Ein Drittel hält Digitalisierung für überflüssig

BMWi-Studie: Digitalisierung stagniert



Steffen studierte in Tralee (Irland) Informatik. Anfang der 90er war er Mitgründer von SimpleWork,  das man 96 verkaufte. Anfang 97 wurde er Interims-IT-Leiter bei Maxdata, Ende 97 war er Mitgründer der Beans AG und 2001 Mitgründer der Lobster GmbH. Dort ist er Leiter Software-Entwicklung.
54 von 100 Punkten - das ist der Digitalisierungsgrad, den das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie auf der Basis von mehr als 1.000 Befragungen hochrangiger Entscheider aus der deutschen Wirtschaft gerade gemessen hat. Die Studie zeigt aber auch, was Unternehmen tun müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Ausgebremst: Die Vernetzung kommt in deutschen Unternehmen nicht voran.
Ausgebremst: Die Vernetzung kommt in deutschen Unternehmen nicht voran.
Foto: nitpicker - shutterstock.com

Der im Juni 2018 vom BMWi veröffentlichte Wirtschaftsindex Digital dokumentiert nicht nur einen mäßigen Punktestand für die - am Bruttoinlandsprodukt gemessen - viertstärkste Wirtschaftsnation der Welt Schlimmer ist die Vergleichszahl zum Vorjahr - die ist nämlich genauso hoch. Heißt: Im Land der Dichter und Denker geht nichts voran.

Und weil das Dichten bei uns so schön ist, hat man beim BMWi allem Anschein nach keine Planer und Entwickler eingestellt, sondern Texter. "Der Digitalisierungsgrad bleibt stabil", heißt es in der Überschrift auf Seite 6. Da haben wir wohl Glück gehabt. Denn das Wort 'bleibt' klingt ja so, als ob wir froh darüber sein sollten, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist.

Während die Digitalisierung bei Dienstleistern sogar rückläufig ist, oder, wie es der Bericht formuliert, überdurchschnittlich bleibt (2017: 56 von 100, 2018: 55 von 100 Punkten), legt die Industrie immerhin von 42 (2017) auf 45 (2018) Punkte zu. Und man prognostiziert für 2023 satte 3 Punkte mehr, nämlich 48. Der Gesamtindex soll bis 2023, so die "verhalten optimistische Prognose", bis 2023 gar auf 56 Punkte steigen. Armes Deutschland.

Woran liegt es, dass die Digitalisierung stockt und in Teilen sogar rückläufig ist? Man muss ein wenig blättern, bis man dazu schließlich ein paar aussagekräftige Zahlen findet. Und die sind ebenfalls erschreckend.

"Die Industrie", so steht es im Bericht, "hat die Trendwende vollzogen: Sagten 2016 noch fast die Hälfte der aller Industrieunternehmen (48 Prozent), dass sie Digitalisierungsprojekte für unnötig halten, sind es aktuell nur noch 29 Prozent." Ein Drittel der deutschen Industrie findet also nach wie vor, Digitalisierung sei überflüssig. Und das BMWi verkauft eine solche Zahl als Erfolg.

Die Benennung der Problemfelder muss man ein wenig suchen - sie finden sich ein wenig versteckt im zweiten Teil der Studie: Fehlender Netzausbau, großer Zeitbedarf, unzureichendes Wissen, deutlicher Investitionsbedarf, zu restriktiver Datenschutz werden genannt, außerdem Fragen der IT-Sicherheit, fehlende verlässliche Standards und fehlende IT-Fachkräfte.

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Der Bericht enthält als reine Analyse natürlich keine Ideen und Konzepte, wie man die Digitalisierung und damit den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands voranbringen könnte. Der Bericht liefert allerdings genügend Ansatzpunkte: Wer schneller sein will, benötigt ein schnelles Netz und gut ausgebildete Arbeitskräfte - diese beiden Bälle liegen sehr deutlich in der Spielhälfte des BMWi und sie heißen Netzausbau und Ausbildungsförderung. Klar ist daneben, dass auch die Unternehmen selbst dringend etwas für ihre Wettbewerbsfähigkeit tun müssen.

Zu wenig Know-how und Angst vor zu großem zeitlichen und finanziellen Investment nennt der Bericht vor allem. Das betrifft in der Praxis besonders den Kernpunkt der Digitalisierung, die flexible Vernetzung unterschiedlichster Systeme, um die erhobenen Daten in vielfältiger Weise und immer wieder neu miteinander in Beziehung zu setzen, um daraus Wertschöpfung zu erzielen.

Das Stichwort lautet dabei Datenintegration. Denn viele Maschinen und Systeme im Unternehmen und zwischen Unternehmen erzeugen ja heute bereits Daten. Wenn das gegenseitige Anbinden dieser heterogenen Systeme und das Übersetzen von Daten von einem System in ein anderes flächendeckend ohne aufwändiges Programmieren als standardisierter und automatisierter Prozess funktioniert, nimmt die Digitalisierung von der Produktion bis zur Supply Chain Geschwindigkeit auf.

Mit den bereits vorhandenen Daten kann ein großer Teil der Unternehmen richtig verknüpft schnell und ohne großen finanziellen Aufwand Mehrwerte erzeugen und Erfahrungen sammeln. Funktioniert die Datenintegration erst einmal problemlos, lassen sich neue Systeme mit den durch das BMWi geförderten neuen IT-Kräften. Über die neuen Datenautobahnen gelangen diese Daten dann mit Hochgeschwindigkeit an ihre Bestimmungsorte. Die Analyse ist da. Jetzt sollten Politik und Unternehmen handeln.