Arbeiten in Frankreich: Der Umweg über die Küche

15.05.2002
Von in Ingrid
Wen es ins französische Nachbarland zieht, der sollte ein gutes Gespür für Zwischentöne und Etikette mitbringen, denn Esprit und Eloquenz sind gefragt.

"Wo ist die Vision?", fragen französische Manager gerne, während ihre deutschen Gesprächspartner Papierstapel mit zum Meeting schleppen. Tagesordnungen, Protokolle und Detaildiskussionen sind ihnen nämlich ein Greuel. Meistens kennen sie bereits die wesentlichen Punkte und möchten sich lieber auf neue Aspekte konzentrieren. "Brainstorming und neue Ideen zu entwickeln sind ihnen wichtiger als die Tagesordnung", erklären Claudia Bosenius und Carine Idé, die sich auf deutsch-französisches Personal-Management spezialisiert haben.

Die Trainerinnen empfehlen, ein besonderes Gespür für Zwischentöne zu entwickeln. Franzosen seien geschickte Taktiker. "Sie wollen verführt, Deutsche dagegen überzeugt werden." Gelinge es, das Vertrauen der Gesprächspartner zu gewinnen, kultiviert aufzutreten sowie auf Form und Stil zu achten, sind wichtige Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit geschaffen.

Eloquenz erleichtert den Einstieg

"Nach eineinhalb Jahren spreche ich verhandlungssicher Französisch und kann Präsentationen in der Fremdsprache vortragen", erzählt Thomas Staneker. Seit knapp zwei Jahren arbeitet der 40-jährige Nachrichteningenieur für Alcatel in Paris. Zwar betonen gerade internationale Unternehmen, dass die offizielle Geschäftssprache Englisch sei, doch ohne Französisch-Kenntnisse bleiben viele Türen verschlossen. "Für mich sind Sprachkenntnisse sehr wichtig. In Italien hatte ich einen Kollegen, der nach vier Jahren noch keine Pizza bestellen konnte. Ich würde - falls nötig - auch Chinesisch lernen."

Allerdings erwarten Franzosen außer guten Sprachkenntnissen auch exzellentes Wissen über die französische Kultur und Lebensart, gibt Trainerin Bosenius zu bedenken. Gerade wenn es um gemeinsame Projekte geht, sollten die Teamkollegen den Arbeitsstil der anderen kennen, damit die Zusammenarbeit nicht in einem Fiasko endet. Während in Frankreich oft auf kurze Planungs- lange Projektphasen folgen, verhält es sich hierzulande umgekehrt: Die Verantwortlichen sitzen lange über einem neuen Projekt, um das Restrisiko zu verringern. Dagegen faszinieren Unwägbarkeiten die französischen Kollegen, sie sehen darin eine intellektuelle Herausforderung.

Auslöser für den Umzug nach Frankreich war für Staneker der Wunsch nach beruflicher Veränderung. "Mein Chef in Stuttgart hat meine Idee unterstützt und mir geholfen, eine passende Position zu finden." Heute arbeitet Staneker als Marketing-Director in der Zentrale in Paris. Den ursprünglichen Zweijahresvertrag hat er inzwischen um zwei weitere Jahre verlängert. Auslandsaufenthalte sind bei Alcatel gerne gesehen und helfen oft bei der Karriereplanung weiter. Auch Staneker verspricht sich von seinem Job in Paris neben einem Netzwerk spätere Aufstiegschancen. "Topjobs werden mit Leuten besetzt, die einen Auslandsaufenthalt nachweisen können", so der Schwabe.

Staneker nahm seine Frau und die drei Kinder mit an die Seine. Eine Relocation-Agentur organisierte den Umzug der fünfköpfigen Familie, half bei Behördengängen und bei der Suche nach einer passenden Schule und einem Kindergarten. Die junge Familie fühlt sich in Frankreich wohl - eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Auslandsentsendung. Alcatel fängt mit einem speziellen Auslandsvertrag finanzielle Nachteile ab. "Ein Auslandsaufenthalt eignet sich nicht zum Geldverdienen", meint Staneker.

Seinen Aufenthalt kann er maximal auf fünf Jahre verlängern. Anschließend müsste er ganz zur französischen Niederlassung wechseln und zu den dortigen Bedingungen einen Arbeitsvertrag unterschreiben. "Das wäre zwar verlockend, aber gleichzeitig eine enorme Herausforderung, dabei nicht arm zu werden." Frankreich kannte der Ingenieur schon von vielen Geschäftsreisen, elementare Unterschiede waren ihm bereits aufgefallen. "Die professionelle Arbeitsweise und hohe Flexibilität der französischen Kollegen beeindruckten mich. Allerdings geht es hierarchischer zu, als ich das gewohnt war", erzählt Staneker.

Der Chef - "le patron" - verkörpert in Frankreich die oberste Entscheidungsinstanz, wird als Autorität angesehen und akzeptiert, so die Trainerinnen Idé und Bosenius. Direkte Kritik am Chef oder den Mitarbeitern ist unüblich und wird höchstens in einem höflichen Gespräch unter vier Augen geäußert. Wichtig sei dabei, dass niemand sein Gesicht verliert. "Mitarbeiter möchten bewundernd zu ihrem Chef aufsehen. Sie identifizieren sich mit ihm, während Deutsche sich eher in Projekten und Aufgaben wiedererkennen", so Bosenius.

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