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CW extraKT: M-Business erobert den Alltag

01.03.2002
Auch wenn UMTS weiter auf sich warten lässt: Mobile Anwendungen sind auf dem Vormarsch - allen voran die auf Wireless-LAN-Basis.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Wer heute im Wiener "Café Diglas" seinen "Braunen" - so nennen die Wiener ihren Kaffee mit Milch - genießt, kann dabei drahtlos im Internet surfen. Das traditionsreiche Kaffeehaus gehört zu den etwa 20 Partnern des Netzbetreibers Metronet, die ihren Kunden den Zugang zum Internet mit Wireless-LAN-Technik ermöglichen. Metronet betreibt seit Mitte Januar ein kommerzielles W-LAN-Netz. Dabei kommen Sendestationen des Aachener Herstellers Elsa zum Einsatz. Metronet-CEO McGinn sieht den Nutzen des Netzes vor allem in Anwendungen wie E-Mail, Internet-Surfen und lokalen Services. Mit einer Übertragungsrate von bis zu elf Mbit pro Sekunde können die Benutzer ins Internet oder mittels VPN gesichert in ihre Firmennetzwerke einsteigen. Die Tarife sind an das Verbraucherverhalten angepasst: Privatpersonen oder

Business-User können als Dauerabonnenten zwischen Zeit- und Volumentarifen wählen. Bei gelegentlichem Bedarf erleichtert ein Prepaid-Service mit Zeittarif die sofortige Benutzung. Bezahlen kann man den Dienst mit der in Tabakläden erhältlichen Paysafecard, via Paybox (über das Handy) oder per Kreditkarte.

Ähnliche, in der Pilotphase zumeist kostenlose Angebote haben in Deutschland beispielsweise der Flughafen München und verschiedene Hotels eingerichtet. Im Hotel Estrel Berlin etwa kostet eine Stunde Surfen im Atrium für Gäste inklusive Web-Pad-Nutzung und einer Tasse Kaffee 7,50 Euro. Besondere Tarife gibt es für Veranstalteter, die ihren Teilnehmern drahtlosen Web-Zugang ermöglichen wollen. Ein Angebot, dass beispielsweise Microsoft bereits bei einer Konferenz mit über 2000 Teilnehmern genutzt hat. "Das war die Feuertaufe für unser drahtloses Netz", berichtet Mario Tomiak, IT-Manager der Nobelherberge. "Zeitweise hatten wir mehr als hundert gleichzeitige Nutzer im Netz - ohne jede Probleme". Insgesamt hatten etwa 200 Teilnehmer W-LAN-fähige PDAs und Laptops mitgebracht. Die Refinanzierung des Pilotprojekts ist für die Berliner Hoteliers kein Problem, da die Technik größtenteils von den Partnern De Te Line und Cisco gesponsert wird.

Markt bewegt sich

Es tut sich also was im Mobile-Markt. Wenn vor einem Jahr, als der Mobile-Hype auf der CeBIT seinen bisherigen Höhepunkt erlebte, von Mobile Business die Rede war, dann ging es dabei zumeist um Endkunden-orientierte Angebote auf WAP-Basis. Per Handy ins Internet lautete das Motto. Angesichts der bekannten Bandbreiten-Probleme im GSM-Netz wurde UMTS zur Basistechnologie des M-Business hochstilisiert. Als klar wurde, dass der Aufbau einer UMTS-Infrastruktur länger dauern würde als gedacht, schien auch M-Business von der Bildfläche verschwunden zu sein. Doch jetzt, da beispielsweise Monika Hartmann, Autorin einer UMTS-Studie der Hypo-Vereinsbank, die Talsohle für durchschritten erklärt, stehen mit W-LAN und Bluetooth andere Mobile-Technologien im Rampenlicht. Insbesondere W-LAN erfreut sich derzeit wachsender Beliebtheit, wie die auf Netzthemen spezialisierten Marktforscher von Dell’Oro belegen. Sie ermittelten im vierten Quartal 2001 weltweit eine Umsatzsteigerung

gegenüber dem vorherigen Quartal von 21 Prozent auf mehr als 363 Millionen Dollar. Insbesondere in den Branchen Gesundheitswesen, Fertigungsindustrie und Handel stellt Analyst Greg Collins bereits eine überdurchschnittliche Nachfrage fest.

