Datev-Analyse

Corona quält den Mittelstand

10.07.2020
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Deutsche Steuerberater kamen bislang gut durch die Corona-Krise – und damit auch deren wichtigster Dienstleister Datev. Zu kämpfen haben indes viele mittelständische Mandanten, vor allem wenn sie in der Digitalisierung hinterherhinken.

Die Datev sieht die Geschäfte der steuerberatenden Berufe von der Corona-Krise nicht sonderlich stark beeinträchtigt, wohl aber die von deren Mandanten. Das sagte CEO Robert Mayr anlässlich der Halbjahresbilanz. Als IT-Dienstleister für steuerberatende Berufe hat die Genossenschaft einen guten Einblick in die wirtschaftliche Situation des deutschen Mittelstands.

36 Prozent der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erwarten in den nächsten sechs Monaten Insolvenzen in ihrer Klientel.
36 Prozent der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer erwarten in den nächsten sechs Monaten Insolvenzen in ihrer Klientel.
Foto: Datev eG

Zwischen dem 19. und dem 23. Juni 2020 haben die Nürnberger Auskünfte von 416 Kanzleien eingeholt. Diese Gruppe zeichnet angesichts der Corona-Krise ein ambivalentes Bild zur Zukunft ihrer Klientel. Daran ändert auch das große Konjunkturpaket nichts, das die Bundesregierung am 1. Juli verabschiedet hat. 38 Prozent der Kanzleien halten weitere Insolvenzen aus ihrem Mandantenstamm in den nächsten sechs Monaten für wahrscheinlich. Genauso viele sind aber auch optimistisch, dass ihre Klientel von Pleiten verschont bleiben wird.

Für 34 Prozent der befragten Steuerberater kommen die konjunkturstützenden Maßnahmen des Bundes schon zu spät. Mit 27 Prozent sind etwas weniger der Ansicht, dass die Unterstützung noch rechtzeitig eintrifft, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Ein Großteil (39 Prozent) hat zum Timing der Konjunkturmaßnahmen keine Meinung.

Die Studienteilnehmer sehen die Perspektiven von Unternehmen, die staatliche Unterstützung erhalten, naturgemäß besser als die Chancen solcher Betriebe, die mit keinen Hilfen rechnen können. 22 Prozent der Mandanten ohne staatliche Unterstützung sind demnach insolvenzgefährdet. Anfang März war die gleiche Frage gestellt worden, damals sahen die Befragten sogar 40 Prozent dieser Gruppe durch die Pandemie existenziell bedroht. Der Anteil der trotz staatlicher Hilfen gefährdeten Betriebe liegt bei durchschnittlich vier Prozent.

Digitalisierungsschub bei Steuerberatern

Datev-Chef Mayr berichtete auf der Bilanz-PK, dass die steuerberatenden Berufe schon vor der Corona-Krise einen deutlichen Digitalisierungsschub erlebt hätten. Während die technische Ausrüstung meistens schon gut war, erlebte die Branche dann aber auch einen kräftigen Schub bei digitalen Prozessen und der digitalen Strategie. Wichtigste Antriebe sind demnach Zukunftssicherung (71 Prozent Zustimmung) und Zeitersparnis/Optimierung (60 Prozent).

Robert Mayr, CEO der Datev eG, wagt trotz guter Geschäftszahlen im ersten Halbjahr 2020 keinen Blick in die Glaskugel.
Robert Mayr, CEO der Datev eG, wagt trotz guter Geschäftszahlen im ersten Halbjahr 2020 keinen Blick in die Glaskugel.
Foto: Datev eG

Problematisch ist, dass immer noch viele mittelständische Mandanten momentan nicht bereit oder fähig sind, diesen Weg mitzugehen - das zumindest beklagen 65 Prozent der Befragten. Der Daten-Input der Kunden ist laut Datev entscheidend für den Digitalisierungsgrad, den eine Kanzlei erreichen kann. Von ihm hängt ab, ob Prozesse digitalisiert und organisatorische Anpassungen vorgenommen werden können. Immerhin gehe es beim Dateninput über direkte Schnittstellen spürbar aufwärts, die Steuerkanzleien erhielten inzwischen weniger als die Hälfte der eingehenden Dokumente auf Papier.

Datev wächst in der Krise und verzichtet auf Ausblick

Die Datev selbst hat sich im ersten Halbjahr trotz der Krise gut geschlagen. Die Einnahmen stiegen um 4,3 Prozent auf 569,3 Millionen Euro (1. Halbjahr 2019: 546 Millionen Euro). Mayr traute sich jedoch keine Prognose für die zweite Jahreshälfte zu: "Die aktuellen Prognosen zeichnen ein Bild mit großen Unsicherheiten, was sich auch auf unser Geschäft auswirken wird." Die Datev habe im März und April vom Wechsel der Steuerberater ins Homeoffice profitieren und dort mehr als 10.000 Remote-Arbeitsplätze einrichten können - pro Woche.

Stark frequentiert sei zudem das Portal LEON für digitale Lernmedien gewesen. Bei den Cloud-Lösungen (z.B. Unternehmen online) sei ein Wachstum von 21 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode erzielt worden. Auch seinen Kundenkreis - Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Rechtsanwälte und Mittelständler - konnte der genossenschaftlich organisierte IT-Dienstleiter weiter vergrößern: Die Zahl der Kunden stieg innerhalb eines Jahres um gut 57.000 von 325.000 auf 382.000.