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CeBIT-Eröffnung: Die ITK-Branche hat ihre beste Zeit noch vor sich

10.03.2005

HANNOVER (COMPUTERWOCHE) - Mit markigen und zum Teil staatstragenden Worten machte sich die ITK-Branche zum Auftakt der CeBIT selbst Mut. Die Zahlen der meisten Hersteller stimmen wieder - die Bilanz des CeBIT-Veranstalters Deutsche Messe AG nach dem jahrelangen Schwund bei den Ausstellern auch. Bitkom-Präsident Willi Berchtold sagte deshalb in seiner Eröffnungsrede im Hannoveraner Kuppelsaal: "Vor zwei Jahren haben wir die Trendwende angekündigt, im vergangenen Jahr ist sie eingetreten, und heute können wir sagen: Aus der Trendwende ist ein solider Trend geworden." Die ITK-Industrie befinde sich wieder nachhaltig auf Wachstumskurs, auch hierzulande.

Entsprechend optimistisch war die Stimmung am Vorabend des Messebeginns. Seit Jahren ist die CeBIT der wichtigste Treffpunkt für IT-Professionals und IT-Manager, inzwischen fühlen sich aber auch Kids und Spieler wieder in Hannover wohl. Laut Berchtold trägt die CeBIT dem immer Konvergenztrend Rechnung und verändert sich an den entscheidenden Schnittstellen. Was nicht weiter wundert, denn die Branche hat dieses Thema als den entscheidenden Wachstumstreiber identifiziert. Bei der Konvergenz geht es, wie der Bitkom-Präsident den geladenen Festgästen verdeutlichte, längst nicht mehr nur um die Verschmelzung von IT und Telekommunikation mit der Unterhaltungselektronik, sondern um die Einbettung von IT in Haus- und Medizintechnik, KfZ-Elektronik, Maschinenbau bis hin zur Biometrie und Humanmedizin. In Zukunft sei beispielsweise "die Tapete die Großleinwand", und mit einem Fingerschnippen könne man dort auf das TV-Programm umschalten. "Ihr Kühlschrank überträgt den elektronischen Einkaufszettel direkt zum Händler um die Ecke. Die Zeiten von CDs sind vorbei. Ihr elektronischer DJ greift auf digitale Online-Archive zu. Er spielt die Musik, die gerade zu Ihrer Stimmung passt. Im Haus der Zukunft wird die Wachmaschine von RFID-Chips in der Wäsche automatisch auf die richtige Temperatur eingestellt. Die Zeiten eingelaufener Unterhemden und blau gefärbter Socken sind vorüber", skizzierte Berchtold seine Vision.

SAP-Chef Henning Kagermann nahm in seiner Keynote zum CeBIT-Auftakt diesen Ball auf und sprach von der immer wichtigeren Rolle, die "Embedded Software" spiele. Das Problem vieler Beobachter - auch und gerade im B-to-B-Sektor der IT-Branche - sei, so Kagermann, dass dies häufig im unsichtbar bleibe, vor allem bei den "vielen kleinen Dingen, die das Leben erleichtern". Die Verbraucher seien heute "trotz Hartz IV" bereit, Geld auszugeben für Technik, die Emotionen weckt: für cooles Design, für Statussymbole, für Lifestyle. Für die Steuererklärung, das Bewerbungsschreiben oder für E-Mails brauche man nicht "die2 Gigahertz und 100 Gigabyte des neuesten Computers von Aldi". Es seien die "Computerspiele, die Videoanimationen und interaktiven Anwendungen, die Kunden und Produzenten hier vorantreiben".

Gleichzeitig wandele sich die ganze Branche zu dem, was man früher eine "richtige Industrie" genannt habe, so Kagermann. Mit allen Begleiterscheinungen eines solchen Prozesses - nämlich Konsolidierung und Preisdruck. Auch die Kunden seien "nicht mehr das, was sie einmal waren. Sie springen nicht sofort auf eine neue Technologie auf, sondern warten, bis sich ein gewisser Reifegrad eingestellt hat und die Preise gefallen sind". Trotzdem gebe es keinen Grund , in Pessimismus zu verfallen. Die ITK-Branche habe trotz der Tatsache, dass viele große und ehrgeizige Technologieprojekte den Sparmaßnahmen der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind, nicht an Bedeutung verloren, ganz im Gegenteil. Viele technologische Innovationen stünden erst noch vor ihrem flächendeckenden Einsatz, darunter Voice over IP, Grid Computing oder UMTS. "Nennen Sie mir eine Branche, die mehr Innovationspotenzial hat, eine die weniger ressourcenlimitiert ist, eine die mehr Wertschöpfung generiert und eine die tiefer in alle anderen Branchen strahlt als die unser", sagte Kagermann.

Der SAP-Chef forderte die ITK-Industrie auf, aus dem eigenen "Technologie-Kokon" zu schlüpfen und ihrer gewachsenen Verantwortung gerecht zu werden. Wenn die IT auf der einen Seite immer unsichtbarer, auf der anderen Seite aber für Wissenschaft und Wirtschaft immer unverzichtbarer werde, müsse man diesen Zusammenhang für die Gesellschaft sichtbarer machen. Deshalb brauche man auch in Zukunft eine Gesamtschau der Branche wie die CeBIT. Aber man müsse auch auf den Industriefachmessen jeder Art, von der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) bis zur Buchmesse, von der Grünen Woche bis zur National Manufacturer Week sichtbar machen, was "IT heute indirekt leistet".

Bei so viel Enthusiasmus wollte auch Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht zurückstecken, der die CeBIT fast traditionsgemäß offiziell eröffnete. Der Kanzler sprach unter anderem vom Durchhaltewillen vieler IT-Firmen nach dem Platzen der New-Economy -Blase, der nun belohnt werde, und von der "Technologieführerschaft", die Deutschland in der ITK-Technik behalten habe. Darüber hinaus hatte Schröder auch ein - zumindest rhetorisches - Geschenk für die versammelten Branchenvertreter mitgebracht. So sprach er sich explizit gegen die Verlängerung von Abschreibungsfristen für betrieblich genutzte Software aus. Bisher werden von den Finanzämtern Abschreibungszeiträume zwischen drei und fünf Jahren genehmigt. "Den Begehrlichkeiten der Bundesländer, diese Fristen auf bis zu zehn Jahre zu verlängern, werden wir uns als Bundesregierung nicht anschließen, sondern dem entgegentreten." Zum strittigen Thema etwaiger Rundfunkgebühren, mit denen Handy-Nutzer belastet werden sollen, verwies der Kanzler auf die Rundfunkhoheit der Bundesländer - und auf den mit anwesenden niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Ministerpräsidenten in Niedersachsen hätten, so Schröder, "nicht nur viel zu tun, sondern bisweilen auch noch große Aufgaben vor sich". (gh)