Cisco Live 2013

Cisco will zur Nummer eins der IT-Anbieter aufsteigen

19.02.2013
Von 
Jürgen Hill ist Chefreporter Future Technologies. Thematisch befasst sich der studierte Diplom-Journalist und Informatiker derzeit mit aktuellen IT-Trendthemen wie KI, Quantencomputing, Digital Twins, IoT, Digitalisierung etc. Zudem verfügt er über einen langjährigen Background im Bereich Communications mit all seinen Facetten (TK, Mobile, LAN, WAN). 

Interview mit Rob Soderbery

Mit Rob Soderbery, Senior Vice President und General Manager der Enterprise Networking Group von Cisco, diskutierte CW-Redakteur Jürgen Hill über die SDN-Strategie (Software Defined Networking) des Konzerns.

CW: Sie verantworten das Enterprise Network Business von Cisco. Wie wird SDN Ihr Geschäft verändern?

Rob Soderbery, Senior Vice President und General Manager der Enterprise Networking Group von Cisco.
Rob Soderbery, Senior Vice President und General Manager der Enterprise Networking Group von Cisco.
Foto: Cisco Pics

SODERBERY: SDN ist primär ein Thema, wie wir unsere Produkte künftig bauen. Im Rahmen unseres Open Network Environment (ONE) verwenden wir SDN-Ansätze und -Verfahren. Gleichzeitig können unsere Partner und erfahrene Anwender mit uns gemeinsam bessere Netze aufbauen.

CW: Wenn Sie von gemeinsamen Aufbau sprechen, meinen Sie dann die Verwendung der Open APIs, die Cisco angekündigt hat?

SODERBERY: Ja, genau. Auf diese Weise haben Anwender und Partner eine Möglichkeit, flexibler auf Basis unseres Network-Stacks eigenen Code zu entwickeln.

CW: Haben Sie ein konkretes Beispiel?

SODERBERY: Ein Anwender aus dem Finanzsektor könnte etwa eine App schreiben, um Netzverbindungen mit der geringsten Latenzzeit aufzubauen, wie sie beim Highspeed-Trading erforderlich sind. Dem Gros der Anwender geht es aber nicht darum, mit Cisco ONE oder SDN ihr Netz selbst zu programmieren - diese Aufgabe überlassen sie uns. Diese Anwender wollen ihr Netz flexibler managen und günstiger betreiben können.

CW: Denken wir dieses Szenario zu Ende. Schwimmen Ihnen dann nicht die Felle weg, wenn für den Anwender der Mehrwert in den Apps oberhalb des Network-Stacks liegt und nicht in mehr in den Switches etc., mit denen Sie in der Vergangenheit viel Geld verdient haben?

SODERBERY: Nein, denn um diese Apps zu realisieren, braucht es ein erstklassiges Netz als Grundlage. Nehmen Sie die Londoner U-Bahn als Beispiel. Gemeinsam mit den Verkehrsbetrieben haben wir ein WLAN-Netz im Untergrund aufgebaut. Dazu gibt es einen Routenplaner als App, mit dem der Fahrgast seinen Weg durch London findet. Den Routenplaner haben natürlich nicht wir geschrieben, da uns dazu das Fachwissen fehlt, aber wir haben das leistungsfähige Netz entwickelt, das diese Anwendung erst ermöglicht.

CW: Ja, so weit folge ich Ihnen. Aber eine der SDN-Visionen ist doch, dass ich in Zukunft den SDN-Controller etwa von Juniper kaufe, einen Switch von Alcatel-Lucent und einen anderen von Cisco. Befürchten Sie nicht, Marktanteile zu verlieren?

SODERBERY: Wir sehen dieses heterogene Szenario nicht.

CW: Warum nicht? Wenn ich mit Ihren Konkurrenten diskutiere, dann hoffen die auf ein solches Szenario.