Das St.-Elisabeth-Krankenhaus in Hünfeld beispielsweise ist bereits flächendeckend mit einem kabellosen LAN ausgerüstet. Das komplette Verpflegungs-Management des 200-Betten-Hauses läuft über ein W-LAN. "Das bedeutet weniger Zettelwirtschaft" berichtet Krankenschwester Dorothea Weitz. Als Endgeräte fungieren dabei tragbare Touchscreens von Fujitsu. Mit diesen erfassen die Krankenschwestern beispielsweise am Bett des Patienten dessen Essenswünsche. Der Druck auf den OK-Button schließt die Bestellung ab und startet den Versand der Daten per Funk in das System, wo sie schließlich automatisiert an die Großküche übermittelt und ausgedruckt werden. Sibylle Schmitz, Leiterin der Krankenhaus-DV, denkt schon an die Zukunft: "Unter anderem ist bereits geplant, ein integriertes Qualitäts-Management und die komplette Dokumentation zu implementieren." Das Beispiel belegt die These von Professor Elgar Fleisch, Forscher am Institut für

Wirtschaftsinformatik (IWI) der Universität St. Gallen: "Mobile Computing wird sich vor allem da durchsetzen, wo es Prozesse vereinfacht. Dabei müssen die Verbesserungen für diejenigen spürbar sein, die die Technik einsetzen - und das ohne mehrtägige Schulungen".

 

Mobil ohne Funk

Ibrahim Amer, Senior Consultant bei der Meta Group, sieht den Field Service als einen der Hauptantriebsmotoren für die Entwicklung mobiler Anwendungen. Dass dafür nicht unbedingt hochtechnisierte Mobilfunknetze nötig sind, zeigt die Firma Techem aus Frankfurt. Das Unternehmen, das auf die Erfassung und Abrechnung von Verbrauchszählern für Wasser und Wärme spezialisiert ist, nutzt seit Jahren mobile Endgeräte, um Zählerstände elektronisch zu erfassen. Gegenüber der Datenerfassung auf einem Papierformular hat dieses Verfahren den Vorteil, dass die Abrechnungsdaten schneller und in höherer Qualität vorliegen. Die eingesetzten Geräte von Psion sind dafür mit "Argos" - einer speziellen Software des Münchner Softwarehauses Bittner + Krull ausgerüstet, die eine möglichst einfache, schnelle und sichere Eingabe der Daten über eine grafische

Benutzeroberfläche unterstützt. Teilweise werden zwar auch bei Techem die Daten schon per Infrarot oder Funk in die Geräte eingelesen, die Übertragung der Daten vom Client in das Abrechnungssystem läuft jedoch noch per Kabel. Allerdings will man auch bei Techem in Zukunft vermehrt auf Funktechnik setzen. Ein Projekt zur Einführung einer neuen Generation von mobilen Endgeräten mit dem Software-Release Argos/5 läuft bereits.

Einen ähnlichen Weg wie im Hünfelder Krankenhaus ging man im Klinikum der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz. Allerdings mit anderer Technik. Im Rahmen eines Pilotprojektes mit fünf Benutzern in der Neurochirurgie kommen hier Bluetooth-Komponenten des britischen Herstellers Red-M und Handhelds von Handspring im Verbund mit der Software-Lösung "M-Doc" von M-Creations zum Einsatz. Das Programm zur Verwaltung von Patientendaten ist so konzipiert, dass sich nahezu alle üblichen Eintragungen zeitsparend über grafische Elemente erfassen lassen - auch und gerade die Diagnosen, denen dann automatisch die abrechnungsrelevanten Codes nach der International Classification of Diseases (ICD) zugeordnet werden. Die Abrechnung mit den Leistungsträgern lässt sich so nach Angabe von Projektleiter Nikolai Hopf um 80 Prozent beschleunigen. Aufgrund des bisherigen Erfolges ist eine Ausweitung der Installation auf die komplette Neurochirurgie geplant. Innerhalb der Klinik gibt es

auch bereits Überlegungen, M-Doc auf W-LAN-Basis zu nutzen. Dabei wird man allerdings darauf achten müssen, dass sich Bluetooth-Sender und W-LAN-Empfänger nicht zu nahe kommen.

Maschinen kommunizieren

Bluetooth ist auch die Technik der Wahl beim Tiefkühlkostlieferanten Bofrost. Jeder Lieferwagen soll hier im Laufe der nächsten Monate mit Bluetooth-fähigem Notebook und Nadeldrucker ausgestattet werden. Damit können die Fahrer Bestellungen an der Haustür direkt eingeben und den Kunden aktuelle, im Wagen ausgedruckte Angebote präsentieren. Nach Dienstschluss wird das Notebook drahtlos mit dem Server in der Niederlassung synchronisiert. Einen Schritt weiter gehen einige Unternehmen bereits mit Pilotprojekten im Ubiquitous Computing. Dabei kommen unter anderem Radio Frequency Identification (RFID) und so genannte Smart Labels, also aufklebbare Mikrochips, zum Einsatz. An den Montagebändern des Automobilherstellers Ford etwa kontrollieren mit speziellen Chips ausgestattete Teileboxen automatisch ihren Bestand. Per Funk senden sie Signale an das Lager oder an Zulieferer, wenn sie ersetzt werden müssen. In mehr als 25 Werken setzt Ford das System bereits ein.

