Blockchain Use Cases

Das Warten auf die Killerapplikation

Kommentar  02.09.2020
Von   IDG ExpertenNetzwerk und Isabell Welpe


Andreas Lüth ist Partner bei Information Services Group Germany (ISG) und leitet das Automationsgeschäft von ISG in Europa. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf Strategie- und Transformationsprojekten in den Bereichen Shared Services, Robotic Process & Cognitive Automation sowie Outsourcing. Seit Ende der Neunziger Jahre hat er Branchenkenntnisse vor allem im Bankensektor der Energiewirtschaft, der IT und der Fertigungsindustrie erworben. Lüth ist Kenner der lateinamerikanischen Wirtschaft.
Die Zahl der Blockchain Use Cases steigt beständig. Doch fehlt ein Anwendungsfall mit Breitenwirkung - eine echte Killerapplikation. Lesen Sie, wie Blockchain endlich aus der Nische kommen könnte.
Noch lässt der große Blockchain-Durchbruch auf sich warten. Das könnte sich bald ändern.
Noch lässt der große Blockchain-Durchbruch auf sich warten. Das könnte sich bald ändern.
Foto: Igor Fox - shutterstock.com

Jedes 16. deutsche Unternehmen hat eine Blockchain-Roadmap. Viel ist das nicht. Laut Branchenverband Bitkom beläuft sich der Anteil derer, die die Technologie bereits nutzen oder den Einsatz konkret planen, aktuell auf gerade einmal sechs Prozent. Bereits 2018 und 2019 hatte die Zahl der Industrieanwender auf genau dieser Höhe gelegen. Allerdings hält die Jahresumfrage zur "Digitalisierung der Wirtschaft" diesmal auch eine gute Nachricht bereit. Denn ungeachtet aller operativen Zurückhaltung schreiben zwei Drittel der befragten Vorstände und Geschäftsführer der Blockchain eine "große Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit" ihrer Unternehmen zu.

Somit hat die Mehrheit der Manager das Potenzial der Blockchain klar erkannt. Steht nun doch erstmals eine Digitaltechnologie zur Verfügung, mit der sich parallel zum Informationsaustausch auch Werte und Rechte übertragen lassen. Dabei geschieht der Transfer nicht nur ortsunabhängig und in Echtzeit. Was entscheidend hinzukommt, ist die Fähigkeit zu Peer-to-Peer-Transaktionen, deren Inhalte verlässlich sind und späteren Manipulationen keine Angriffsflächen bieten. Somit erhält die Geschäftsprozessautomatisierung eine neue Handlungsgrundlage. Lesen Sie, welche Prozesse sich besonders gut für den Einsatz der Blockchain eignen und woran Unternehmen erkennen, wo sie in ihrer Wertschöpfung am stärksten davon profitieren.

Blockchain-Revolution ohne Deutschland?

Doch zuvor noch ein kurzer Gedanke zu den wirtschaftlichen Risiken, die der gegenwärtigen Zurückhaltung gegenüber der Blockchain innewohnen. In durchaus bemerkenswerter Art erinnert diese Reserviertheit an die jahrelange Diskussion "Cloud Computing vs. innerbetriebliche Datenhaltung". Eine Diskussion, die erheblichen Einfluss darauf hatte, wie sich Angebot und Nachfrage im dynamisch wachsenden Cloud-Markt verteilen konnten. Denn während man sich hierzulande vor allem mit Fragen der Technologiefolgenabschätzung beschäftigte und einstweilen auf den perfekten Zeitpunkt zum Einstieg wartete, überließ man das Feld außereuropäischen Playern. In Nordamerika, später dann auch in Asien, wuchsen Hyperscaler heran, die inzwischen große Teile des Geschäftskundenmarkts dominieren und dank ihrer Technologieführerschaft die Standards der Angebotsentwicklung setzen.

Laut Bitkom sieht eine deutliche Mehrheit (58 Prozent) der Geschäftsführer und Vorstände ihr Unternehmen in Sachen Digitalisierung noch als Nachzügler.
Laut Bitkom sieht eine deutliche Mehrheit (58 Prozent) der Geschäftsführer und Vorstände ihr Unternehmen in Sachen Digitalisierung noch als Nachzügler.
Foto: Bitkom

Noch haben es die europäischen Unternehmen in der Hand, die Entwicklung der für sie passenden Blockchain-Lösungen selbst zu steuern und den Markt mit eigenen Mitteln zu erschließen. Einen Markt, dessen Transformationspotenzial im Vergleich zur Cloud noch einmal wesentlich weiter reicht. Wie weit, zeigt bereits der Umstand, dass der sich abzeichnende Wandel auch vor solchen Unternehmen nicht Halt machen wird, die auf eine rein webbasierte Entwicklungsgeschichte zurückblicken und eigentlich gute Karten haben, um digitale Umbrüche erfolgreich verarbeiten zu können.

