Celosphere 2021

Auf dem Weg zur Schweiz der Softwarebranche?

13.04.2021
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Geschäftsprozesse analysieren und automatisieren – das ist das Geschäft der Münchner Celonis SE. Nach der Übernahme von Integromat öffnet sich das Unternehmen für Partnerschaften und stellt zur virtuellen Hausmesse "Celosphere" neue Produkte vor.
Geht es nach den Celonis-Gründern, wird das Münchner Einhorn künftig "die Schweiz der Softwarebranche".
Geht es nach den Celonis-Gründern, wird das Münchner Einhorn künftig "die Schweiz der Softwarebranche".
Foto: Celonis

Zu seiner Anwenderkonferenz (13. - 15. April) hat Celonis, Spezialist für Geschäftsprozess-Optimierung und -Automatisierung, neue Technik und Partnerschaften angekündigt. Mit der Unternehmensgründung habe man im ersten Schritt "einen Röntgenblick auf die Geschäftsprozesse gelegt", beschreibt CEO Alexander Rinke die Anfänge des Process-Mining-Startups. "Jetzt gehen wir mit unserem Execution Management System (EMS) weiter. Es geht uns darum Prozesse zu erneuern, zu automatisieren und insgesamt effizientere Prozesse zu bauen."

Prozesse Ende zu Ende automatisieren

Die Münchner legen den Schwerpunkt ihrer Geschäftstätigkeit also auf die Automatisierung von Geschäftsabläufen - systemübergreifend von Ende zu Ende und datengestützt. "Unser Ziel ist es, Prozesse neu zu gestalten, ohne dass Kunden die darunter liegenden Systeme großartig anfassen müssen", sagt Rinke. "Daten müssen die Prozesse treiben", gibt der Mitgründer von Celonis das Ziel vor. Beispielsweise könnten sich Rechnungsbearbeitungsprozesse in Zukunft selbsttätig optimieren, wenn ihnen ständig die richtigen Daten zugeführt würden.

Die Celonis-Gründer bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2019: Bastian Nominacher, Martin Klenk und Alexander Rinke (v.l.n.r.).
Die Celonis-Gründer bei der Verleihung des Deutschen Zukunftspreises 2019: Bastian Nominacher, Martin Klenk und Alexander Rinke (v.l.n.r.).
Foto: Deutscher Zukunftspreis / Bildschoen

Als eines von vielen Beispielen nennt der Gründer die aus seiner Sicht in vielen Unternehmen chaotische Materialstammdaten-Haltung: Weil sich diese Daten nicht intelligent selbst aktualisierten, komme es oft zu langen Wiederbeschaffungszeiten für Materialien und damit zu einer eingeschränkten Lieferfähigkeit. Das treffe nahezu auf die Hälfte aller Betriebe zu. "Wir haben unsere Inventory Management App so gebaut, dass Transaktions- und Stammdaten ständig miteinander abgeglichen werden", sagt Rinke (siehe auch: Viel Leerlauf in den Kernprozessen).

Zukauf Integromat steuert die Konnektoren bei

Eine Schlüsselrolle bei der Repositionierung rund um Geschäftsprozessautomatisierung spielt das zugekaufte Unternehmen Integromat aus Tschechien, das Celonis im Oktober 2020 erworben hatte. Es bietet auf seiner Cloud-basierten API-Plattform mittlerweile rund 1000 System- und Anwendungskonnektoren an, über die Anwender ohne größeren Aufwand Applikationen und Prozessschritte miteinander verknüpfen können. Laut Rinke werden inzwischen nahezu alle wichtigen Enterprise-Lösungen unterstützt, darunter die von SAP, Oracle, Microsoft, Salesforce, Workday und IBM.

Auf der Celosphere soll dem CEO zufolge auch ein "Prozess-Simulator" zu sehen sein, mit dem Prozessänderungen mit ihren Auswirkungen auf Geschäftsmetriken geplant und analysiert werden sollen. Ein weiteres Novum unter der Rubrik "Prozessintelligenz" ist die Möglichkeit, doppelte Rechnungen mit OCR-Technologie identifizieren und eleiminieren zu können.

