Berufsbildungsbericht 1986 - nicht nur blinder Aktionismus

28.02.1986

Dr. Dorothee Wilms, Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft.

Beschluß der Bundesregierung zum Berufsbildungsbericht 1986 vom 19. Februar 1986.

Die Bundesministerin für Bildung und Wissenschaft hat den Berufsbildungsbericht 1986 vorgelegt. Die Bundesregierung hat aus diesem Anlaß die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt beraten und dabei festgestellt:

- Im Berufsbildungsbericht 1986 wird die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen in diesem Jahr auf rund 740 000 Bewerber geschätzt. Dies bedeutet, daß die Nachfrage einerseits gegenüber 1985 geringfügig zurückgehen dürfte, andererseits aber immer noch auf einem sehr hohen Niveau bleiben wird. 1986 sind daher erneut große Ausbildungsanstrengungen erforderlich. Dabei geht es insbesondere darum, eine Auseinanderentwicklung des Ausbildungsstellenmarktes in struktureller und regionaler Hinsicht zu vermeiden.

Die Bundesregierung appelliert an die Betriebe, Praxen und Verwaltungen, in ihrem Ausbildungsengagement nicht nachzulassen und sich stärker als bisher auf die stark wachsende Zahl der Bewerberinnen und Bewerber mit mittlerem Schulabschluß oder Abitur einzustellen. Gleichzeitig fordert sie diese Jugendlichen auf, hinsichtlich ihrer Ausbildungswünsche beweglicher zu sein. Die zu einseitige Ausrichtung dieser Bewerbungsgruppen auf kaufmännisch-verwaltende Berufe sowie auf den Dienstleistungsbereich ist nicht nur unter berufsbildungspolitischen, sondern auch unter arbeitsmarktpolitischen Gesichtspunkten problematisch.

Insbesondere in Regionen mit bisher unzureichendem Ausbildungsplatzangebot müssen zusätzliche Ausbildungskapazitäten erschlossen werden; dazu gehört vor allem, daß bisher nicht ausbildende Betriebe für die Ausbildung gewonnen werden. Die Bundesregierung wird die Bemühungen der für die Berufsausbildung Verantwortlichen vor Ort aktiv unterstützen. Die Jugendlichen sollten zur Lösung der regionalen Probleme dadurch beitragen, daß sie verstärkt Ausbildungsangebote außerhalb ihrer engeren Heimatregion annehmen. Diese Bereitschaft kann vor allem von der zunehmenden Zahl volljähriger Ausbildungsplatzwettbewerber, die heute schon über die Hälfte aller Bewerber stellen, erwartet werden. Die Bundesregierung wird die Mobilität der Jugendlichen weiterhin fördern.

- Die Bundesregierung erkennt die großen Anstrengungen der ausbildenden Betriebe, Praxen und Verwaltungen an und verbindet damit ihren Dank dafür, daß es im vergangenen Jahr wiederum gelungen ist, die hohe Nachfrage der Jugendlichen nach Ausbildungsplätzen weitgehend zu befriedigen. Von den insgesamt 755 994 Ausbildungsplatzbewerbern des Jahres 1985 haben bis zum 30. September 697 089 einen Ausbildungsplatz erhalten, das sind 92 Prozent aller Ausbildungsplatzsuchenden.

Am 30. September 1985 waren bei den Arbeitsämtern 22 021 noch unbesetzte Ausbildungsplätze gemeldet; die Zahl der zu diesem Zeitpunkt noch nicht vermittelten Bewerber betrug 58 905. Die Zahl dieser Jugendlichen ist bis zum 31. Dezember 1985 um rund 20 000, auf 38 991 zurückgegangen. Damit haben sich die bereits in den Vorjahren bewährten Maßnahmen der Wirtschaft sowie von Bund und Ländern für die Ende September noch nicht vermittelten Jugendlichen als sehr wirksam erwiesen.

- Das duale System der Berufsausbildung in Betrieben und Berufsschulen hat im Ausbildungsjahr 1985 erneut seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Die Bundesregierung wird dieses praxis- und arbeitsmarktorientierte Berufsausbildungssystem weiter stärken, fördern und seine Rahmenbedingungen kontinuierlich verbessern.

Die Bundesregierung vertritt die Auffassung, daß Qualität und Qualitätssteigerung der Berufsausbildung gerade im Hinblick auf die verstärkte Durchsetzung neuer Techniken in Betrieben und Verwaltungen am besten in der dualen Berufsausbildung gewährleistet werden können. Gerade dieser Aspekt kann in anderen Ausbildungssystemen nicht so wirkungsvoll und umfassend berücksichtigt werden: Schulische Berufsausbildung darf deshalb die duale Berufsausbildung nicht verdrängen oder ersetzen, kann sie aber sinnvoll ergänzen.

- Das berufliche Bildungssystem muß in den kommenden Jahren in qualitativer Hinsicht weiterentwickelt werden. Diese Notwendigkeit ergibt sich vor allem aus den Veränderungen in der schulischen Vorbildung und in der Altersstruktur der Ausbildungsplatzbewerber, aus der fortschreitenden technischen Entwicklung wie aus den sich ändernden Bedingungen des Arbeitsmarktes.

Die Bundesregierung wird die Ausbildungsinhalte in Zusammenarbeit mit den Sozialpartnern fortlaufend modernisieren. Darüber hinaus mißt die Bundesregierung dem weiteren Ausbau der beruflichen Weiterbildung, der fachlichen und pädagogischen Qualifizierung des Ausbildungspersonals sowie der Herstellung der Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung besondere Bedeutung zu.

- Im dualen System der Berufsausbildung ist die Bereitstellung eines quantitativ ausreichenden und qualitativ hochstehenden Ausbildungsplatzangebotes hauptsächlich

Aufgabe der Wirtschaft. Aufgabe des Staates ist es, die hierfür notwendigen Rahmenbedingungen zu sichern und gegebenenfalls zu verbessern. Daneben konzentrieren sich die subsidiären Maßnahmen des Staates auf die Jugendlichen, die besondere Hilfe brauchen, damit sie eine Berufsausbildung erfolgreich durchlaufen können. Die gezielten Maßnahmen des Bundes für diese Jugendlichen insbesondere das Benachteiligtenprogramm sowie die besonderen Hilfen zur Eingliederung behinderter Jugendlicher werden daher fortgesetzt.

- Die Bundesregierung sieht es als notwendig an, daß auch die öffentlichen Verwaltungen zu den Bemühungen der Wirtschaft um die weitere Verbesserung der Ausbildungsstellensituation einen entsprechenden eigenen Beitrag leisten. Der Bund hat die Zahl seiner Ausbildungsplätze in den letzten drei Jahren um insgesamt 13,5 Prozent gesteigert. Er wird seine Ausbildungsleistungen 1986 mindestens auf dem hohen Niveau des Vorjahres halten, so daß etwa 31500 Arbeitsplätze besetzt werden können.

- Die Bundesregierung wird den Berufsbildungsbericht 1986 dem Deutschen Bundestag zur Beratung zuleiten.