Gegenüber dem früher genutzten kabelgebundenen System hat sich die Installationszeit um 75 Prozent verkürzt und Prozessanpassungen sind wesentlich schneller realisierbar. Die Kosten liegen um 200.000 bis 500.000 Dollar pro Werk unter denen des festverdrahteten Systems.

Für Professor Fleisch, der sich als einer der Leiter des Schweizer M-Lab intensiv mit Ubiquitous Computing beschäftigt, zeigen Anwendungen wie diese deutlich, wo die Trends im Mobile Computing gemacht werden: "Die Fertigungsindustrie hat hier eine Pionierrolle. Gerade in der Kommunikation zwischen Maschinen werden da mobile Techniken ihr Potenzial entfalten." Dabei werden seiner Meinung nach innerhalb von Firmengebäuden Wireless-LAN, Bluetooth und Co. die Nase vorn haben. Im öffentlichen Raum hingegen gehört UMTS die Zukunft.

Doch auch die vielgeschmähte WAP-Technologie lässt sich bereits heute, ohne die UMTS-Übertragungsraten, sinnvoll nutzen. Das jedenfalls meint etwa BMW. Mit wap.parkinfo.com bieten die Münchner Autobauer den kostenlosen Zugriff auf Informationen über die tagesaktuellen Parkmöglichkeiten in rund 80 Großstädten und an Flughäfen. Der Service erfasst derzeit 1600 Parkeinrichtungen mit 600.000 Stellplätzen. Für Köln, Regensburg und Teile Berlins können die Nutzer darüber hinaus die Anzahl der aktuell freien Stellplätze abfragen. Die Daten dafür werden von den jeweiligen Parkleitsystemen zur Verfügung gestellt. Weitere Städte sollen folgen. Wer die nervige Rumkurverei in überfüllten Innenstädten leid ist, hat mit dem neuen Service leichtes Spiel: Unter der URL-Adresse

http://wap.parkinfo.com findet sich eine Display-gerechte Städtevorauswahl. Eine Stadt kann aber auch direkt angewählt werden durch Eingabe eines Fragezeichens und des Autokennzeichens der Stadt hinter der URL. Beispielsweise gelangt der Nutzer mit http://wap.parkinfo.com/?k zur Übersicht über Parkmöglichkeiten in Köln. Kölner Handynutzer können den Weg zur Information verkürzen, wenn sie die Adresse als Favoriten kennzeichnen. Wer den Dom besichtigen will, findet in der angezeigten Liste die Parkplatzangebote in der Umgebung. Die Liste enthält die Namen der Parkmöglichkeiten, Himmelsrichtung und Fußwegentfernung, Angaben zur Größe und - sofern vorhanden - zu den freien Plätzen. Selbst wenn man die Online-Kosten für zwei bis fünf Minuten Recherche in Rechnung stellt: Im Vergleich zu einer halben Stunde

Parkplatzsuche dürfte sich der Aufwand lohnen. Realisiert wurde das Angebot vom BMW-Rechenzentrum in Zusammenarbeit mit der Berliner Netventure GmbH, die für die Software sorgte, und der Weckwerth & Bertram GmbH, die für die Datenübertragung aus den Parkhäusern zuständig ist.

Schnelle Parkplatzsuche

Auch die Konkurrenten aus Stuttgart bieten Autofahrern Informationen für unterwegs per Handy und PDA - mit dem "City Companion". Das Daimler-Chrysler-Angebot ist zwar zunächst nur auf Berlin begrenzt, umfasst jedoch neben der Parkplatzsuche eine Reihe weiterer Informationsdienste. Sogar ein Online-Organizer gehört dazu. In der Startphase ist auch dieser gemeinsam mit IBM entwickelte und umgesetzte Service kostenlos.

Ob und wann mit derartigen Angeboten welche Umsätze zu erzielen sind, steht allerdings noch in den Sternen. Und ob der Internet-Zugang den Kaffee-Umsatz bei Diglas steigert, muss die Zukunft zeigen. (uk)