Safe Harbor und die Folgen

Cloud Computing - auf den Standort kommt es an

24.02.2016
Von 


Matthew Finnie ist seit 2000 CTO bei Interoute und gilt als einer der provokativsten Vordenker der Kommunikationstechnologie in Europa. Finnie verantwortet die Entwicklung und Implementierung von neuen Produkten und Technologien sowie der Servicestrategie von Interoute. Der studierte Elektronikingenieur ist regelmäßiger Berater der Europäischen Kommission in Bezug auf ICT-Forschung und -Innovation sowie Mitglied des CONNECT Advisory Forums (CAF), das die EU Kommissionen zu Investitionen in Digitaltechnologie im Rahmen der Horizont 2020-Initiative berät.
Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zum "Safe-Harbor"-Abkommen hat in vielen Unternehmen weitreichende Fragen bezüglich der Cloud aufgeworfen. Nicht nur das allgemeine Thema Datenschutz steht im Zentrum der Diskussionen, sondern vor allem der Aspekt des Datenstandorts. Cloud-Nutzer sollten sich bewusst machen, wo und von wem die Daten gespeichert werden

Viele Menschen sehen die Cloud als Allheilmittel, um ihr Unternehmen flexibler zu machen, Kosten zu reduzieren und mit den Technologieveränderungen Schritt zu halten. Allerdings hat der Cloud-Boom auch zu Kompromissen geführt, deren genaue Auswirkungen auf das Geschäft gar nicht geprüft wurden.

Fakt ist, dass es nicht DIE Cloud gibt. Es sind viele Anbieter auf dem Markt, die auf den ersten Blick sich ähnelnde Dienstleistungen anbieten. In Bezug auf Leistungsumfang, Skalierbarkeit und Ausführung gibt es aber signifikante Unterschiede. Wechseln Nutzer in die Cloud, wird häufig angenommen, dass sie zu einem der wenigen US-amerikanischen Hyperscale-Anbietern gehen. Deren Herangehensweise ist folgende: Sie errichten große Serverfarmen an möglichst wenigen Orten auf der Welt, um den Dienst möglichst vielen Menschen und in aller Regel über das öffentliche Internet zugänglich zu machen. Das muss aber nicht der einzige Weg sein. Es gibt viele Gründe, warum dieses Vorgehen für einige Unternehmen gerade nicht sinnvoll ist:

1. Werden Daten von einem Anbieter aus einem anderen Rechtssystem gespeichert, gelten die Gesetze dieses Landes

Wird der Server oder der Cloud-Service von einem Anbieter betrieben, der seinen Sitz in einem anderen Land hat als das des registrierten Unternehmenssitzes, kann die Regierung im Land des Serverstandorts Zugriff auf die Daten haben. Dies ist vielen Nutzern nicht bewusst und sie haben keine Kenntnis über die Rechtsprechung im Land des Server-Standorts. Umso mehr sollten Unternehmen ihre Cloud-Anbieter sorgfältig prüfen und auswählen.

Die großen US-Provider versprechen europäischen Unternehmen zwar, dass ihre Daten sicher vor externen Zugriffen seien und die Daten einen gewissen Bereich nicht verlassen würden, "so lange sie geltenden Gesetzen entsprechen". Doch genau das ist das Problem. Unternehmen aus anderen Rechtssystemen könnten eventuell Rechte an den Daten haben. Dies herauszufinden, kann sehr aufwendig sein.

2. Werden Daten in die Cloud migriert, muss die IT eventuell neu entwickelt oder umstrukturiert werden

Die meisten Unternehmen haben über Jahre hinweg eine IT-Infrastruktur aufgebaut und Architekturen entwickelt, um ihre Kunden bestmöglich zu bedienen. Meist befindet sich die IT in unmittelbarer Nähe zu den Mitarbeitern, die sie nutzen.

