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Das Neueste in Sachen Baan

19.06.2000
Plus Exklusiv-Interview mit Entwicklungschef Laurens van der Tang

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Bei den Kleinaktionären des gebeutelten niederländischen Softwarehauses Baan macht sich Unmut breit: Die Firmengründer Jan und Paul Baan sollen über die mit Baan verquickte Vanenburg-Gruppe Anteile an dem Unternehmen verkauft und dies nicht gemeldet haben. Deshalb hat die niederländische Vereinigung der Effektenbesitzer (VEB) die Börsenaufsicht aufgefordert, die Transaktionen wegen Verdachts auf Insiderhandel zu überprüfen. Die von den Gebrüdern Baan verkauften Aktien sollen die meldepflichtige Grenze von zehn Prozent der Anteile überschritten haben; unmittelbar nach dem Verkauf sei der Baan-Kurs deutlich gesunken, so die VEB weiter.

Unterdessen hat der Betriebsrat von Baan die geplante Übernahme durch die britische Ingenieursfirma Invensys am vergangenen Freitag einstimmig befürwortet. Der britische Konzern hat eine freundliche Übernahme für rund 1,5 Milliarden Mark angeboten (Computerwoche.de berichtete), benötigt dazu jedoch die Zustimmung von mindestens 95 Prozent der Shareholder. Am 29. Juni veranstaltet Baan eine außergewöhnliche Hauptversammlung, um seine Aktionäre auf das Invensys-Angebot einzuschwören (Computerwoche.de berichtete). Invensys will am Dienstagmorgen eine Pressekonferenz im Amsterdam ausrichten, um Details seiner Übernahmepläne zu erläutern.

Als Stolperstein könnte sich allerdings eine noch weitgehend anonyme Gruppe privater Investoren erweisen, die Baan über die Ausgabe neuer Anteilscheine mit frischem Kapital versorgen und so als eigenständiges Unternehmens erhalten möchte. Nach Angaben von Ernst Sonneveldt, dem Sprecher der Gruppe, verfügt diese über knapp 20 Prozent der Baan-Anteile und könnte somit Invensys´ Pläne durchkreuzen (Computerwoche.de berichtete).

Mit Laurens van der Tang, dem Enwicklungschef und künftigen President von Baan, sprach CW-Redakteur Jan-Bernd Meyer.

CW: Invensys ist ja nicht gerade bekannt dafür, in den Geschäftsfeldern Kompetenz aufgebaut zu haben, für die Baan steht. Viele Aktionäre zweifeln offenbar, dass die Briten die richtigen Käufer sind. Was meinen Sie?

VAN DER TANG: Wir haben uns das sehr genau überlegt. Sowohl Baan als auch Invensys sind in der produzierenden Industrie sehr stark. Invensys kommt dabei mehr aus dem maschinennahen Fabrikbereich, Baan hat mehr Know-how in ERP-Systemen. Es gibt aber eine Menge Kunden, die es sehr gerne sehen würden, wenn diese beiden Bereiche miteinander verknüpft würden. Das ist umso wichtiger, als mehr und mehr produzierende Unternehmen ins Internet gehen, ihre Produkte also über das Web verkaufen oder eine Built-to-order-Strategie verfolgen. Für diese neue Geschäftswelt mit seinen Lean-Manufacturing-Konzepten, bei denen produktionsnahe Aufgaben mit Supply-Chain-Management-Fragen eng verknüpft sind, glauben wir ein komplettes Lösungsangebot zu besitzen.

CW: Baan soll Teil einer Software-Geschäftseinheit von Invensys werden. Deren Hauptsitz wird in den USA sein. Baans Zentrale verbleibt aber weiterhin in Barneveldt in den Niederlanden. Wo wird künftig über Baans Strategie entschieden?

VAN DER TANG: Baan wird auch weiterhin ein selbständiges Unternehmen sein und unter seinem alten Namen firmieren. Es ist auch wichtig, dass Baan weiterhin alle seine Produkte wie bisher anbieten wird. Und es wird alles getan, damit Baans Produkte auch in Zukunft wettbewerbsfähig sind.

CW: Wie gliedert sich Baan in die Software-Einheit von Invensys ein?

VAN DER TANG: Innerhalb der Division gibt es mit Wonderware, Foxboro und eben jetzt auch Baan verschiedene Gruppen. Jede dieser Firmen hat ihre eigene Identität und verkauft ihre Produkte auf dem Markt. Übergreifend wird eine Vertriebs- und Dienstleistungs-Infrastruktur eingerichtet. Diese wird es uns erlauben, Kunden integrierte Lösungen anzubieten. Entsprechende Teile der jeweiligen Einzelgesellschaften sollen zusammengeführt werden.

CW: In seinem aktuellen Geschäftsbericht hat Invensys einen Verlust für das abgelaufenen Geschäftsjahr von 513 Millionen englischen Pfund ausgewiesen nach 479 Millionen Pfund Verlust im Vorjahr. Ist Invensys ein gesundes Unternehmen?

