Interview mit Jürgen Schaar, Gründer von Blockchainfirst

Blockchain-Entwicklung in der Praxis

22.02.2017
Von   IDG ExpertenNetzwerk
Moritz Strube ist Gründer und CTO von botconnect, einem Berliner Startup, das mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Mitarbeiter in Echtzeit unterstützt, erfolgreiche Verkaufsgespräche zu führen.
Jürgen Schaar hat in Singapur das Startup Blockchainfirst gegründet, das Blockchain- und IoT-Technologien verbindet. Dazu hat er mir in einem Interview viele Fragen beantwortet.

Blockchainfirst entwickelt vielversprechende IoT-Produkte, deren Nutzung mit Smart Contracts geregelt und mit Kryptowährungen wie Bitcoin bezahlt werden können. Jürgen Schaar hat sich für die Gründung in Singapur entschieden - wo man Unternehmen mittels Blockchaintechnologien gründen kann - weil Asien aus seiner Sicht eine Schlüsselrolle in der Hardware- und auch Softwareentwicklung spielt. Seine Erfahrungen teilt er gern und spricht Empfehlungen für Unternehmen und Startups in Deutschland aus.

Waschmaschinen mit Münzeinwurf könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Entsprechende Zahlmodelle können auch mittels Blockchain-Technologie umgesetzt werden.
Waschmaschinen mit Münzeinwurf könnten schon bald der Vergangenheit angehören. Entsprechende Zahlmodelle können auch mittels Blockchain-Technologie umgesetzt werden.
Foto: Jit-anong Sae-ung - shutterstock.com

Strube: Herr Schaar, erzählen Sie uns bitte etwas zu Ihrem Hintergrund? Was haben Sie bisher gemacht?

Schaar: Ich bin Informatiker und Elektroniker. Meine Berufslaufbahn habe ich vor 30 Jahren bei der Firma Texas Instruments angefangen. Als ich nach vier Jahren bei TI zum Manager befördert wurde, habe ich gemerkt, dass der Job sehr bürokratisch ist und ich gern meine eigenen Ideen verwirklichen möchte. Im Jahr 1990 habe ich dann meinen gut bezahlten Job gekündigt und meine erste Firma gegründet.

Mein Idee war damals so genannte Kofferlösungen zu entwickeln. Das heißt, ich habe Laptops zusammen mit einem mobilen Drucker in einen eigens entwickelten Koffer integriert. Es war zunächst ein reines Hardware Geschäft. Im Jahr 2000 habe ich die Firma intrix AG gegründet. Das Ziel der intrix AG war Software für mobile Computer, so genannte MDE’s (mobile Datenerfassungsgeräte) zu entwickeln.

2009 habe ich aus gesundheitlichen Gründen meine Aktien an der AG verkauft und mir eine Auszeit genommen. Nach einem Jahr hat es dann wieder gekribbelt und ich habe gemerkt, dass ich wieder etwas unternehmen möchte. 2010 habe ich die Firma mobilefirst UG gegründet, die bis heute mobile Lösungen für Enterprise Kunden entwickelt.

Strube: Eigentlich wollten Sie bereits aufhören, dann haben Sie es sich aber anders überlegt. Was machen Sie jetzt?

Schaar: Da ich in den letzten 25 Jahren ziemlich viel gearbeitet habe und mobilefirst auf soliden Beinen steht, hatte ich ursprünglich geplant, etwas kürzer zu treten und meine Hobbies zu pflegen. Genau vor einem Jahr las ich dann per Zufall etwas über Blockchain und Ethereum. Ich muss zugeben, dass es etwas gedauert hat bis die verschiedenen Technologien im Kontext mit Blockchain und die verschieden Plattformen wie Ethereum verstanden hatte. Dann aber hat es plötzlich Klick gemacht und mir wurde deutlich, welches Potenzial in dieser Technologie steckt.

In den letzten 40 Jahren habe ich einige neue Technologien kommen sehen. Das Internet und Mobile haben in den letzten 20 Jahren vieles verändert und möglich gemacht. Blockchain Technologien aber haben ganz sicher das Potenzial, Dinge zu verändern wie wir es bisher noch nicht erlebt haben. Und das meine ich wirklich im positiven Sinne. Ich muss zugeben, dass ich plötzlich infiziert war und mir wurde klar, dass ich mich nicht zur Ruhe setzen kann, während sich durch Blockchain(s) die Welt verändert.