So wie der Unterkunftsvermittler Airbnb, dessen technologische Versiertheit und organisatorische Agilität bis dato immer noch groß genug war, um sich geschäftsrelevante Innovationen zeitnah anzueignen. Doch betrifft die nun zu erwartende Disruption keineswegs nur die Geschäftsprozesse und die unterstützende IT, sondern auch das Alleinstellungsmerkmal solcher Vermittlungsdienste. Der Grund: Indem die Peer-to-Peer-Architektur der Blockchain den Vermittler technologisch gesehen arbeitslos macht, stellt sie damit gleich auch den Kern seines Geschäftsmodells in Frage. Dies geschieht insbesondere dann, wenn der Intermediär über die Mittlerfunktion hinaus kaum noch Substanzielles zur Wertschöpfung seiner Kunden beitragen kann. Herausforderer wie CryptoCribs im Bereich der Wohnraumvermittlung oder auch OpenBazaar im Online-Handel haben sich bereits mit schlanken Blockchain-Lösungen in Stellung gebracht. Die schärfste Waffe dieser Newcomer liegt darin, dass sie den Geschäftsprozess vollständig automatisieren können und die daraus resultierenden Kostenvorteile nutzen, um mit wesentlich geringeren Preisen in den Markt zu gehen.

Wer von Blockchain profitiert

Auf Anwenderseite entsteht der größte Nutzen überall dort, wo der eigene Wertschöpfungsanteil an einem Produkt besonders hoch ist. Um im obigen Beispiel zu bleiben, wären dies die Vermieter der Unterkünfte, die fortan keine Plattform mehr an ihrem Geschäftserfolg beteiligen müssen. Doch abgesehen davon schafft die Blockchain auch unmittelbar auf Prozessebene spannende Optionen, um Kosten zu sparen. Dabei besteht das grundlegende Optimierungsprinzip darin, Geschäftsabläufe, an denen üblicherweise eine ganze Reihe von Stakeholdern beteiligt ist, zu einem einzigen Vorgang zu verdichten, der dann mit einem Minimum an Prüf- und Zeitaufwand ablaufen kann.

Ein gutes Beispiel ist der so genannte Order-to-Cash-Prozess, bei dem die Bestelldaten einer Einkaufsware mit den Informationen des Wareneingangs abgeglichen werden, um entscheiden zu können, ob eine Lieferantenrechnung in voller Höhe zu bezahlen ist oder zunächst noch Nachforderungen gestellt werden müssen. In der Praxis kooperieren hierzu die Bereiche Einkauf, Wareneingang und Rechnungswesen sowie oft genug auch die Fachabteilung, die den zugrundeliegenden Bestellvorgang ausgelöst hat. In dieser Gemengelage sind die Prüfprozesse mit hohen Aufwänden verbunden und führen nicht selten zu erheblichen Verzögerungen im Prozessdurchlauf. Vollends schwierig wird es, wenn obendrein auch noch Rücksprachen mit den Lieferanten erforderlich werden.

In einer Blockchain übernehmen sogenannte Smart Contracts die Abwicklung. Dabei handelt es sich um Softwareprotokolle, die die Konditionen eines Transaktionsprozesses vollständig abbilden und deren Einhaltung überwachen. Im Beispiel des Einkaufsprozesses stellt ein entsprechend ausgerichteter Smart Contract vollautomatisiert fest, inwiefern die Lieferungen den Bestellvorgaben entsprechen. Gibt es keine Differenzen, läuft die Transaktion bis zur Bezahlung durch die Blockchain vollständig hindurch. Auf diese Weise wird die Arbeit des Einkaufs, der Materialwirtschaft und des Rechnungswesens zu einem einzigen Vorgang verdichtet, der bis zur Auslösung der Bezahlung vollautomatisch prozessiert wird.

