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Beuten Computerhersteller Menschen in Niedriglohnländern aus?

28.01.2004

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Ein Bericht der gemeinnützigen britischen Organisation Catholic Agency for Overseas Development (Cafod) sorgt für Aufregung: In dem Report "Clean up your Computer" klagt Cafod große Computerhersteller wie Hewlett-Packard (HP), Dell und IBM an, sie würden in Ländern wie Mexiko, China und Thailand Arbeiter in Zulieferstätten unter widrigsten Bedingungen für sich arbeiten lassen. Cafod hat bei Recherchen und in Interviews mit Arbeitern in Mexiko, Thailand und China erhebliche Missstände in den Zulieferproduktionsstätten ausgemacht: Hierzu gehörten extrem geringe Lohnzahlungen noch unter den staatlich vorgeschriebenen Mindestlöhnen, erzwungene Überstunden, sicherheitsgefährdende Produktionsstätten und ein entwürdigendes Verhalten gegenüber den Arbeitskräften.

Die Autoren schreiben, die Computerprodukte der großen Konzerne entsprächen zwar dem neuesten Stand der Technik, aber die Arbeitsbedingungen und -standards in deren Produktionsstätten seien erschreckend niedrig. Die meisten Produktionsabläufe würden von schlecht ausgebildeten, gering bezahlten Arbeitern - in der Regel Frauen - in Entwicklungsländern ausgeführt. Während aber etwa die Bekleidungs- und Schuhindustrie in solchen Regionen mittlerweile bezüglich ihrer Arbeitsbedingungen unter genauer Beobachtung stünden, hätten sich Computerunternehmen dieser Kontrolle bislang mit Erfolg entziehen können.

Cafod fand heraus, dass die Fabrikarbeiter in Drittländern in aller Regel nicht von den großen Computeranbietern direkt angeheuert werden. In Guadalajara, einer Millionenstadt im Westen des Hochlands von Mexiko etwa, berichteten Arbeiter der Cafod von diskriminierenden und erniedrigenden Anheuerungspraktiken von Stellenvermittlungsagenturen, die Arbeitskräfte an Auftragsproduzenten weitergeben. So würden die Agenturen bei den Einstellungsgesprächen ständig versuchen, schwangere Frauen herauszufiltern. Auch versuchten sie, solche Arbeitskräfte auszuloten und im Vorfeld auszusondern, die die Absicht haben, gewerkschaftlich organisierte Strukturen zu etablieren, um so für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Manchmal, so weitere Erkenntnisse der Cafod, versuchten die Agenturen auch, in der persönlichen Nachbarschaft eines Arbeitskandidaten herumzuschnüffeln. Sind die Arbeitsuchenden dann eingestellt, lebten sie in der ständigen Angst, ihren Arbeitsplatz wieder zu verlieren. Viele Arbeitskräfte erhalten nur Kurzzeitarbeitsverträge von maximal drei Monaten Dauer. Viele dieser Angestellten arbeiten Jahre lang nur mit solchen Kurzverträgen - eine Praxis, die in Mexiko offiziell verboten ist. Schwangere Frauen verlieren meistens ihren Job - ohne dass sie vom Arbeitgeber irgendeine Kompensationszahlung erhielten.Arbeiter, die um bessere Bezahlung bitten, werden gefeuert. Oder man droht ihnen damit, dass ihr Arbeitsplatz nach China verlegt wird, wo die Bezahlung noch geringer sei.

Generell ist es zwar sehr schwer, mit chinesischen Arbeitern in Kontakt zu treten und vertrauliche Gespräche zu führen. Cafod aber ist dies über eine Partnerorganisation gelungen. So rekrutieren etwa in Dongguan in der Provinz Guangdong Agenturen Arbeitskräfte, die aus dem riesigen Reservoir von Menschen aus ländlichen Gebieten stammen. Oft, so der Cafod-Bericht, hätten diese Arbeitskräfte sich bei den Stellenvermittlungsagenturen schon verschuldet, bevor sie überhaupt zu arbeiten anfingen. Ihr Lohn liegt oft unter dem gesetzlich vorgeschriebenen Minimum. Einige der Arbeiter verdienen nur 37 US-Dollar pro Monat. Den Mindestlohn von 54 Dollar erzielen sie nur, wenn sie massiv Überstunden leisten. In Spitzenzeiten, so eine weitere Erkenntnis des Cafod-Berichts, arbeiten solche Werktätigen 15 oder 16 Stunden am Tag - und das sieben Tage die Woche.

Zudem sind diese Arbeitskräfte bei verschiedenen Produktionsabläufen gesundheitsschädigenden äußeren Bedingungen unterworfen. So seien sie unter anderem gefährlichen Chemikalien und Metallstaub ausgesetzt. Von Fließbandarbeitern wird erwartet, dass sie jeden Tag elf Stunden ununterbrochen arbeiten. Beschäftigte, die Monitore testen, müssten ebenso lang vor aufleuchtenden Bildschirmen sitzen. Trotzdem existieren in solchen Firmen keinerlei Gesundheits- oder Sicherheitseinrichtungen, schreibt Cafold.

Die großen Computeranbieter, schreiben die Briten, sähen sich dabei heutzutage mit einem schwierigen Geschäftsumfeld konfrontiert. Um die Kosten zu minimieren, würden sie die Produktion an Vertragsproduzenten in Billiglohnländern auslagern (Outsourcing). Hierbei würden sie diesen Auftragspartnern möglichst niedrige Preise abverlangen. Die Vertragsproduzenten wiederum vergeben Aufträge an Komponentenfertiger und pressen auch diesen erhebliche Preiszugeständnisse ab. Am Ende der Nahrungskette stehen dann die Arbeitnehmer, auf die der Preisdruck letztlich abgeladen wird. Die großen Markenanbieter würden zudem auch sehr rigide Zeitvorgaben machen, die ebenfalls zum erheblichen Druck auf die Partner in der Lieferkette beitragen.

In diesen Abhängigkeitsverhältnissen trägt übrigens nicht ein Firmenmanager, sondern der einzelne Arbeiter die Verantwortung für Fehler während des Produktionsablaufes. Die Strafen bei Missgeschicken sind teilweise harsch oder entwürdigend, schreibt Cafod: In einer chinesischen Fabrik etwa müssen Arbeiter, die einen Fehler gemacht haben, einen roten Kittel anziehen. In anderen Fabriken werden Strafzahlungen fällig.

Große Computerhersteller würden diesen Missständen in unterschiedlicher Weise begegnen, schreiben die Cafod-Autoren. Prinzipiell hätten sie eine Verantwortung für alle Arbeitskräfte des gesamten Produktionsprozesses durchaus erkannt. Erste Schritte, die Arbeitsstandards ihrer Partner zu kontrollieren, gebe es ebenfalls. Aber die örtlichen Organe sowohl in den Firmen als auch bei den Behörden würden sich den wirtschaftlichen Zwängen und dem Kostendruck zu häufig beugen. Dies führt dazu, dass sich die Arbeitskonditionen verschlechtern und so eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt wird.

Ein Grund für die teils menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ist auch im Verhalten der politischen Verantwortlichen in den Wirtschaftregionen der Billiglohnländer zu suchen. Im Bestreben, Investitionen ins Land oder in eine bestimmte Region zu locken, würden sie nicht nur die Bildung von Gewerkschaften unterbinden, sondern zum Teil überhaupt keine Arbeitsgesetzgebung etablieren. In China etwa sind freie Gewerkschaften verboten. Allerdings, so Cafod, hätten auch die großen Computerhersteller oft etwas gegen Arbeitnehmerinteressenvertreter. (jm)