Fehlendes Vertrauen

Autonome Fahrzeuge - sicher genug für unsere Straßen?

Matthias Schorer ist Lead Business Development Manager IoT EMEA beim Virtualisierungs- und Cloud-Anbieter VMware.
Das Auto der Zukunft ist autonom, vernetzt und elektrisch. Dieser Weg ist vorgezeichnet und die Technologien werden zunehmend ausgereifter, so dass Prototypen bereits auf den Straßen in aller Welt unterwegs sind.

Seit Oktober 2017 setzt die Deutsche Bahn erstmals einen autonomen Bus ohne Fahrer im Straßenverkehr im oberbayerischen Bad Birnbach ein. Pionier Tesla plant in den USA erste Tests für selbstfahrende Lastwagen und testet schon seit langem autonome Pkw. Die britische Regierung will autonomes Fahren mit Millionensubventionen fördern und schon ab 2021 selbstfahrende Autos im Straßenverkehr zulassen. Außerdem sind schon heute bewährte Systeme für semi-autonomes oder pilotiertes Fahren im Einsatz, die den Fahrer situationsabhängig unterstützen, beispielsweise beim Einparken oder im Stop-and-Go-Verkehr.

Zwei von fünf Befragten (40 Prozent) können sich vorstellen, ein autonomes Auto zu nutzen. Genauso viele stehen diesen allerdings misstrauisch gegenüber.
Zwei von fünf Befragten (40 Prozent) können sich vorstellen, ein autonomes Auto zu nutzen. Genauso viele stehen diesen allerdings misstrauisch gegenüber.
Foto: Vladyslav Starozhylov - shutterstock.com

40 Prozent der Deutschen können sich vorstellen, ein autonomes Auto zu nutzen

Das autonome Auto wird kommen, daran gibt es wenig Zweifel. Dennoch sind die Deutschen uneins, ob sie überhaupt ein autonomes Auto nutzen möchten. Dies zeigt eine aktuelle repräsentative Studie von Bitkom Research im Auftrag von VMware. Demnach können sich zwei von fünf Befragten (40 Prozent) vorstellen, ein autonomes Auto zu nutzen. Allerdings stehen diesen nahezu genauso viele Verbraucher gegenüber, die sich nicht in ein autonomes Auto setzen möchten (39 Prozent). Was sind die Gründe für so wenig Vertrauen?

Zunächst einmal handelt es sich um etwas Neues: eine neue, unbekannte Technologie, die anfangs immer vorsichtig beäugt wird. Es ist daher wenig verwunderlich, dass das mangelnde Vertrauen der Verbraucher eng mit dem Thema Sicherheit zusammenhängt. Sicherheit ist der ausschlaggebende Grund für die Verbraucher, sich für oder gegen autonome Autos auszusprechen. Diesen fehlt es an Vertrauen - genauer: an Erfahrungswerten mit vollautomatisierter Technologie.

Bei den Skeptikern herrscht überwiegend Angst vor Fehlentscheidungen des Autos oder einem Hackerangriff auf das IT-System. Die Befürworter hingegen erwarten erhöhte Sicherheit durch das autonome und vernetzte Fahrsystem. Vorteile sehen sie auch in verbesserter Routenplanung, einfacherem Einparken und weniger Stress bei Staus oder langen Strecken. Wenn es um den eigenen Nachwuchs geht, sind sich die Befragten weitgehend einig: Die Mehrheit von 68 Prozent würde einem autonomen Fahrzeug das eigene Kind nicht anvertrauen und es beispielsweise ohne Aufsicht eines Erwachsenen von der Schule abholen lassen.

Sicherheit durch Technologie oder Mensch?

Diese Zahlen unterstreichen eine grundlegende Diskrepanz bei diesem Thema. Ein großer Teil der Verbraucher ist der Meinung, ein Mensch verspreche mehr Sicherheit als ein autonomes Fahrzeug - doch das entspricht letztlich nicht der Realität. Im Gegenteil: Menschliches Versagen aufgrund von eingeschränkter Fahrtüchtigkeit, Müdigkeit oder Ablenkung - beispielsweise durch ein Smartphone - spielt bei der Mehrheit der Unfälle eine Rolle und kostet tausende Menschenleben pro Jahr.

