktur und PCs. Nach der Trennung von VMware wird nun auch Boomi abgespalten. Der Integrationsspezialist geht für vier Milliarden Dollar an Investoren.

Dell Technologies verkauft seine Cloud-Sparte Boomi an die Investoren Francisco Partners und TPG Capital. Einer offiziellen Mitteilung zufolge handelt es sich bei dem Deal um eine Bar-Transaktion mit einem Wert von insgesamt rund vier Milliarden Dollar, die bis Ende 2021 abgeschlossen sein soll - vorbehaltlich der Zustimmung der Aufsichtsbehörden. Weitere Details wurden nicht bekannt gegeben.

Michael Dell, Gründer und CEO von Dell, besinnt sich auf die Wurzeln seines Geschäfts und will sich künftig vor allem auf Infrastruktur und PCs konzentrieren.
Michael Dell, Gründer und CEO von Dell, besinnt sich auf die Wurzeln seines Geschäfts und will sich künftig vor allem auf Infrastruktur und PCs konzentrieren.

Dell hatte Boomi Ende 2010 übernommen. Der Softwarehersteller war im Jahr 2000 als Integrationsspezialist gestartet. Über eine Art visuelles Dashboard sollten Nutzer Prozesse, Anwendungen und Daten per Drag and Drop einfach miteinander integrieren können. Im Laufe der Jahre verschob sich der Fokus mehr und mehr in Richtung Cloud. 2007 kam mit "AtomSphere" Boomis erste Integrationslösung für die Cloud heraus.

Unter dem Dach von Dell hat sich Boomi in den vergangenen Jahren als Anbieter einer Cloud-basierten Integration Platform as a Service (iPaaS) positioniert. Bestandteile dieser Plattform sind unter anderem eine Low-Code-Entwicklungsumgebung, Funktionen für Datenintegration, ein API Lifecycle Management inklusive API Proxy, API Gateway und ein API Entwicklerportal, sowie Features für eine Event-driven Architektur. Boomi bietet Integrationsmöglichkeiten seiner Plattform in die Cloud-Welten von AWS und Microsoft Azure. Eigenen Angaben zufolge nutzen derzeit etwa 15.000 Kunden weltweit die Boomi-Plattform, darunter die Bank of Amerika, Merrill Lynch, der US-amerikanische Pharmakonzern Gilead Sciences und Novartis.

Trennung ist der richtige Schritt

"Boomi hat sich als Teil von Dell Technologies gut entwickelt und ist exponentiell gewachsen, seit wir das Unternehmen 2010 übernommen haben", sagte Jeff Clarke, Vice Chairman und Chief Operating Officer von Dell. Der Verkauf sei nun aber der richtige Schritt für beide Unternehmen - auch aus Sicht von deren Kunden und Partnern. Zur weiteren Dell-Strategie sagte Clarke: "Wir konzentrieren uns darauf, das Wachstum zu fördern, indem wir unser Kerngeschäft in den Bereichen Infrastruktur und PC modernisieren."

Hohe Priorität hätten außerdem die Bereiche Hybrid und Private Cloud, Edge Computing, Telekommunikation und APEX. Letzteres passt allerdings nicht so recht zur Trennung von Boomi. Gerade in den hybriden Infrastrukturen aus eigenen Rechenzentren, Cloud-Bestandteilen und Edge-Komponenten bei den Anwendern spielt die Integration in aller Regel eine entscheidende Rolle.

Bei Dell zeichnet sich derzeit ein Strategiewechsel ab. Nachdem es 2015 noch hieß, man wolle sich verstärkt als Software- und Services-Player im Markt etablieren, drehte sich in den Folgejahren der Kurs des PC-Bauers. Nach der teuren Akquisition von EMC trennte sich Dell zunächst vom 2009 mit der Akquisition von Perot Systems zugekauften Service-Geschäft, das für rund drei Milliarden Dollar an die japanische NTT Data Corp. ging, und stieß dann immer mehr Teile seines Software-Business ab. Schon damals waren die Investoren von Francisco Partners mit an Bord. Gemeinsam mit der Elliott Management Corp. übernahmen sie 2016 von Dell beispielsweise den Systemmanagement-Spezialisten Quest - zugekauft erst 2012 für rund 2,4 Milliarden Dollar - und den ebenfalls 2012 von Dell erworbenen Security-Spezialisten SonicWall. 2020 gab Dell seine Cyber-Sicherheitssparte RSA für gut zwei Milliarden Dollar an ein Konsortium unter der Leitung der Symphony Technology Group (STG) ab, zu dem sonst noch der Ontario Teachers Pension Plan sowie Alpinvest Partners gehörten. RSA war erst mit der Übernahme von EMC unter das Dell-Dach geschlüpft.

Trennung von VMware soll fast zehn Milliarden Dollar einbringen

Erst vor wenigen Wochen hat Dell angekündigt, sich von der wichtigsten Softwaretochter VMware trennen zu wollen. Aktuell halten die Texaner knapp 81 Prozent an dem Virtualisierungsspezialisten. VMware war 2016 mit der Übernahme von EMC zu Dell gekommen. Der Storage-Anbieter EMC hatte VMware 2004 übernommen und 2007 als selbständiges Unternehmen an die Börse gebracht - blieb aber mit einem Anteil von rund 85 Prozent Mehrheitsanteileigner. Die Aufspaltung soll bis Ende des Jahres abgeschlossen werden, vorausgesetzt die Steuerbehörden spielen mit und winken den Spin-off steuerbegünstigt durch.