Lesetipp: Smart Contracts in der Lieferkette

In vergleichbarer Form bekommen Unternehmen vielfältige Möglichkeiten, um die operativen Wertschöpfungsprozesse ihres Geschäfts mit den kaufmännischen Abläufen zu synchronisieren. Dank ihrer dezentralisierten, offenen und kryptografischen Eigenschaften stellt die Blockchain sicher, dass dabei ein Minimum an Prozesskosten und ein Maximum an Verlässlichkeit entsteht. So auch bei der Instandhaltung und Wartung von ausgelieferten Industriegütern, wo eine entsprechend verbaute IoT-Sensorik den Output und die Funktionstüchtigkeit der Anlagen bemisst. Eine Blockchain-Lösung gleicht die Messwerte mit den Konditionen der Smart Contracts ab, in denen die jeweiligen Service Level Agreements hinterlegt sind. Im Falle von Abweichungen werden entsprechend vereinbarte Transaktionen ausgelöst, Serviceeinsätze oder Gutschriften etwa.

Wie Blockchain aus der Nische kommt

Entsprechende Lösungen werden bereits in zahlreichen Branchen und Anwendungsfeldern aufgesetzt. Das Spektrum reicht von fälschungssicheren Frachtbriefen über nutzungsabhängige Schadenversicherungen bis zu elektronischen Handelsplätzen (vgl. nachfolgendes Interview). Ungeachtet dessen darf nicht übersehen werden, dass all diese Szenarien noch immer starken Nischencharakter haben. Was weiterhin fehlt, ist eine Anwendung, die die Disruptionskraft der Blockchain auch jenseits der Kryptowährungen unter Beweis stellt - etwa indem ein bestehender Markt von Grund auf umstrukturiert wird oder indem für eine Vielzahl von Anwendern ein Zusatznutzen entsteht, der sich in dieser Form mit keiner anderen Digitaltechnologie erzielen lässt. Sobald eine solche Killerapplikation live geht, wird ein Ideenwettbewerb einsetzen, der die sechsprozentige Nutzungsquote aus der Bitkom-Umfrage in kürzester Zeit vergessen machen lässt.

Eine solche Idee hat zum Beispiel die B52 Holding AG, die gerade eine Blockchain-basierte Bank aufbaut. Jonas Jünger, Director Product & Business Design, beantwortet dazu einige Fragen:

Welche Prozesse der Blockchain eignen sich besonders gut für Ihr geplantes Vorhaben?

Jonas Jünger: Das Potenzial ist überall dort am größten, wo neben Informationen auch Werteeinheiten übertragen werden. Das Spannende an Blockchains ist ja, dass man für den Fall, dass ein Prozess vereinbarungsgemäß abläuft, die daran gekoppelten Werte automatisch entgegenschicken kann. Genau diese Eigenschaft ist dann zum Beispiel auch beim Bau eines dezentralen Börsenplatzes extrem wichtig. Dort gibt es sehr aufwändige Begleitprozesse wie etwa das Clearing, das Settlement und das Erfüllen der Liquiditätsanforderungen, die mit den Trades einhergehen. All diese Vorgänge lassen sich vollautomatisiert über eine Blockchain abwickeln.

Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen?

Jünger: Aus der Sicht unserer Branche ist das wesentlichste Hindernis derzeit noch die Transaktionsgeschwindigkeit. Verglichen mit reifen Technologien, wie etwa In-Memory-Datenbanken, ist die Blockchain um einiges langsamer und erlaubt wesentlich weniger Transaktionen pro Sekunde. Aktuell reicht die Performance daher noch nicht aus, um das übliche Handelsaufkommen aufzufangen. Bei frequenzstarken Abläufen ist die Blockchain noch nicht skalier- und belastbar genug.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung?

Jünger: Im Vergleich zu vielen anderen Automatisierungs-Tools ist die Blockchain sicherlich noch eine sehr junge Technologie. Viele Reifungsprozesse sind noch in vollem Gange. Ein gutes Beispiel ist der Übergang zu Ethereum 2.0. Wie in jedem anderen Technologieumfeld ist es natürlich auch bei der Blockchain so, dass sich die Standards erst nach und nach herausbilden. Daher ist es derzeit ratsam, eigene Kompetenzen aufzubauen, um schnell genug reagieren zu können. Zu viele Dinge sind in Veränderung und werden dies sicherlich auch noch eine ganze Zeit lang bleiben, als dass man sich hier ausschließlich auf externe Kräfte verlassen sollte. Zudem haben Experten im eigenen Haus wesentlich genauere Einblicke in die Geschäftsabläufe, um beurteilen zu können, bei welchen Prozessen sich eine Blockchain-Automatisierung am ehesten lohnt. (bw/fm)