Da ich mich auch schon seit einiger Zeit mit IoT beschäftige, wurde mir schnell deutlich, welche gigantischen Möglichkeiten sich ergeben, und was für Produkte man entwickeln kann, wenn man IoT und Blockchain zusammenbringt.
Es war schon immer meine Leidenschaft aus Hard- und Software ein neues Produkt zu schaffen und so war mir klar, dass ich versuchen werde, aus IoT- und Blockchaintechnologie neue Lösungen zu entwickeln.

Nun musste nur noch eine neue Firma her und nachdem ich meine dritte Firma mobilefirst genannt habe, war es natürlich naheliegend, die neue Firma Blockchainfirst zu nennen. Ich habe sofort angefangen, kleine so genannte SOC-Module (System on Chip) zu testen und Software zu schreiben. Nachdem ich einen passenden Chip gefunden hatte und die Ethereum Blockchain Software (Light Client) auf dem System lief, waren wir in der Lage, diesem Chip Geld in Form einer Kryptowährung (Ether) zu senden. Bei Empfang eines definierten Betrags hat der Chip dann eine Aktion ausgelöst. Dies war der Anfang einer Reihe von Lösungen, die auf Basis dieser Kombination aus Hard- und Blockchain Software arbeiten.

Asien und die Blockchain

Strube: Sie haben sich für eine Firmengründung in Singapur entschieden. Warum?

Schaar: Seit einigen Jahren versuche ich so oft wie möglich, in Asien zu sein und auch dort zu arbeiten. Singapur ist das Tor zu Asien und eine der modernsten Städte der Welt. In Singapur wird überwiegend englisch gesprochen und es ist sehr international. Singapur bietet Unternehmen und Startups die besten Rahmenbedingungen die man sich vorstellen kann. Die jungen Menschen, die in Singapur leben, sind ebenso hoch motiviert wie qualifiziert. Das Wissen um Blockchain Technologien ist bisher in Asien - vor allem China - wesentlich höher als zum Beispiel in Europa.

Jürgen Schaar: "Während in Deutschland viele Menschen glauben, dass das Wissen, welches man während der Ausbildung gelernt hat, auch für die Zukunft ausreicht, sind viele Asiaten immer wissbegierig und neugierig."
Jürgen Schaar: "Während in Deutschland viele Menschen glauben, dass das Wissen, welches man während der Ausbildung gelernt hat, auch für die Zukunft ausreicht, sind viele Asiaten immer wissbegierig und neugierig."
Foto: Blockchainfirst

Wenn man langfristig als Unternehmen im Bereich hoch innovativer Technologien am Markt bestehen möchte, ist es zwingend notwendig, einen Fuß in Asien zu haben. Und da sehe ich Singapur als Tor zu Asien als bestmöglichen Platz. Hinzu kommt, dass es ein Startup in Singapur gibt, deren Geschäftsmodell es ist, Unternehmensgründungen in der Blockchain über sogenannte Smart Contracts durchzuführen. Innerhalb von 24 Stunden ist die Firma geschäftsfähig und alles wird über die Blockchain abgewickelt. Möchte man Anteile seines Unternehmen verkaufen, kann man das ohne bürokratischen und teuren Aufwand quasi per Tastendruck von überall aus durchführen. Das ist eines der Beispiele, wie Blockchain Technologien zukünftig viele Geschäftsbereiche völlig verändern werden.

Strube: Welche Besonderheiten sehen Sie im Softwareentwicklungsprozess für Blockchain-Anwendungen im Unterschied zu Deutschland?

Schaar: Entwickelt wird Software und auch Hardware in Asien im Allgemeinen genauso, wie bei uns. Der Unterschied liegt aus meiner Sicht in erster Linie an der Motivation der Menschen, neue Produkte zu entwickeln. Ich möchte ehrlich und offen sein. Während in Deutschland viele Menschen glauben, dass das Wissen, welches man während der Ausbildung gelernt hat, auch für die Zukunft ausreicht, sind viele Asiaten immer wissbegierig und neugierig.

