Watch Dogs Legion im Test

"Datenschutz ist so 2010"

18.12.2020
Von  und


Florian beschäftigt sich mit vielen Themen rund um Technologie und Management. Daneben betätigt er sich auch in sozialen Netzen.


Simon Hülsbömer betreut als Senior Project Manager Research Studienprojekte in der IDG-Marktforschung. Zuvor verantwortete er als Program Manager die Geschäftsentwicklung und die Inhalte des IDG-Weiterbildungsangebots an der Schnittstelle von Business und IT - inhaltlich ist er nach wie vor für das "Leadership Excellence Program" aktiv. Davor war er rund zehn Jahre lang als (leitender) Redakteur für die Computerwoche tätig und betreute alle Themen rund um IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz.
Die Hacker-Spielereihe Watch Dogs geht in die dritte Runde und will ein Tech-infusioniertes Sci-Fi-Highlight setzen.
Watch Dogs Legion zeichnet eine düstere Zukunftsvision. Lesen Sie, warum dieses Hacker-Abenteuer auch dem Security-Niveau in Ihrem Unternehmen zuträglich sein kann.
Watch Dogs Legion zeichnet eine düstere Zukunftsvision. Lesen Sie, warum dieses Hacker-Abenteuer auch dem Security-Niveau in Ihrem Unternehmen zuträglich sein kann.
Foto: Ubisoft

Der dritte Teil der Reihe zeichnet eine dystopische Vision von London: Nach einem Terroranschlag erlangt ein Tech-Regime mit nachhaltigem Hang zu totaler Überwachung und brutaler Unterdrückung die Kontrolle über Englands Hauptstadt.

Das Setting von Watch Dogs Legion fällt ähnlich düster aus wie beim Vorgänger und greift dabei im Rahmen seiner Story diverse Digitalisierungsthemen auf - von der IT-Sicherheit bis hin zur KI-Ethik. Wir haben uns eingehend mit dem dritten Teil von Watch Dogs beschäftigt - und sagen Ihnen, warum dieses interaktive Abenteuer das Zeug dazu hat, den Lockdown-intensiven Jahresendspurt packender zu gestalten.

Tech-Dystopie

Ubiquitäre Überwachungskameras, autonome Autos und Hologramme gehören im fiktiven London von Watch Dogs Legion genauso zum Alltag wie Überwachungs- und Kampfdrohnen oder die Unterdrückung der Bevölkerung durch das Privatmilitär des Tech-Konzerns "Albion".

Überwachung und Unterdrückung sind im London von Watch Dogs Legion allgegenwärtig. Das U-Bahn-Netz dient als Schnellreisesystem im Spiel.
Überwachung und Unterdrückung sind im London von Watch Dogs Legion allgegenwärtig. Das U-Bahn-Netz dient als Schnellreisesystem im Spiel.
Foto: Ubisoft

Im Verlauf der grafisch gut inszenierten Story bekommen Sie es jedoch nicht nur mit Tech-Kraken, sondern auch mit kriminellen Clans und rivalisierenden Hackern zu tun. Hierbei schlägt Watch Dogs Legion teils humoristische, teils auch (gesellschafts-) kritische Töne an - insbesondere, wenn es um Trendtechnologien wie die Cloud und Künstliche Intelligenz geht. Dabei wird beispielsweise die Frage aufgeworfen, welche moralischen Grenzen bei der technologiegetriebenen Suche nach ewigem Leben intakt bleiben sollten. Auch die sicherheitstechnischen Fallstricke einer Smart City werden in den Fokus gerückt.

Klischee-Entfall

Die wohl größte Neuerung im Vergleich zum Vorgänger besteht in WD Legion darin, dass die gesamte virtuelle Bevölkerung Londons bereitsteht, um für die eigene Hackergruppe rekrutiert zu werden. Wer also keine Lust hat, sich als Klischeehacker durch London zu bewegen, dem stehen vom Fitness Coach über den Manager bis hin zum Bauarbeiter sämtliche Möglichkeiten offen.

