Keine digitalen Prioritäten

Das deutsche Ehrenamt hat digitale Defizite

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Deutschland ist auf ehrenamtlich engagierte Menschen angewiesen. Würden die zahllosen Vereine, Stiftungen und Hilfsorganisationen die Chancen der Digitalisierung konsequenter nutzen, könnten enorme Potenziale freigesetzt werden. Neue Formen von Zusammenarbeit, Planung und Projekt-Management sind überfällig.

In dem Thesenpapier "Denkanstöße zur Digitalisierung der Zivilgesellschaft", das auf Basis einer Umfrage unter gemeinnützigen Organisationen erstellt wurden, kommen die Autoren zu besorgniserregenden Erkenntnissen. Jeder zweite Befragte attestiert seiner Organisation Nachholbedarf etwa beim Koordinieren von Ehrenamtlichen, beim Fundraising über digitale Kanäle, aber auch beim Thema Wirkungsmessung und Organisationskultur. Gleichzeitig glauben 70 Prozent, dass sie über digitale Tools administrative Aufgaben effizienter abwickeln könnten, beispielsweise in der Mitglieder- oder Spendenverwaltung. Auffällig ist zudem, dass kleine und junge Organisationen die anstehenden Veränderungen viel aktiver angehen als die großen und etablierten.

Nicht überall in den gemeinnützigen Organisationen herrscht Konsens darüber, welche Veränderungen und Hebel die Digitalisierung bringen wird.
Nicht überall in den gemeinnützigen Organisationen herrscht Konsens darüber, welche Veränderungen und Hebel die Digitalisierung bringen wird.
Foto: WHU, fibonacci u.a.

Erstellt wurde das Thesenpapier von Nicole Dufft, Mitgründerin und Partnerin der Beratungsfirma fibonacci & friends, Peter Kreutter, Direktor der Stiftung Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung (WHU) sowie Holger Krimmer und Patrick Gilroy von "Zivilgesellschaft in Zahlen" (Ziviz) im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. Veröffentlicht wurde es im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung der Förderinitiative "digital.engagiert" von Amazon Deutschland und dem Stifterverband.

Gelder werden nicht in die Digitalisierung gesteckt

Die Autoren weisen darauf hin, dass von einer generellen Digitalisierungsskepsis oder Orientierungslosigkeit im Non-Profit-Sektor nicht die Rede sein könne. Allerdings genieße die Digitalisierung in vielen Organisationen schlicht noch nicht die Priorität, die notwendig wäre, damit dafür auch ausreichende finanzielle, personelle und zeitliche Ressourcen zur Verfügung gestellt würden. Auch Organisationen mit großen Jahresbudgets stellen demnach kaum finanzielle Mittel für die Digitalisierung bereit.

Die Studienautoren halten es für wahrscheinlich, dass die Non-Profit-Organisationen vornehmlich an klassische Technologieinvestitionen denken, wenn von der Digitalisierung die Rede ist. Tatsächlich gehe es hier aber um umfassende Anpassungen in Strategie, Organisation, Prozessen, Kompetenzen, Arbeitsmethoden und Kultur. "Alarmierend erscheint uns, dass vor allem operativ arbeitende Organisationen, deren direkte Projektarbeit oft erheblich von Digitalisierung profitieren und eine größere Wirksamkeit entfalten könnte, keine ausreichenden Mittel dafür freistellen", heißt es in der Studie.

Technik ist zeitgemäß - doch es gibt ein Softwareproblem

Immerhin ist die klassische IT-Ausstattung in nur 15 Prozent der Non-Profit-Organisationen hierzulande technisch veraltet. Etwa die Hälfte der Befragten gibt sogar an, dass Netzwerk, IT-Sicherheit und Hardware auf dem neuesten Stand seien. Im Bereich Software fühlen sich allerdings nur etwa ein Drittel der 168 befragten Mitarbeiter aus Vereinen, Stiftungen, gemeinnützigen Firmen, Genossenschaften und sonstigen Initiativen technisch up-to-date. Vor allem die kleineren, jüngeren Organisationen nutzen Cloud, Social Media, Messenger und Mobile Apps - sie könnten ihren großen Pendants durchaus als Vorbild dienen.

Auch die NGOs kommen um den digitalen Umbau nicht herum.
Auch die NGOs kommen um den digitalen Umbau nicht herum.
Foto: WHU, fibonacci u.a.

Auffällig ist zudem, dass nur die ganz großen Organisationen dedizierte IT-Verantwortliche haben und nur ein kleiner Teil mit externen Dienstleistern zusammenarbeitet. Das ist zwar angesichts begrenzter finanzieller Mittel nachvollziehbar, wirft aber die Frage auf, ob hier nicht am falschen Ende gespart wird.

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Die Ergebnisse zeigen ferner dass weder die Führungskräfte, noch die Mehrzahl der Mitarbeiter und auch nicht die Gremien und großen Geldgeber aus Sicht der Befragten technologieaffin und offen für Veränderungen sind. Das sind für die Digitalisierung des Non-Profit-Sektors keine guten Voraussetzungen: Es fehlt die Bereitschaft, sich mit neuen Technologien auseinanderzusetzen und Veränderungen offen gegenüberzutreten.

Positiv sehen die Studienautoren das Ergebnis, dass Entscheidungen in den Organisationen meist schnell und unkompliziert getroffen werden und Arbeitsabläufe selbstorganisiert und flexibel sind. Allerdings ist dies in kleinen und jungen Organisationen viel häufiger der Fall als in großen, etablierten.