Großer Softwaremangel diagnostiziert

DDR bietet westdeutschen SW-Häusern neue Märkte

02.03.1990

BERLIN (CW) - Einen "kolossalen Softwaremangel" in der DDR hat Wolfgang Lausmann, Profesor für Informatik an der Martin-Luther-Universität in Halle/Wittenberg, ausgemacht. Von den 4000 "EDV-würdigen" Betrieben seines Heimatlandes, so der Wirtschaftsinformatiker beim dritten Berliner Software-Unternehmer-Gespräch, setzen nur 470 überhaupt Software ein.

Zudem ist das in der DDR vorhandene Software-Angebot laut Lassmann "durchweg als unbefriedigend zu bezeichnen"; es sei gekennzeichnet durch eine gewisse Verwilderung der Sitten, die bis hin zu Raubkopien geführt habe. Erläutert der Hochschullehrer: "Den Betrieben wurden einfach Raubrittermethoden anerzogen, um sie technisch überhaupt vorwärts zu bewegen." Die Folge davon sind mangelhafte Dokumentationen und fehlender Service.

Als Hemmschuh für eine effiziente Software-Entwicklung habe sich auch der Devisenmangel erwiesen. Alles, was selbst programmiert werden konnte, hätten die DDR-Programmierer in Eigenentwicklung erstellt. "Werkzeuge und Quellen wurden in monatelanger Arbeit selbständig entwickelt, obwohl sie am Markt nur 500 D-Mark kosteten", klagt Lassmann. Leider lebe diese Verhaltensweise in den Köpfen der Software-Spezialisten immer noch weiter.

Diese Situation macht die DDR nach Lassmanns Ansicht zu einem "riesengroßen Markt" für westdeutsche Software-Unternehmen. "Die Betriebe sind soft- und hardwareseitig in so hohem Maße unterversorgt, daß es für uns alle mindestens für die nächsten zehn Jahren genug Arbeit gibt"