VAN DER TANG: Invensys ist eine sehr profitable Firma. Es ist klar, dass die Übernahme von Baan auch in den nächsten Quartalen negative Auswirkungen auf ihr Geschäftsergebnis haben wird. Das hat Invensys auch bereits angekündigt. Von der finanziellen Position her ist Invensys auf alle Fälle ein gesundes Unternehmen, um solch einen Deal zu vollenden. Die gesamte Übernahme kostet rund 1,5 Milliarden Dollar. 700 Millionen Dollar investiert Invensys in die Übernahme selbst, der Rest wird für Forschung und Entwicklung, Restrukturierungsmaßnahmen und für die Verluste, die Baan in den kommenden zwölf Monaten noch haben wird, ausgegeben. Das sind zwar hohe Investitionen für Invensys. Auf lange Sicht gesehen aber und in Anbetracht der Wachstumspotenziale, die Baan Invensys bietet, sind sie gerechtfertigt.

CW: Nachdem die Übernahme publik geworden war, vermuteten einige Analysten, Invensys könnte Baans CRM-Softwarelösung "Aurum" sowie die von Caps Logistics gekaufte SCM-Lösung als strategisches Faustpfand halten, um diese Produkte wieder zu verkaufen. Ist das wahrscheinlich?

VAN DER TANG: Das ist alles reine Spekulation. Invensys hat betont, dass es sich der gesamten Baan-Produktpalette verpflichtet fühlt, und da gehören die CRM- und SCM-Produkte ja wohl dazu. Wenn Sie zudem sehen, dass sich die Welt heute rapide ändert, dass zunehmend Supply-Chain-Mechanismen ein Unternehmen tragen und wenn Sie darüber hinaus sehen, dass alle Unternehmen zunehmend Built-to-order-Strategien entwickeln, dann ist es einsichtig, dass eine nahtlose Integration der Front- mit den Backoffice-Lösungen von immer größerer Bedeutung ist. Und in diesem Zusammenhang sind CRM-Lösungen von strategischer Bedeutung - also auch für Invensys.

CW: Es gibt Analysten, die behaupten, Invensys vereine nun unter seinem Dach völlig unterschiedliche Produkte, nämlich die von Foxboro, Wonderware, Marcam und Baan. Ist es sinnvoll, diese Produkt zu integrieren?

VAN DER TANG: Natürlich nicht in ein Produkt. Marcam beispielsweise ist völlig auf die Prozessindustrie konzentriert, Baan wiederum hat sich sehr stark in der diskreten Fertigung engagiert. Das sind also komplementäre Produkte. Viele glauben übrigens fälschlicher Weise, Invensys sei vor allem in der Prozessindustrie zu hause. Das stimmt aber so gar nicht. Invensys hat viele Aktivitäten auch in der diskreten Fertigungsindustrie. Es gibt bei der Verschmelzung von Baan in Invensys kaum Produktüberschneidungen.

CW: Gibt es denn Bereiche, wo eine Integration der Produkte sinnvoll wäre?

VAN DER TANG: Durchaus. Die Integration beispielsweise der Wonderware-Produkte für die diskrete Fertigung mit dem Baan-ERP-System. Wir haben in diesem Bereich eine Menge gemeinsamer Kunden. Außerdem hat Baan mit der XML-basierenden Infrastruktur "Open World" eine Architektur, die auch ganz einfach zur Integration für Produkte wie die von Wonderware genutzt werden kann. Baan hat ja in der Vergangenheit schon erfolgreich diverse eingekaufte Produkte, etwa aus den Bereichen Front-Office, ERP und SCM, in die Baan Enterprise Solutions integriert.

CW: Wie die Wettbewerber SAP, Peoplesoft, J.D.Edwards oder Oracle muss sich auch Invensys/Baan im E-Commerce-Gewerbe umsehen. Dort geben Startups wie Commerce One, Ariba oder Broadvision den Ton an. Was werden Invensys und Baan tun, um in diesem Marktsegment zu bestehen?

VAN DER TANG: Weil alle Aufmerksamkeit in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten ausschließlich auf das finanzielle Überleben von Baan ausgerichtet war, haben nur wenige mitbekommen, dass wir erhebliche Fortschritte gemacht haben, gute Produkte für den B2B-Markt zu entwickeln, wie E-Procurement, E-Sales, E-Service und E-Collaboration. Unsere E-Business-Familie ist zudem durch diverse Produkte erweitert worden, die alle möglichen B2B-Szenarien unterstützen. Unser Plan ist, dass wir auch weiterhin aggressiv in diesen Markt investieren wollen. Darüber hinaus werden wir sicherstellen, dass unsere Produkte auch mit denen anderer Hersteller, beispielsweise denen von Ariba, zusammenarbeiten können.