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COMDEX: Fiorina setzt aufs Netz

14.11.2000
Zum - nach dem enttäuschenden Ergebnis - denkbar ungünstigsten Zeitpunkt musste HP-Chefin Carly Fiorina auf die Keynote-Bühne. Sie positioniert ihr Unternehmen als Technologie-Anbieter für Internet-Services.

Von CW-Redakteur Ludger Schmitz

LAS VEGAS (COMPUTERWOCHE) - Hewlett-Packards Chief Executive Officer (CEO) und President, Carly Fiorina, kann schon mal schnippisch werden. Angesprochen auf die schlechten Ergebnisse im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2000 (Computerwoche online berichtete) spielte sie auf die skandalösen Vorgänge bei der letzten US-Präsidentschaftswahl an: "Sollen wir etwa noch einmal zählen?" Das werde sie nicht tun. Fiorina akzeptierte die "sehr enttäuschenden" Zahlen: "Ich übernehme die volle Verantwortung."

Angesichts der in den letzten Monaten schlechteren Entwicklung hat Fiorina die geplante Übernahme von Pricewaterhouse-Coopers (PwC) abgeblasen. Ihre Begründung weist auf eine Ursache der schlechten Ergebnisse hin: "Ich bin nicht mehr bereit, die HP-Organisation der fortgesetzten Ablenkung durch die Verfolgung dieser Übernahme auszusetzen." HP machte wenige Angaben darüber, wie es sein Beratungs- und Dienstleistungsgeschäft nunmehr ausbauen will. Man halte an einer Wachstumsstrategie für das Beratungsgeschäft fest. Auch sei das Unternehmen weiterhin an Zukäufen interessiert.

Die richtige Entscheidung?

Zwar bedeuten die kurzfristig abgeblasenen Akquisitionsverhandlungen mit PwC vordergründig einen Imageverlustes insbesondere für Fiorina. Allerdings hat die Entscheidung doch ihr Gutes: Auch wenn der zum Teil in HP-Aktien zu zahlende Preis von 18 Milliarden Dollar für die Übernahme des Consulting-Bereichs zuletzt um drei Milliarden Dollar reduziert wurde, wäre die finanzielle Belastung von HP erheblich gewesen - nicht zu reden von 30.000 neuen Mitarbeitern, die HPs 6000 Mann starke Beratungsmannschaft ergänzt hätten. Insbesondere der Integrationsprozess wäre wohl nicht unproblematisch gewesen.

Sowohl Computer Sciences Corp. (CSC) als auch Compaq - und die Texaner sollten es nach der Einverleibung von Digital Equipment wissen - hatten vor der Übernahme der Consulting-Basis von PwC gewarnt. Eine Hardware- und eine Beratungsfirma zu verschmelzen sei wegen der unterschiedlichen operativen Abläufe und Vertriebskulturen alles andere als trivial. Die Unternehmensberatung Meta Group weist zudem auf einen weiteren kritischen Aspekt hin, der sich durch eine Zusammenlegung der Beratungstätigkeiten von PwC und HP ergeben hätte: Konkurrenten wie Sun Microsystems, IBM oder Compaq hätten mit Sicherheit in der Branche eine Diskussion darüber angezettelt, wie neutral eine Beratung der PwC-Mannschaft noch geblieben wäre, hätte HP sie übernommen. Die Möglichkeit, dass die zugekaufte Consulting-Sparte zu einem Vertriebsarm HPs verkommen wäre, hätte das Beratungsgeschäft von PwC wahrscheinlich beschädigt, schreibt Meta.

Vielmehr sollen sich die HP-Mitarbeiter auf eine neue Rolle ihres Unternehmens einstellen. Das Internet wachse gerade in eine neue Phase Service-basierter Nutzung. Eine Vielzahl von zum Teil neuen Devices ermögliche bisher undenkbare Anwendungen und deren effiziente Nutzung. In dieser Ära soll HP eine führende Rolle als Technologieanbieter einnehmen.

Ein deutlicher Schritt in diese Richtung ist ein neuer Vertrag mit Nokia, mit dem eine Größe der DV-Industrie die Bedeutung der Mobilfunker für die Zukunft des Internet unterstreicht. HP wird die Technik entwickeln, mit der Nokia-Handys an Drucker angeschlossen werden können, um beliebige Dokumente aus dem Web unmittelbar auszudrucken. Nokia wird die HP-Software mit seinen Handys ausliefern.

Als weiteres Beispiel dafür, dass Internet-basierte Services wichtiger werden als IT-Produkte, führte die HP-Chefin "E-Speak" an. Es handelt sich um eine Softwareplattform von HP, die der Kommunikation von Geräten dient. Leider fand Fiorina dazu kein gerade originelles Beispiel. So versetze E-Speak Drucker in die Lage, bei Bedarf benötigte Tintenpatronen oder Tonerkartuschen selbst via Web zu bestellen.

Seit dem Erwerb der Firma Bluestone Software, von der XML-basierte Tools für Web-Application-Server kommen, sieht Fiorina HP gut gerüstet. "Wir schaffen die breiteste Entwicklungsumgebung für das Service-basierte Modell." Vor einem möglichen Vergleich mit Microsofts .NET verwahrt sie sich: Das Internet der Zukunft müsse "offenen Standards" folgen. Fiorina: "Wir glauben an ein Internet, dass nicht mehr von proprietären Technologien, geschlossenen Architekturen oder den klassischen PCs begrenzt ist."

Die HP-Chefin sieht die nahe Zukunft von drei Trends geprägt: Zunahme von Internet-Appliances, Web-basierten Services und schnelle, ständige Internet-Zugänge. Ein Schatten falle auf die bisherige Situation: Vier Milliarden Menschen haben bisher keinen Zugang zum Netz. Der Hinweis war kein humanistischer Anfall. Die Forscher sollten sich nicht nur um Technologien für die nächsten Jahre kümmern, meinte Fiorina. "Wir müssen uns auf die Erschließung neuer Märkte, auf neue Geschäftsmöglichkeiten für die nächsten fünf bis zehn Jahre konzentrieren."

Dell: Internet per Zweitcomputer

In seiner Keynote am ersten Tag der Comdex in Las Vegas hat Michael Dell seine Sicht einiger DV-Trends dargelegt. Grosses Wachstum erwartet der Gründer und Chef der Dell Computer Corp. für Server und Speicher. Die Gründe sind schnelle Internet-Verbindungen und eine explosionsartige Zunahme von Devices für den Zugang zum Netz.

Ein unübersehbarer Trend sei die schnell zunehmende Verbreitung von mobilen Rechnern aller Art, besonders aber PDAs und Web-fähiger Handys. Kleingeräte würden aber nicht die klassischen PCs ersetzen, sondern als Zweitsysteme für unterwegs beliebt werden. Allerdings sei zu erkennen, dass Unternehmen immer mehr der Verwendung von Notebooks mit drahtlosem Netzzugang zuneigten. Als von Dell-Kunden besonders nachgefragte Wireless-Technologien nannte der Jungpatriarch Bluetooth, GPRS, CDMA und UMTS.

Dell selbst werde entgegen früheren Absichtserklärungen aber zunächst nicht in den Handheld-Markt einsteigen, erklärte der Chief Executive Officer. Grund: Es sei derzeit nicht erkennbar, welche Plattform - Palm, Symbian oder Pocket PC - letztlich das Rennen machen werde. "Wer gewinnt, ist offen. Keine Chance für einen direkten Volltreffer oder die garantiert richtige Wahl", so Dell.