Im Zuge der Transaktion will VMware eine Sonderdividende in Höhe von 11,5 bis 12 Milliarden Dollar an die VMware-Aktionäre ausschütten. Basierend auf der derzeitigen Beteiligung an VMware würde Dell Technologies damit etwa 9,3 bis 9,7 Milliarden Dollar erhalten. Dieses Geld soll in erster Linie zur Schuldentilgung verwendet werden. Der Konzern schiebt seit der über 60 Milliarden Dollar schweren Übernahme von EMC immer noch einen großen Schuldenberg vor sich her.

Dell erklärte außerdem, mit den Maßnahmen seine Kapitalstruktur stärken zu wollen, auch um Investitionen in die Weiterentwicklung seines Portfolios besser stemmen zu können. Michael Dell, Gründer und CEO des Konzerns, kündigte an, das Kerngeschäft in den Bereichen Infrastruktur und PC auszubauen und neue Möglichkeiten durch ein offenes Ökosystem zu nutzen, um in den Bereichen Hybrid und Private Cloud, Edge und Telekommunikation zu wachsen. Das sind exakt die gleichen Gründe, die jetzt für die Trennung von Boomi angeführt werden.

Hardware macht den Löwenanteil am Dell-Geschäft aus

Dell scheint also zu seinen Wurzeln zurückkehren zu wollen: PCs und Notebooks in der Client Solutions Group (CSG) sowie Server, Netzequipment und Storage in der Infrastructure Solutions Goup (ISG). Mit Endgeräten nahm Dell im Ende Januar abgeschlossenen Fiskaljahr 2021 knapp 48,4 Milliarden Dollar ein, ein Plus von fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die ISG stand für einen Umsatz von fast 32,6 Milliarden Dollar, minus vier Prozent im Vergleich zum Fiskaljahr 2020. Beide Bereiche zusammengenommen machten knapp 86 Prozent des gesamten Jahresumsatzes von rund 92,4 Milliarden Dollar aus. Auf das Konto von VMware gingen Einnahmen in Höhe von knapp 11,9 Milliarden Dollar.

Welchen Beitrag Boomi zum Dell-Geschäft geleistet hat, geht aus den Bilanzen nicht hervor. "Boomi hat in der iPaaS-Kategorie Pionierarbeit geleistet, und wir verfolgen ihr Wachstum seit einigen Jahren", erklärte Dipanjan Deb, Mitbegründer und Chief Executive Officer bei Francisco Partners, einer der künftigen Boomi-Eigner. Die Fähigkeit, Daten und Workflows über eine beliebige Kombination von Anwendungen oder Domänen hinweg zu integrieren und zu verbinden, sei für viele Kunden geschäftskritisch. "Der Bedarf an Automatisierung und anwendungsübergreifender Datenintegration war noch nie so groß wie heute", ergänzen Nehal Raj und Art Heidrich von TPG Capital in einem Statement. Die Cloud-native Plattform von Boomi ermögliche es Unternehmen, Geschäftsprozesse effizienter aufzustellen und so die digitale Transformation voranzutreiben.

Boomi-Chef Chris McNabb hofft derweil auf eine neue Wachstumsphase unter dem Dach der Investoren. Es gehe darum, die Innovations- und Marktentwicklung weiter voranzutreiben. "Ich bin unglaublich stolz darauf, dass das Boomi-Team eine einheitliche Plattform für die moderne hybride IT-Landschaft geschaffen hat, auf die sich Tausende von Kunden weltweit verlassen, um ihr Geschäft digital zu transformieren", so McNabb.

Alles Service, oder was?

Hybride Infrastrukturen sind aber auch für Dell die Zukunft. Dafür will der PC-Pionier sein Angebot grundlegend umbauen. Im Oktober 2020 kündigte Dell an, dass sämtliche Produkte künftig als IT-as-a-Service-Lösungen angeboten werden sollen. Alle Aktivitäten, die in diese Richtung zielen, bündelt Dell im "Project APEX". Für Kunden und Partner soll sich damit der Zugang zu Dells On-Demand-Angeboten deutlich vereinfachen, hieß es in einer Erklärung des Konzerns. Das reiche von Storage-, Server- und Networking-Lösungen über hyperkonvergente Infrastrukturen bis hin zu PCs. Mit APEX schaffe man eine konsistente "As-a-Service-Experience" für Unternehmen, unabhängig davon, ob sie ihre Anwendungen On-Premises, an Edge-Standorten oder in öffentlichen Clouds betrieben.

Die Basis dafür bildet die neue "Dell Technologies Cloud Console". Über die Plattform erhielten Anwender eine einheitliche Umgebung zur Verwaltung ihrer Cloud- und As-a-Service-Produkte. Sie könnten in einem Marktplatz nach zusätzlichen Services und -Angeboten suchen und die gewünschten Cloud- oder As-a-Service-Lösungen direkt bestellen. In der Konsole ließen sich mit wenigen Klicks Workloads anstoßen, Multi-Cloud-Ressourcen verwalten, die Kosten in Echtzeit überwachen sowie benötigte Ressourcen hinzufügen. Weitere Einzelheiten zu Apex werden auf der Dell Technologies World erwartet, die am 5. und 6. Mai als virtuelle Konferenz veranstaltet wird.