SODERBERY: Sicher, da haben Sie recht, aber Hoffnung ist keine Strategie. Die Anwender wollen Netze, die einfacher zu warten, zu managen und zu administrieren sind. Wenn Sie nun den Controller von X kaufen, den Switch von Y und anderes Netzequipment von Z, dann erreichen Sie genau das Gegenteil. Deshalb glauben wir nicht an ein solches Szenario, und von Kunden haben wir auch kein entsprechendes Feedback erhalten.

CW: Also glauben Sie, dass wir uns nicht mit SDN zu heterogenen Szenarien bewegen, sondern weiterhin ein One-Stop-Shoping betreiben werden?

SODERBERY: Wir sind überzeugt davon, dass wir leistungsfähigere Netze sehen werden. Und diese sind mit Cisco ONE flexibler und erlauben es, Netz-Apps schneller zu entwickeln sowie die Komplexität zu reduzieren. Das sind die wahren Vorteile von SDN. Die Anwender wollen mit SDN sicher nicht ihren eigenen Netzwerk-Stack programmieren. Nehmen Sie als Beispiel unseren Unified-Access-Ansatz, bei dem wir kabelgebundenes und drahtloses Netz verbinden. Damit reduzieren wir die Komplexität des Netz-Managements um den Faktor zwei. Genau dies funktioniert mit dem akademischen SDN-Ansatz nicht, wenn Sie Equipment von verschiedenen Herstellern verwenden. Dieses SDN-Modell ist in meinen Augen nicht besonders anwenderfreundlich.

CW: Wir haben viel über Visionen gesprochen. Haben Sie schon eine konkrete SDN-Roadmap?

SODERBERY: Ja, unsere Roadmap besteht aus drei Hauptschritten. Dazu gehören die APIs für das ONE Platform Kit (onePK), der ONE-Controller sowie die darauf aufbauenden Applikationen. Das könnte etwa das Low Latency Routing sein oder die Videodistribution für Service-Provider. Ein anderes Beispiel wäre eine Universität, die ihre Forschungseinrichtungen vom Rest des Netzes trennen will. Unsere Produkte werden wir künftig mit einer onePK-Schnittstelle ausliefern. onePK wird letztlich die klassische Cisco Commandline ablösen. Nach onePK wird im Lauf des Jahres der ONE-Controller folgen.

CW: Und was unterscheidet Sie dabei von der Konkurrenz?

SODERBERY: Der größte Vorzug unserer Strategie ist, dass sie auch in existierenden Netzumgebungen funktioniert. Nehmen Sie ein Data Center mit Tausenden Switches und Zehntausenden Ports. Mit der onePK bieten wir den Anwendern einen Investitionsschutz, denn sie können die SDN-Vorteile nutzen, ohne sofort in neues Equipment zu investieren.

CW: Wie darf ich mir das praktisch vorstellen? Als Software-Upgrade für IOS?

SODERBERY: Ja, es wird Software-Upgrades mit den entsprechenden APIs geben. Auf diese Weise kann der Benutzer sein vorhandenes Equipment weiterverwenden. Der zweite Vorteil ist, dass wir die heutigen Netze in ihrer Grundstruktur als Distributed Networks erhalten. Denn in Sachen Zuverlässigkeit sind sie bereits sehr gut, was ihnen fehlt, ist nur die Flexibilität.

CW: Sie halten also im Gegensatz zur Konkurrenz am Grundkonzept einer Distributed Controlplane fest.

SODERBERY: Prinzipiell ja, denn mit einer einzigen Control Plane bringen Sie mehr Komplexität ins Netz und schaffen einen potenziellen Single Point of Failure.

CW: Funktionierende SDN-Netze existieren derzeit primär im akademischen Umfeld. Wann sehen wir sie im Alltag?

SODERBERY: Ich gehe davon aus, dass die Early Adaptors unter den Enterprise-Anwendern Ende 2013 damit beginnen werden, erste SDN-Implementierungen zu realisieren. Von großem Interesse dürfte dabei der Data-Center-Provisioning-Stack sein, um etwa Servern die Netzressourcen automatisch zuzuweisen. Eine Aufgabe, die selbst in virtualisierten Rechenzentren heute im Prinzip noch manuell über die Konsole erledigt wird. (mhr)