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Die meisten der Hyperscale-Cloud-Anbieter glauben, dass einzelne Märkte innerhalb der Kontinente mit einem oder zwei "Mega-Scale"-Rechenzentren versorgt werden können. Durch die Verwendung von Caching-Knoten oder anderen Technologien soll das Nutzererlebnis nicht leiden. Die Realität sieht aber anders aus: Je weiter der Server entfernt ist, desto höher ist die Latenzzeit und desto niedriger ist die Geschwindigkeit. Dies ist unabhängig von den Technologien, die zusätzlich eingerichtet werden. Nichts ist besser als ein Server, der sich in der Nähe der Nutzer befindet - mit exakt dem gleichen Setup, das über Jahre aufgebaut worden ist.

Wechseln Unternehmen mit ihren Daten in die Cloud, sind sie oft gezwungen, etablierte Architekturen neu zu entwickeln, umzustrukturieren oder zu verändern, da zwischen den internen IT-Setups und der Cloud meist erhebliche Unterschiede bestehen. Dies bringt erhebliche Kosten mit sich. Darüber hinaus bietet das öffentliche Internet meist nicht die Qualität oder Geschwindigkeit, die benötigt wird. Unternehmen müssen dann zusätzliche Netzwerke hinzufügen, um sicherzustellen, dass geschäftskritische Anwendungen die Performance liefern, die nötig ist.

3. Je weiter der Server entfernt ist, desto langsamer ist die Verbindung

In der digitalen Welt ist Geschwindigkeit wichtiger denn je. Mit der Verbreitung von vernetzten Geräten und der Erwartung, zu jeder Zeit und an jedem Ort online zu sein, wird jede Verzögerung kritisch gesehen. Ob Video-Streaming, Nutzung von Business Apps oder Browsing - Nutzer erwarten im privaten wie im beruflichen Umfeld eine starke Performance.

Deren Bereitstellung ist jedoch limitiert - nicht technologisch, sondern physikalisch: Die Geschwindigkeit von Licht in Glasfaserkabeln ist das natürliche Tempolimit für das Internet und für Netzwerke. Wir haben alle schon Skype-Calls mit Teilnehmern am anderen Ende der Welt geführt und erlebt, wie zäh diese sein können. Und das ist nur ein Beispiel. Wird eine Website besucht oder eine Business-Anwendung genutzt, laufen dutzende, hunderte oder mehr dieser Transaktionen gleichzeitig ab. Jedes einzelne Datenpaket wird angefordert, geprüft und bereitgestellt. Je weiter der Server entfernt ist, desto langsamer ist die Übertragung der Daten und desto ernüchternder das Nutzererlebnis.

Sobald Unternehmer verstanden haben, dass es nicht DIE Cloud gibt, können sie beginnen, ihren digitalen Ansatz zu suchen und ihre Cloud-Technologien auf eine neue Weise zu betrachten. Nicht jede Lösung ist die richtige für jede Anwendung und nicht jeder Anbieter ist der richtige für jeden Kunden. Dieses Wissen ist fundamental für die Herangehensweise von Unternehmen an die Cloud. Sie beginnen, ihre Cloud-Nutzung zu überdenken. Dabei wird klar, dass es einen zunehmenden Bedarf für Cloud-Plattformen gibt, die auf der ganzen Welt in möglichst vielen Ländern verteilt sind.

Fazit: Global entwickeln, lokal bereitstellen

Nutzer profitieren von niedrigeren Latenzzeiten und den damit verbundenen Leistungsverbesserungen, wenn Daten lokaler und dezentraler bereitgestellt werden. Durch die eigene Integration in eine Netzwerkschicht kann der Umzug in die Cloud sehr viel ähnlicher zum bestehenden Setup erfolgen. Dies erleichtert die Migration und hilft möglicherweise dabei, Probleme auf der vorhandenen Plattform zu lösen - und macht weitere Vorteile des Umzugs in die Cloud sichtbar. Benutzer sollten tendenziell also eher von lokaleren Standorten aus bedient werden. Die Cloud-Plattform wird so über mehrere Standorte verteilt und gewährleistet Skalierung und Redundanz. Dies senkt die Kosten und erhöht die Verfügbarkeit.

Ein global aufgebautes, lokal bereitgestelltes und vollständig vernetztes Konzept führt Unternehmen schneller in die Cloud. Damit verbunden sind Einsparungen, die Sicherheit erhöht sich und der Standort der Nutzerdaten bleibt erhalten. (wh)