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Comdex: Bill Gates glaubt immer noch an den PC

18.11.2002
In seiner Keynote zur Comdex Fall kündigte Microsoft-Gründer Bill Gates unter anderem neue Technik für intelligente Haushaltsgeräte ("SPOT") und ein elektronisches Notizbuch für Office an.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit leichter Verspätung trat Microsofts Gründer und Chief Software Architect am Sonntagabend vor rund 12.000 Zuhörern in der Garden Area des MGM Grand zu seiner Keynote an, mit der er dies diesjährige Comdex Fall in Las Vegas eröffnete. Im Gepäck hatte er unter anderem "OneNote", das im kommenden Sommer auf den Markt kommen und das Office-Paket um eine vielseitige Notizenverwaltung ergänzen soll.

Bill Gates träumt von "schlaueren Alltagsgeräten".
Bill Gates träumt von "schlaueren Alltagsgeräten".

Hinsichtlich der weiteren Entwicklung der IT-Branche übte sich Gates in Zweckoptimismus. Vor uns liege ein Zeitalter, in dem nahezu alle Aktivitäten des Menschen digitalisiert werden, glaubt der Microsoft-Vordenker. "Man sitzt nicht länger nur vor diesem Desktop-PC", erklärte Gates. "Das ist zwar wichtig, aber nur ein Teil dessen, was wir versuchen. Die Magie der Software breitet sich auf alle möglichen Geräte aus - und all diese Geräte sind auf unterschiedliche Weise miteinander verknüpft."

In diesem Bereich, so enthüllte der Microsoft-Manager, arbeite sein Unternehmen unter anderem an einer neuen Technik namens "SPOT" (Smart Personal Object Technology). Als Beispiel präsentierte er einen Reisewecker, der seinen Besitzer anhand des ersten Termins am nächsten Morgen aufweckt (ergänzt um aktuelle Verkehrsmeldungen und Flugdaten), sich die aktuelle Zeit von einer Atomuhr aus dem Internet holt und drahtlos mit dem PC kommunziert. Als Hardwarepartner bei der SPOT-Entwicklung ist National Semiconductor mit im Boot. Erste Geräte mit der neuen Technik, zu Details Microsoft auf der Consumer Electronics Show (CES) im kommenden Januar weitere Details enthüllen will, sollen im Laufe des Jahres 2003 auf den Markt kommen.

"OneNote" als Ergänzung zu Office

Mitte kommenden Jahres - also möglicherweise als Bestandteil von Office 11 (Computerwoche online berichtete), eine Entscheidung darüber ist aber noch nicht gefallen - wird Microsoft ein neues Programm namens "OneNote" auf den Markt bringen, kündigte Gates an. "Denken Sie sich das als eine elektronisches Notizbuch", ergänzte John Vail, Director of Product Management beim Redmonder Softwarekonzern.

Mit "OneNote" sollen Office-Benutzer ab Mitte kommenden Jahres digitale Notizen verwalten.
Mit "OneNote" sollen Office-Benutzer ab Mitte kommenden Jahres digitale Notizen verwalten.

OneNote soll für klassische PCs und Notebooks ebenso taugen wie für die neuen Tablet PCs (Computerwoche online berichtete). Das unter dem Codenamen "Scribbler" entwickelte Programm kann getippte und handschriftliche Notizen ebenso aufnehmen wie Audio, auch Elemente aus Web-Seiten speichert es via Drag and drop. Über alle gespeicherten Inhalte lässt sich im Volltext suchen, außerdem lassen sich die OneNote-Notizen in Office-Dokumente einbetten und per Mail versenden. Eine erste Beta-Version soll Anfang kommenden Jahres erscheinen.

Ungebrochener Fortschrittsglaube

Trotz der speziell in Las Vegas unübersehbaren Branchenflaute glaubt Bill Gates weiter ungebrochen an den technischen Fortschritt. Als ein Beispiel führte er Dells neuen Pocket PC "Axim 5" an, der zur Comdex erscheint und bereits ab 199 Dollar erhältlich ist (Computerwoche online berichtete; in Deutschland kommt der Axim wohl ab Februar für 249 Euro). Ähnliche Preisrutsche würden es erlauben, dass mehr und mehr bislang tumbe Geräte vom Schüsselanhänger bis zum Kühlschrank "smart" werden, glaubt Microsoft. "Ende des Jahrzehnts wird der typische PC 1 Terabyte Daten speichern", prophezeite Gates. Auf tragbaren Geräten würden dann bereits Hunderte Gigabyte gespeichert.

Was die weitere Verbreitung der Windows-Plattform angeht, demonstrierte Gates schon greifbarer eine Reihe neuer PCs mit dem mutimedial aufgemotzten Betriebssystem Windows XP Media Center Edition und zwei "Mira"-Tabletts vom Display-Spezialisten Viewsonic (Computerwoche online berichtete). Anders als beim Tablet PC ist Mira eher ein herkömmlicher Desktop, dessen Bildschirm sich abnehmen und dann per WLAN angesteuert aufs bequeme Sofa mitnehmen lässt.

Neuer Termin für Windows .Net Server 2003

Gates nannte außerdem einen neuen Liefertermin für "Windows .Net Server 2003", den Nachfolger von Windows 2000 und Kernstück der .Net-Architektur von Microsoft. Im April 2003 soll das mehrfach verschobene Server-Windows nun zu haben sein, gemeinsam mit einer neuen Version der Entwicklungsumgebung "Visual Studio .Net". Zu den Features der neuen Server-Generation gehören bessere Integration mit Storage Area Networks, die Kopplung geographisch entfernter Maschinen zwecks Ausfallsicherheit sowie die Unterstützung von bis zu 64 CPUs und 512 GB Hauptspeicher.

Gates demonstrierte hier auch einen neuen Web-Service, der im kommenden Jahr angeboten werden soll und das Ausdrucken von Dateien in der nächsten Filiale von Kinko's (US-Copyshop-Kette) statt auf dem lokalen Drucker ermöglicht. Was allerdings manche Zuhörer eher zweiflen ließ. "Es ist die menschliche Seite von Kinko's mit der ich ein Problem habe", erklärte etwa Dave Bushnell, President von Digital Marketing Associates aus New York. "Noch kein einziger Print Job von mir bei denen hat geklappt, und daran können Computer auch nichts ändern."

Und wie immer: Ein spaßiges Video

Schon seit Jahren gehört zu Gates' Keynote eine Video-Einspielung, in der sich der Microsoft-Manager selbst auf die Schippe nimmt. Diesmal handelte es sich um eine Parodie der VH1-Sendung "Behind the Music", in der neben Gates unter anderem Warren Buffett, Bill Clinton, Netscape-Mitgründe Mark Andreessen und der Rapper Sean "Puff Daddy" Combs (oder hieß der jetzt "P. Diddy"?) auftraten. Dargestellt wurde die Entwicklung des PC von MIPS Altair über die DOS-Ära bis zur Jetztzeit.

Gates wurde dabei als "Internet Pioneer - NOT" bezeichnett, der das Internet um ein Haar verschlafen hätte. Es sei ihm aber sehr wohl klar gewesen, dass jedermann auf den Internet-Zug aufsprang. "Ganz besonders wurde mir das klar, als jedermann außer mir schon drauf war", scherzte der Microsoft-Gründer, der sich ja angesichts der Verbreitung von Internet Explorer & Co. inzwischen auch längst wieder beruhigt zurücklehnen kann. (tc)