Potenzielle Rekruten können vorab unauffälig per Smartphone in Augenschein genommen werden und weisen unterschiedliche Fähigkeiten auf.
Potenzielle Rekruten können vorab unauffälig per Smartphone in Augenschein genommen werden und weisen unterschiedliche Fähigkeiten auf.
Foto: Ubisoft

Dabei bringt jede NPC-Gruppe andere Fähigkeiten mit, die sich - mal mehr, mal weniger - auf die Möglichkeiten auswirken, die zur Lösung einer Mission zur Verfügung stehen. Bauarbeiter sind beispielsweise in der Lage, Lastendrohnen herbeizurufen. Die sind nicht nur ein willkommenes Mittel, um Kletterarien zu vermeiden, sondern eignen sich auch als fliegende Fortbewegungsmittel. Ein Mitglied der Albion-Miliz zu rekrutieren, führt wiederum dazu, dass auch Sperrgebiete ohne viel Aufsehen (aber unter besonderen Bedingungen) betreten werden können.

Die zahlreichen Gadgets in Watch Dogs Legion eröffnen unzählige Wege zum Ziel.
Die zahlreichen Gadgets in Watch Dogs Legion eröffnen unzählige Wege zum Ziel.
Foto: Ubisoft

Das Rekrutierungssystem hat aber auch natürliche Schwächen: Durch die schiere Masse der potenziellen Rekruten ähneln sich nach einiger Zeit viele der "gewöhnlichen" Charaktere. Nur "besondere", die auch eine (Neben-)Rolle in der Story spielen, heben sich durch Sprache, Gestik, Mimik und Spezialfähigkeiten von der Masse ab. Für die Produktion des Spiels wurden auch einige Prominente an Bord geholt, beispielsweise Rapper Stormzy. Ein "Hidden Champion" ist hingegen der allgegenwärtige KI-Assistent Bagley, der das Spielgeschehen mit einer großen Portion Computer-Sarkasmus aufwertet.

Hacking im Herzen

Das Herzstück von Watch Dogs bleibt auch im dritten Teil das Hacking: Auf stupide Ballerei lässt sich vollständig verzichten. Stattdessen hackt man sich per Smartphone in Kamerasysteme und bewegt sich anschließend in bester Cybercrime-Manier lateral durch Netzwerke, indem man von Endpunkt zu Endpunkt springt.

Hacker-Infiltration: Watch Dogs Legion regt dazu an, die großen Kaliber in der Tasche zu lassen.
Hacker-Infiltration: Watch Dogs Legion regt dazu an, die großen Kaliber in der Tasche zu lassen.
Foto: Ubisoft

Natürlich sind die Kompromittierungsvorgänge aus Gameplay-technischen Gründen weiterhin stark verkürzt dargestellt und laufen im Regelfall über einen einzigen Knopfdruck ab - dennoch hat das Hacking-System nichts von seinem Reiz eingebüßt. Auch die Mini-Puzzles der Vorgänger sind weiterhin an Bord.

Vor allem, wenn man sich dafür entscheidet, auf Waffengewalt zu verzichten, zeigen sich die Stärken des Spiels. Im Stealth-Mode fühlt sich auch Watch Dogs Legion wie ein interaktiver Hackerthriller an. Die Möglichkeiten, sich Zugang zu Gebäudekomplexen und deren Netzwerken zu verschaffen, sind dank zahlreicher Gadgets (die über ein Punktesystem freigeschaltet und erweitert werden können) sehr vielfältig, was trotz leicht repetitiven Missionsmustern für ausreichend Abwechslung sorgt. Im folgenden Video erklärt Clint Hocking, Creative Director von Watch Dogs Legion, einige Spielmechaniken:

Watch Dogs Legion ist ein fiktives Fest für alle, die in der Technologie-Welt zuhause sind und etwas mit Games anfangen können. Wie schon sein Vorgänger eignet sich auch WD Legion nicht nur hervorragend für den Privatgenuss, beziehungsweise den Lockdown-Zeitvertreib zwischen den Jahren, sondern auch als interaktive Awareness-Building-Maßnahme.

