Product-Lifecycle-Management/Modelloffensive im Griff

BMW: "PDM ist kein IT-Projekt"

10.09.2004

"Unsere Mitarbeiter sollen nicht unnötig lange hinter Informationen herjagen, sondern mehr Zeit haben, sich ihren Entwicklungsaufgaben zu widmen." So bringt Andreas Weber, Leiter PEP PDM bei BMW, die Ziele des Programms auf den Punkt. Konkret bedeutet dies, dass das gesamte Wissen über ein Fahrzeug an einer zentralen Stelle zusammengeführt wird. Dies war bis dato nicht immer der Fall: Die Informationen waren in verschiedenen Systemen, etwa CAD-Anwendungen, Datenbanken und MS-Office-Produkten, an unterschiedlichen Plätzen im Unternehmen verteilt vorhanden.

Durch das Produktdaten-Management (PDM) entsteht, vereinfacht gesagt, ein großer integrierter Datenspeicher, der alle Informationen beinhaltet, die rund um den Entwicklungsprozess eines Fahrzeugs entstehen. Das PDM wird aus verschiedenen Geschäftseinheiten und Unternehmensprozessen mit Daten befüllt und stellt diese dann nachgelagerten Prozessen anforderungsgerecht zur Verfügung. Dazu sind die maßgeblichen Systeme, in denen Daten während der Fahrzeugentwicklung entstehen, mit dem PDM künftig verbunden beziehungsweise integriert. Das Ergebnis ist eine übergreifende, konsistente Datenbasis, die es erlaubt, die zunehmend höheren Anforderungen von Produkten und deren Entstehungsprozessen zu verwalten.

PDM beginnt bei der BMW Group bereits in der ganz frühen Phase des Entwicklungsprozesses und geht über den Start of Production (SOP) hinaus. Anforderungen, die in der frühen Phase der Entwicklung vergessen würden, trieben die Entwicklungskosten später in die Höhe.

Herzstück mit SAP PLM

Im Endausbau, der für Ende 2005 avisiert ist, arbeitet eine große Anzahl von Entwicklern, Ingenieuren und Technikern an dem System, dessen Herzstück die SAP-Software "SAP Product Lifecycle Management" (PLM) ist. Begleitet wurde das Programm von den beiden Beratungsunternehmen Nexolab und Softlab.

Die Herausforderung besteht darin, ein stimmiges Gesamtfahrzeug im Hinblick auf Eigenschaften, Kosten und Gewichte zu erstellen. Dabei fallen Daten an, und Prozesse werden durchlaufen, die verbindlich und konsistent zu steuern sind. "Die Kunst ist es darüber hinaus, die Varianz am Weltmarkt zu bauen", erklärt Weber. Denn ein BMW wird für den weltweiten Verkauf konzipiert, und dazu müssen eine Vielzahl von nationalen Vorschriften und Gesetzen, aber auch landestypische Käufergewohnheiten in die Entwicklung mit einfließen.

Um diese Anforderungen zu erfüllen, wurde bei PEP PDM sehr viel Wert auf die Produktstruktur gelegt. Diese Struktur ist die Grundlage für die Erstellung von Fahrzeugen. Mit der Parallelisierung in der Entwicklung können sich Autos in jeweils unterschiedlichen Entwicklungsstadien befinden. Trotz dieser zeitlich versetzten Zyklen und der unterschiedlichen Teams, die daran arbeiten, müssen übergreifende Maßnahmen koordiniert werden. Auch dies ist nur mit einem durchgängigen PDM möglich.

Neben der Komplexität, die durch die Modelloffensive entsteht, ist die bereits erwähnte IT-Landschaft ein Grund für die Durchführung des Programms: Sie ist über Jahre gewachsen, und die Daten waren in unterschiedlichen Systemen verteilt, so dass sich eine durchgängige Bewertung von Entwicklungen nicht immer bewerkstelligen ließ. Der Aufwand, die verteilten Daten wieder zusammenzuführen, war sehr hoch.

Hinzu kommt, dass die Datenmenge ständig zunimmt: Simulationsprogramme, zahlreiche Excel-Auswertungen, Computer-Aided-Engineering(CAE)- und Testsysteme sowie Word-Dokumente fordern ihren Tribut und produzieren täglich Unmengen von Daten. Diese sollen künftig stimmig und aktuell abgelegt werden.

Auswirkungen auf Mitarbeiter

Für BMW ist PEP PDM jedoch kein IT-Projekt, und den Verantwortlichen war sehr früh klar, dass viele Mitarbeiter im Forschungs- und Innovationszentrum von den Auswirkungen betroffen sind. Für manche Personen ändern sich Arbeitsprofile und ihre Rollen. Verantwortungsbereiche verschieben sich. Die Projektleitung legt daher sehr viel Wert darauf, die Mitarbeiter auf den bevorstehenden Wandel vorzubereiten. "Wir begleiten die Prozessveränderungen sehr aktiv und bieten neben den üblichen Trainings zusätzliche Change-Management-Maßnahmen an", erklärt Weber. Ziel dieser Aktivitäten ist es insbesondere, die Perspektiven und Visionen von PDM zu vermitteln. (ue)

*Bernd Seidel ist Fachjournalist in München.

Abb: Zunehmende Komplexität

Modelloffensive und neue Technik lassen die Komplexität in der Fahrzeugentwicklung rapide ansteigen. Quelle: nach Vorlagen von BMW