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Bitkom: Stimmung steigt trotz Fachkräftemangel

05.07.2007
Die Stimmung in der deutschen ITK-Branche steigt auf ein neues Rekordhoch. Allerdings könnte der anhaltende Fachkräftemangel die Partylaune verderben.

"Der Fachkräftemangel entwickelt sich zu einer Wachstumsbremse ersten Ranges", warnt der neue Bitkom-Präsident August-Wilhelm Scheer. Der erst seit wenigen Tagen amtierende Verbandsvorsitzende bezeichnete dieses Thema als Problem von besonderer Bedeutung. Rund 59 Prozent der Bitkom-Mitglieder klagten, dass der Mangel an geeignetem Personal die eigene Geschäftsentwicklung behindere. Vor einem halben Jahr sah nur knapp die Hälfte der Befragten darin ein Problem. Dagegen scheinen sich die anderen Wachstumsbremsen zu lockern. Nur noch ein Drittel monierte die politischen Rahmenbedingungen (Ende 2006: rund 48 Prozent). In der lahmenden Binnennachfrage sehen nur noch 4,4 Prozent der Bitkom-Mitglieder ein Problem (Ende 2006: rund 20 Prozent).

Scheer zufolge steigt der Bedarf an Arbeitskräften in der deutschen ITK-Branche. Fast 58 Prozent der befragten Unternehmen gab an, im Laufe des Jahres zusätzliches Personal einstellen zu wollen, 38 Prozent planten mit einem konstanten Mitarbeiterstamm und 10 Prozent wollen Arbeitsplätze streichen. "Der IT-Arbeitsmarkt entwickelt sich sehr dynamisch", lautet das Fazit des Bitkom-Vorstands. Derzeit gebe es 20.000 offene Stellen zu besetzen.

Dem Verband zufolge beläuft sich die Zahl der Erwerbstätigen in der deutschen ITK-Branche auf etwa 800.000. Obwohl die Unternehmen neue Mitarbeiter suchen, sei es unsicher, ob diese Zahl bis zum Jahresende ansteige, schränkt Scheer ein. Als Grund führt er die problematische Situation im Telekommunikationssektor an. Einige Unternehmen müssten hier restrukturieren, da sich der Wettbewerb im Festnetz wie auch im Mobilfunk deutlich verschärft habe. Das schlage sich auch bei den Ausrüsterunternehmen nieder. Der Bitkom bezeichnet die gegenwärtige Lage deshalb als "zwiespältig". Leider passten die in der Telekommunikation frei werdenden Qualifikationen in aller Regel nicht zum Bedarf in der Informationstechnik.

Um dem Fachkräftemangel zu beseitigen, fordert Scheer eine Reform des Bildungssystem. Es müsse mehr Begeisterung für naturwissenschaftliche Fächer geweckt werden. Außerdem prangert der Verbandsvorstand die mangelhafte IT-Ausstattung der deutschen Schulen sowie die fehlende Weiterbildung der Lehrer an. "In keinem anderen Industrieland wird der Computer so selten im Unterricht eingesetzt wie in Deutschland."

In der Folge erhofft sich Scheer steigende Studentenzahlen, vor allem in der Informatik. Seit dem Jahr 2000 sei die Zahl der Informatikstudenten um ein Viertel auf 28.000 gesunken. Zudem würde rund die Hälfte ihr Studium abbrechen. Mit den neuen Bachelor- und Master-Studiengängen soll die Abbrecherquote reduziert werden. Außerdem müssten die Studiengänge von theoretischem Ballast befreit und mehr Praxisbezug in der Lehre eingeführt werden. Scheer fordert eine Entrümpelung und kulturelle Veränderung in der Lehre.

Zuletzt müsse die gezielte Zuwanderung ausländischer Fachkräfte gefördert werden, verlangt der Bitkom-Chef. Hürden wie ein Jahresverdienst von 85.000 Euro für einzelne Spezialisten sowie Investitionen von 500.000 Euro und die Schaffung von mindestens fünf Arbeitsplätzen für Firmen behinderten dies eher. Der Bitkom fordert deshalb eine Halbierung der Gehaltshürde und ein Punktesystem für die Auswahl. Wer gute Voraussetzungen in Sachen Qualifikation, Alter und Sprachkenntnisse mitbringe, sollte dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen.

Der Stimmungsindex ist im zweiten Quartal 2007 auf den höchsten Wert seit Beginn der Umfragen vor rund sechs Jahren gestiegen.
Der Stimmungsindex ist im zweiten Quartal 2007 auf den höchsten Wert seit Beginn der Umfragen vor rund sechs Jahren gestiegen.
Foto: Bitkom

Aber auch die Firmen sieht Scheer in der Pflicht. Diese dürften nicht immer nur jammern, sondern müssten auch etwas tun. Die Unternehmen könnten nicht erwarten, dass ihnen eine reichhaltige Auswahl an Mitarbeitern auf dem Silbertablett präsentiert werde. Die Branche müsse das Angebot an Ausbildungsplätzen erhöhen, Kooperationen mit Hochschulen suchen sowie die eigenen Weiterbildungssysteme verbessern.

Der guten Stimmung in der Branche konnten die Probleme indes keinen Abbruch tun. 71 Prozent der befragten Firmen erwarteten im zweiten Quartal 2007 ein Umsatzwachstum, immerhin 56 Prozent rechneten mit steigenden Gewinnen. Der Bitkom-Stimmungsindex stieg daher auf den Rekordwert von 63,5 Punkten. Auch für den weiteren Jahresverlauf seien die Aussichten rosig. Über drei Viertel der IT-Anbieter gehen von steigenden Einnahmen aus. Lediglich fünf Prozent befürchten Umsatzeinbußen. Auf dieser Basis bestätigte der Bitkom seine Jahresprognose für 2007. Demnach soll die deutsche ITK-Branche im laufenden Jahr um zwei Prozent auf ein Gesamtvolumen von 149,1 Milliarden Euro zulegen können. (ba)