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CeBIT: VDI-Präsident beklagt Fachkräftemangel

18.03.2004

Trotz der schlechten wirtschaftlichen Lage fehlen in diesem Jahr mindestens 15.000 Ingenieure. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) sieht darin das schwerwiegendste Hemmnis für den Innovationsstandort Deutschland. Schuld an dem Mangel seien negative Signale aus der Wirtschaft, fehlende politische Rahmenbedingungen und das deutsche Ausbildungssystem.

VDI-Präsident Eike Lehmann zeichnete im Vorfeld der CeBIT ein eher düsteres Bild der Lage: "Leider haben wir in den vergangenen Jahrzehnten im internationalen Wettbewerb um den attraktivsten Innovationsstandort an Vorsprung verloren." Dazu beigetragen haben nach seiner Einschätzung etliche gescheiterte Großprojekte, mit denen sich Deutschland gegen die Wettbewerber hätte etablieren können: Nach der Vergabe der milliardenschweren UMTS-Lizenzen warte die Öffentlichkeit bislang vergeblich auf Endgeräte und erste Anwendungen; das Projekt Transrapid sei nach Jahrzehnten der Hoffnung dem politischen Rotstift zum Opfer gefallen. Auch die lange vom Scheitern bedrohte LKW-Maut gebe Anlass zur Besorgnis.

Die Ursachen liegen für den Verbandschef indes weniger in technischen Mängeln. Vielmehr entständen Probleme häufig aus Management-Defiziten, fehlendem Umsetzungswillen oder politischen Bedenken. Keinesfalls dürfe man die Schuld bei den Ingenieuren suchen, denn sie gehörten zu den Besten der Welt: "Das Qualitätssiegel 'Made in Germany' hat immer noch Bestand." So habe sich Deutschland in Schlüsselbereichen wie optischen Technologien, Mikrosystemtechnik oder Nanotechnik eine Spitzenposition erarbeitet.

Diesen Stärken stehen aus Sicht des VDI ernst zu nehmende Defizite gegenüber. So liege die Bundesrepublik mit Forschungs- und Entwicklungsausgaben in Höhe von 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts im internationalen Vergleich nur auf Platz sieben - hinter Schweden, Finnland, Japan, Korea, den USA und der Schweiz. Als Warnsignal bezeichnete Lehmann die Tatsache, dass Deutschland seit geraumer Zeit erheblich mehr Ingenieurdienstleistungen importiert als exportiert. "Setzt sich dieser Trend fort, müssen wir um den Hightech-Standort Deutschland bangen."

Trotz hoher Arbeitslosigkeit sei der Bedarf an gut qualifizierten Fachkräften nach wie vor hoch und werde weiter zunehmen, so Lehmann. Die Hochschulabsolventen reichten bei weitem nicht aus, die Nachfrage zu decken. Allein in diesem Jahr rechne der Verband mit einem Mangel von mindestens 15.000 Ingenieuren. Schuld daran seien nicht zuletzt negative Signale aus der Wirtschaft, die Abiturienten bei der Wahl ihres Studiums beeinflussten. Im Zeitalter des Shareholder Value hätten viele Unternehmen nur kurzfristige Kostensenkungen im Blick, was viele Abiturienten von technischen Studienfächern abschrecke: "Wir appellieren deswegen für eine nachhaltige Beschäftigungspolitik."

Besonders die politischen Rahmenbedingungen könnten aus Sicht des VDI noch wesentlich verbessert werden. "Eine Innovationsoffensive auszurufen ist gut, konkrete Maßnahmen sind noch besser", forderte Lehmann mit einem Seitenhieb auf die von Bundeskanzler Gerhard Schröder propagierte Initiative. Nicht zuletzt gelte es, das Ausbildungssystem effektiver zu gestalten. Die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen könne dazu beitragen, die viel zu hohe Studienabbrecherquote von rund 50 Prozent zu reduzieren. Nachholbedarf sieht er aber auch in der Vermittlung technischer Bildung: "Technikunterricht findet in deutschen Schulen kaum statt." Im europaweiten Vergleich sei Deutschland weit abgeschlagen. (wh)