Apps für Order Management, Inventory, Procurement

Ebenfalls geplant ist ein tieferer Einstieg in das Geschäft mit Anwendungen, der Hersteller spricht von den "Celonis Execution Apps". Dazu gehört etwa eine Anwendung für das Order Management, die Unternehmen helfen soll, Bestellprozesse und Lieferketten mithilfe maschinellen Lernens besser zu organisieren. Eine zweite Anwendung ist das "Celonis Inventory Management" für eine einfachere Material- und Lagerverwaltung. Zum Angebot gehört die automatische Korrektur von Stammdaten, eine Bestandsverwaltung inklusive Echtzeit-Monitoring sowie Möglichkeiten optimierter Forecasts in der Materialverwaltung.

Und schließlich bekommt mit der dritten App auch der Einkauf Unterstützung: Mit ihrem "Celonis Procurement Management" wollen die Münchner Betrieben helfen, Beschaffungsfehler und -blockaden zu beseitigen und ihrer Klientel helfen, zu bestmöglichen Preisen und Konditionen automatisiert einzukaufen und so ihre Ausgaben zu reduzieren.

Celonis lockt Beratungspartner

Auf der Celosphere wird Celonis zudem sein Programm "Execution Management Without Limits" vorstellen, mit dem das Münchner Einhorn - die Marktbewertung von Celonis liegt mittlerweile bei 2,3 Milliarden Euro - die weltweite IT-Beratungsbranche enger an seine Tools binden möchte. Consultants und Systemintegratoren sollen die Celonis-Projekte in ihre Portfolien integrieren, bei Kunden einsetzen und auch für Celonis vermarkten. Auf der Ebene des Process Mining war das bisher schon möglich, jetzt wird es auch für die EMS-Tools umgesetzt, damit Partner Kernprozesse und Business-Funktionen bei ihren Kunden automatisieren können.

Ganz neu ist das allerdings nicht: Schon im Sommer 2020 hatte Celonis eine Zusammenarbeit mit PwC angekündigt, die jetzt Früchte trägt: Gerade wurden fünf gemeinsame Produkte angekündigt, die unter dem Namen "Celonis as a Service" vermarktet werden. Sie reichen von der Optimierung der Abläufe in der Energiebranche über die Prozessverbesserung im Einkauf und in Shared Service Centern bis hin zur Zollabwicklung.

Auch mit IBM und deren Tochter Red Hat wird Celonis künftig viel enger zusammenarbeiten. Gemeinsam wollen die Partner ihre Kunden in ihrer digitalen Transformation mit mehr "Prozessintelligenz" unterstützen. Konkret plant IBM Global Business Services (GBS) Celonis-Software tief in seinen Beratungsansatz einzubinden und Kunden beim Entwickeln von Lösungen mit Celonis EMS zu unterstützen. Geplant ist außerdem die Kombination der EMS-Software mit Red Hats OpenShift-Technologie zur Umsetzung von Hybrid-Cloud-Umgebungen.

"Wir haben keine Exit-Strategie"

Celonis befindet sich also weiter in der Erfolgsspur, das jährliche Wachstum liegt immer noch bei gut 100 Prozent. Steht ein Börsengang an? Will sich Celonis übernehmen lassen? Rinke verneint beides. "Wir haben keine Exit-Strategie", behauptet der Gründer, "wir sind wirklich komplett inhaltlich getrieben, uns macht das einfach Spaß!" Man wolle sich im Markt als die Schweiz der Softwarebranche etablieren: kerngesund und vor allem unabhängig. Weltweit gebe es für Celonis kaum Wachstumsgrenzen, schon jetzt seien die USA der größte Einzelmarkt. Doch auch in Großbritannien, Frankreich und Japan gehe es mit großen Schritten voran, genauso auf dem deutschen Heimatmarkt.