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Ballmer: Microsoft soll Kosten senken und profitabler werden

07.07.2004
Eine Milliarde Dollar Kosten muss Microsoft im neuen Geschäftsjahr einsparen, schreibt CEO Steve Ballmer an die Belegschaft. Umsatz und Aktienkurs des Konzerns sollen künftig wieder steigen.

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat sich nach überstandenem Fourth-of-July-Wochenende zu Beginn des neuen Geschäftsjahres mit einem 4900 Wörter langen Memo an die Belegschaft des Softwarekonzerns gewandt und darin Milliarden Dollar schwere Kostensenkungen und Ideen für mehr Innovation und in der Folge steigenden Umsatz und Aktienkurs dargelegt.

Microsoft steht seit geraumer Zeit unter Druck seiner Aktionäre, die über den stagnierenden Aktienkurs des Unternehmens klagen - insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Firma zu Ende März auf Bargeldreserven von 56,4 Milliarden Dollar saß. Analysten erwarten, dass Microsoft bis Ende des Monats entweder massive Rückkäufe eigener Anteilscheine oder eine deutlich höhere Dividende ankündigen wird. Microsoft hatte im März 2003 erstmals in der Firmengeschichte acht Cent pro Aktie ausgeschüttet und die Dividende im folgenden November nochmals auf 16 Cent je Anteilschein verdoppelt.

Das "Wall Street Journal" wertet Ballmers Memo als neuesten Beweis dafür, dass sich Microsoft mit geringerem Wachstum und anderen Problemen herumschlagen muss, die für gereifte Unternehmen typisch sind. Der Konzern bemühe sich darum, ein wenig von der Disziplin älterer Firmen einzuführen und gleichzeitig den aggressiven Geist zu bewahren, der zu seiner Dominanz im PC-Softwaremarkt geführt hatte. Dazu kommt noch der wachsende Wettbewerbsdruck für Microsofts Kernprodukte aus dem Open-Source-Lager.

Die "Kernfragen" hätten ihm eigentlich die eigenen Mitarbeiter selbst auf den Tisch gelegt, schreibt Steve Ballmer in seinem Denkzettel an alle rund 57.000 Microsoftler weltweit: "Werden wir mit wichtigen Innovationen die ersten sein? Werden exzellente Prozesse unsere Fähigkeit verbessern, uns abzuheben? Wird unser Fokus auf Kosten die Mitarbeiter persönlich treffen und neue Investitionen hemmen? Werden wir wachsen und wird unser Aktienkurs steigen? Bleibt der PC ein lebenswichtiges Werkzeug, und bleiben wir eine großartige Firma?"

All diese Fragen beantwortet Ballmer natürlich durch die Bank mit "Ja". Sein Memo gesteht aber ein, dass es alles andere als einfach ist, Softwarekunden, Anleger und Mitarbeiter zufrieden zu stellen. Speziell die Belegschaft war auf die Barrikaden gegangen, nachdem Microsoft interne Rabatte beim Kauf von Firmenaktien und Vorteile bei der medizinischen Versorgung zusammengestrichen hatte.

Zu Microsofts Plänen hinsichtlich seiner enormen Barreserven wollte Ballmer in einem Interview gestern nicht konkreter werden. Er sagte lediglich, das Unternehmen habe schon zuvor angekündigt, nachdem nun verschiedene größere Rechtsstreite entschieden oder beigelegt seien, "zu versuchen, bis zum Financial Analyst Meeting Ende des Monats etwas mitzuteilen zu haben".

Sorgen bereitet Ballmer offenbar vor allem Microsofts Kostenstruktur. Das Unternehmen solle im laufenden Geschäftsjahr, das am 30. Juni 2005 endet, eine Milliarde Dollar einsparen, schreibt der Konzernchef. Im abgeschlossenen Fiskaljahr hätten die operativen Kosten 18,97 Milliarden Dollar betragen im Vergleich zu 16,46 Milliarden Dollar im Vorgeschäftsjahr. Die Kosten seien seit drei Jahren stärker gestiegen als die Einnahmen. Die Mitarbeiter sollten mehr Verantwortung für ihre Arbeit übernehmen, ihre Ziele besser priorisieren als in der Vergangenheit und sich auf fünf bis sieben messbare "Verpflichtungen" pro Jahr konzentrieren.

Ein Konzernsprecher betonte, die Sparpläne seien nicht mit Entlassungen verbunden, und Microsoft werde bei seiner Einstellungspolitik in diesem Jahr nicht anders verfahren als in den Vorjahren. Sparen wolle Microsoft unter anderem durch über Geschäftsbereiche hinweg einheitlichere Marketing und Werbung und eine Reduzierung externer Dienstleister für Event-Planung, Direktwerbung und andere Aktivitäten im Bereich Kundenbeziehungen.

Der in den vergangenen Jahren gebremste PC-Markt hat den Absatz von Microsofts wichtigsten Produkten Windows und Office merklich gedämpft. Seit 1999 stieg der Umsatz der Redmonder im gemittelten Jahresdurchschnitt von 13 Prozent, in den vier Jahren davor hatte das durchschnittliche Wachstum 34 Prozent betragen. Die Gewinne, die zwischen 1995 und 19999 noch jährlich um 52 Prozent zulegten, stagnieren seither im Wesentlichen. Ballmer schreibt in seinem Memo, der PC-Markt - wichtigster Wachstumsfaktor für Microsoft - werde zusehends wachsen. Der CEO erwartet, dass die Zahl von Rechnern weltweit von heute rund 600 Millionen auf über eine Milliarde steigt.

Das Memo habe er verfasst, um deutlich zu machen, dass er hinsichtlich Microsoft Zukungt "beschwingt und optimistisch" sei, so Ballmer - trotz aller Sorgen, Microsoft können Opfer von "Krankheiten großer Unternehmen" werden. Als Schlüssel zu langfristigem Wachstum nannte er unter anderem die nächste Windows-Generation "Longhorn", die 2006 ansteht. Longhorn sei kein "kurzfristiger Umsatz-Plopp". Als größte wettbewerbliche Bedrohung sieht er derzeit und auch in Zukunft Linux und andere Open-Source-Produkte: "Aber wir wissen, was zu tun ist, um Neuerungen einzuführen und diese richtig zu bepreisen und zu verkaufen, um durchaus effektiv zu konkurrieren." (tc)