Ich habe das Gefühl, dass einige Startups in Deutschland gegründet werden, weil die Gründer schnell reich werden möchten. Ich vermisse bei vielen Startups die Leidenschaft für ein Produkt oder eine Dienstleistung. Ohne eine Passion für ein Produkt wird es auch mit Blockchain nur zum Mittelmaß oder Flop reichen. Viele Asiaten wollen erst mal ein gutes Produkt entwickeln, das Nutzen stiftet. Der monetäre Erfolg steht an zweiter Stelle. Kopieren ist eine Ehre für den, der kopiert wird. So entwickeln sich neue Produkte viel schneller, weil der Urheber immer schneller sein will und es auch meistens ist.

Strube: Welche Unterschiede bestehen Ihrer Meinung im asiatischen Hardware-Entwicklungsprozess für IoT-Geräte gegenüber dem deutschen Ansatz?

Schaar: Die Rahmenbedingungen für Startups im Bereich Hard- und Produktentwicklung sind in Asien einzigartig. Ein großartiges Beispiel ist der Inkubator HAX in Shenzhen. Es lohnt sich, sich dazu mal ein Video anzuschauen. Hier werden neue Ideen und Produkte in einer Geschwindigkeit entwickelt, wie wir es uns in Deutschland nicht vorstellen können. Das liegt daran, dass dort geballt junge hochmotivierte Leute mit ganz unterschiedlichen Disziplinen in einem Gebäude arbeiten und sich gegenseitig unterstützen.

Wenn wir heute einen Prototypen bauen, benötigen wir unter Anderem einen 3D Printer, CNC Maschinen, Platinenhersteller, jede Menge Messgeräte, elektronische Bauteile und Komponenten. Bei Hax findet man alles zusammen in einem Gebäude. Nur durch solche Inkubatoren können junge Unternehmen dort schnell und preiswert neue Ideen in reale Produkte umsetzen. Wenn man dort ist, wird man automatisch kreativ und hat die Sicherheit, dass man seine Idee so schnell wie möglich umsetzen kann. So etwas vermisse ich in Deutschland.

Strube: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich in Asien gemacht?

Schaar: Die Erfahrungen sind in den einzelnen Ländern sehr unterschiedlich und dennoch gibt es einen gemeinsamen Nenner. Die Menschen in Asien sind nach meiner Erfahrung glücklicher und zufriedener, egal wie arm oder reich sie sind. Das ist eine entscheidende Grundlage für ein Leben miteinander und eine gute Zusammenarbeit. Die Menschen in Asien verstehen es Dienstleistung anzubieten. „Dienen ist eine Ehre“ und keine Schmach. In Asien bekomme ich eine Dienstleistung sofort und nicht erst nach einer Terminvereinbarung.

Ich lebe teilweise in Chiang Mai im Norden von Thailand. Chiang Mai ist eine moderne Universitätsstadt und seit Jahren auf Platz 1 für Digital Nomads. Es gibt hunderte von modernen Coworking Spaces. Die Miete für einen Schreibtisch kostet ca. 5 Euro pro Tag inklusive WLAN und Kaffee. Braucht man eine Pause zum abschalten, fährt man in 30 Minuten in den Dschungel und sitzt an einem Wasserfall zum Mittagessen oder streichelt Elefanten. Das schafft Kreativität und setzt unglaubliche Kräfte frei. Hat man in Singapur einen Termin, fliegt man für 100 Euro dort hin. Die Ausländer oder Expats, die ich in Asien treffe, sind durchweg motivierter und zufriedener, mich eingenommen, und das hat seinen Grund.

Strube: Was raten Sie deutschen Startups und Unternehmen, die die Entwicklung von IoT-Hardware planen?

Schaar: Zunächst würde ich jedem raten nach Asien zu fliegen und sich das, was ich hier beschreibe, vor Ort anzusehen. Shenzhen ist im Bereich Hardwareentwicklung ein absolutes Muss. Es gibt meiner Meinung nach keinen anderen Ort, an dem man Hardware-Prototyping besser und schneller machen kann als dort. Wer die Orte Singapur, Chiang Mai und Shenzhen einmal besucht hat, wird wissen wovon ich rede. Das Ganze ist auch nicht teuer und öffnet ganz neue Horizonte. Eine Investition die sich in jedem Fall langfristig auszahlen wird oder sogar für den weiteren Erfolg entscheidend sein kann.

Blockchain enabled Ladestation
Blockchain enabled Ladestation
Foto: Blockchainfirst