Gaming für Awareness

Klassische Security-Awareness-Kampagnen im Unternehmen (abseits von Plakatkampagnen und unverhallten Appellen) sehen so aus: Sie verpflichten ihre Mitarbeiter zu einem Online-Training, bei dem Fragen rund um IT-Sicherheit und Datenschutz beantwortet werden müssen. Vielleicht ergänzt mit einigen netten Videoclips, in denen die Gefahren eines leichtsinnigen Umgangs mit (persönlichen) Daten, Geräten und E-Mails plastisch - und meist stark überdramatisiert - aufgezeigt werden. Im besten Fall berichten ein paar Betroffene, was ihnen widerfahren ist, wie es dazu kommen konnte und dass "so etwas" jedem passieren kann. Wenn Ihr Unternehmen es mit der Awareness ernst nimmt, müssen Sie als Mitarbeiter diesen Test regelmäßig - einmal jährlich oder alle zwei Jahre - wiederholen. Im besten Fall lockern Sie den Test spielerisch etwas auf, so dass es auch Spaß macht, ihn zu bestreiten - Stichwort Gamification.

Ein anderer Weg ist die Probe aufs Exempel: Sie beauftragen Penetration Tester, Ihr Unternehmen anzugreifen - vorzugsweise per Social Engineering. Dabei rufen die Auftragshacker Ihre Kollegen an, schreiben E-Mails oder nehmen Kontakt per Chat auf. Die Tarnmöglichkeiten sind zahlreich: IT-Support, Paketzusteller, Lieferservice-Mitarbeiter. Das Ziel ist jedoch immer das gleiche: in Ihre Systeme eindringen beziehungsweise die Kollegen dazu zu bringen, das zu tun - natürlich ohne, dass diesen das (sofort) bewusst ist. Klappt es, ist Ihre (möglicherweise im Vorfeld abgehaltene) Schulung fehlgeschlagen beziehungsweise mit der Security Awareness allgemein nicht so weit her und eine (Nach-)Schulung dringend geboten.

Soweit die Standards respektive auch Klischees. Aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht nur gamifizierte Awareness-Pflichttests aufzudrücken, sondern sie mittels Full-Immersion-Game so zu mehr Security Awareness zu erziehen, dass es ihnen auch tatsächlich Freude macht? Denken Sie doch vielleicht einmal darüber nach, diejenigen, die gerne zocken (es werden auch in Ihrem Unternehmen mehr sein, als Sie jetzt vielleicht glauben), zum Spielen von Watch Dogs Legion zu motivieren - vielleicht, indem Sie ihnen ein paar Exemplare per Download-Code frei Haus liefern (beispielsweise im Rahmen eines Mitarbeiter-Gewinnspiels auf der virtuellen Weihnachtsfeier)?

Das, was Watch Dogs Legion uns über Security, Datenschutz und Privatsphäre - aber auch über die Gefahren von Künstlicher Intelligenz - lehrt, ist oft mehr, als wir bewusst in "aufgedrückten" Pflicht-Awareness-Kampagnen mitzunehmen vermögen. Und das Ganze auch noch in einem außergewöhnlichen Setting, das Spaß macht. Klar, nicht alles ist perfekt. So blöd, wie sich die NPCs manchmal anstellen, werden die wenigsten Profiangreifer in der realen Welt handeln - aber das ist zu vernachlässigen. WD Legion ist - wie schon sein Vorgänger - im Grunde eine einzige große Security-Awareness-Kampagne für den Heim- aber auch den Unternehmensgebrauch. Inklusive Startups, betriebswirtschaftlicher Logiken und zwischenmenschlicher Zufälle. Probieren Sie es aus! Sie wissen ja: Wer Hacker abwehren will, muss wie ein Hacker denken!