Tagtäglich vertrauen wir unser Leben Menschen an, seien es Lokführer, Piloten, Bus-, U-Bahn- oder Taxifahrer. Warum ist unser subjektiv empfundenes Sicherheitsgefühl in diesem Fall stärker ausgeprägt, als wenn es sich um ein autonomes Fahrzeug handeln würde? Und akzeptieren wir mögliche Opfer menschlicher Fahrer bereitwilliger als die autonomer Fahrzeuge?

Interessanterweise gab es ähnlich große Skepsis als Nürnberg vor vielen Jahren autonome U-Bahnen einführte. Auch hier war zunächst der Ruf nach einem menschlichen U-Bahn-Fahrer groß. Heute hingegen nutzen die Nürnberger die autonom fahrenden U-Bahnen genauso selbstverständlich wie diejenigen, wo nach wie vor ein Mensch am Steuer sitzt.

Autonomes Fahren wird Unfälle massiv reduzieren

Das wichtigste Argument der Befürworter des autonomen Fahrens ist, wie bereits erwähnt, die erhöhte Sicherheit. Ein autonomes Fahrzeug kann in Millisekunden verschiedene Handlungsoptionen durchspielen und Gefahrensituationen antizipieren. Auch die meisten Experten gehen davon aus, dass autonomes Fahren die Sicherheit im Straßenverkehr revolutionieren wird; sie gehen von einem immensen Rückgang der Autounfälle und damit verbundener Unfallopfer aus.

Allerdings tun sich autonome Fahrsysteme teilweise schwer, das irrationale Handeln von Menschen vorherzusagen. Wie man mit übermüdeten oder abgelenkten Verkehrsteilnehmern umgeht, lässt sich nur sehr schwierig simulieren. Und die Erwartungshaltung ist eine andere: Autonome Fahrzeuge haben nach jedem - auch möglicherweise unverschuldeten - Unfall ein Rechtfertigungsproblem, da von ihnen Perfektionismus erwartet wird, während Unfälle durch menschliches Versagen oft einfach hingenommen werden.

Die Diskussion rund um die ethische Frage, wen das Auto im Falle eines Unfalls schützen soll - seine Insassen oder die Unfallteilnehmer - halte ich eher für einen Randaspekt des Themas. Es wird im Straßenverkehr immer Unfälle und Tote geben - die Frage ist nur in welchem Maße. 2016 gab es in Europa 25.500 Verkehrstote, das sind knapp 70 pro Tag. Wenn davon nur ein Bruchteil durch autonome Fahrsysteme verhindert werden kann, ist das schon ein großer Erfolg.

Natürlich müssen die gesetzlichen Rahmenbedingungen zur Haftung sowie ethischen Fragen geklärt werden, bevor autonome Fahrzeuge auf unseren Straßen zugelassen werden. Allerdings sollten diese Diskussionen und die damit verbundenen bürokratischen Hürden die notwendigen Tests und Entwicklungen nicht hemmen. Denn autonome Fahrzeuge sind die Zukunft.

Neben dem Aspekt der Sicherheit gibt es noch zahlreiche weitere Vorteile, wie ein effizienterer Kraftstoffverbrauch sowie geringerer CO2-Ausstoß. Autonome Robotertaxen könnten den drohenden Verkehrsinfarkt abwenden und einen Großteil der Privat-Pkw ersetzen. Bis 2021 werden laut Analystenberichten knapp 280 Millionen vernetzte Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein.

Es gibt zahlreiche Argumente pro und contra autonome Fahrzeuge.
Es gibt zahlreiche Argumente pro und contra autonome Fahrzeuge.
Foto: VMware

Ein kritischer Punkt wird es sein, die IT-Sicherheit in die gesamte IT-Infrastruktur zu integrieren, um Hackerangriffe auf autonome Fahrzeuge zu verhindern. Denn nur so können Edge-Systeme und Echtzeitdaten, die vernetzte Fahrzeuge produzieren, sicher verwaltet werden - eine Aufgabe bei der Automobilhersteller, Zulieferer und IT-Anbieter eng zusammenarbeiten müssen, um die Sicherheit der Nutzer zu garantieren.

Gerade für den Standort Deutschland ist es von großer Bedeutung, den Anschluss beim autonomen Fahren nicht zu verpassen - bekanntlich werden schon jetzt viele Entwicklungen auf diesem Gebiet außerhalb von Deutschland angestoßen. (mb)