Warum das iPhone X vielleicht keine so gute Idee ist

Apple iPhone 8 (Plus) - der eigentliche Star des Abends

Mark Zimmermann weist mehrere Jahre Erfahrung in den Bereichen Mobile Sicherheit, Mobile Lösungserstellung, Digitalisierung und Wearables auf. Er versteht es diese Themen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln für unternehmensspezifische Herausforderungen darzustellen. Hierzu ist er auf nationale Vorträgen und als freier Autor für Fachpublikationen tätig.
Keine Angst: Anstatt die Features der neuen iPhone X zum x-ten Mal herunterzubeten, möchte ich Ihnen begründen, warum ein iPhone 8 (Plus) eventuell doch die bessere Wahl ist. Dabei stütze ich mich auf die verfügbaren Informationen und ergänze diese mit „Wahrnehmung“ und persönlicher „Interpretation“. Es liegt natürlich an Ihnen, die Situation selbst zu bewerten.

Apple verspricht mit dem iPhone X (gesprochen TEN = Zehn) die Basis für eine neue Evolutionsstufe des iPhones. Dabei entspricht das Gerät aus technischer Sicht zu großen Teilen dem iPhone 8 (Plus): In dem Gerät werkelt derselbe A11-Chip wie beim iPhone 8 und auch die RAM-Ausstattung ist identisch. Lediglich das Display (OLED), die Kamera (Blende und Bildstabilisator der Telefokuslinse) und der Wegfall von TouchID (Ersatz: Face ID) zeichnen das Gerät technologisch aus. Erlauben Sie mir ein paar kritische Anmerkungen dazu zu verfassen.

Mit dem iPhone X bewegt sich Apple nicht nur preislich auf gefährliches Terrain.
Mit dem iPhone X bewegt sich Apple nicht nur preislich auf gefährliches Terrain.
Foto: Apple

Der Akku

Apple verspricht bis zu zwei Stunden mehr Akkubetrieb im Vergleich zum iPhone 7. Ich gehe davon aus, dass Apple ganz bewusst keinen Vergleich zum iPhone 7 Plus gezogen hat. Denn ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir hält der Akku meines iPhone 7 Plus kaum einen ganzen Tag durch. So gesehen hilft es mir nur wenig, wenn das "neue" Flaggschiff etwas länger hält als das mit einem schwächeren Akku ausgestattete iPhone 7.

Der Sound

Ist es nur mir nicht aufgefallen? Bei der Vorstellung des iPhone 7 wurden die Stereo-Speaker mit ihrer Lautstärke und dem Bass beworben. Es gibt sogar einen Werbespott für dieses Feature. Das iPhone 8 (Plus) hat hier sogar noch nachgelegt ... nur beim iPhone X ist von dem Feature keine Spur.

Das Display

Es ist beeindruckend. Ein Wunderwerk der Technik. Das OLED Display ist gestochen scharf und randlos verbaut. Es versteht sich wohl von selbst, dass Apple seine eigenen Apps dafür optimiert hat. Was aber ist mit den "nicht" optimierten Apps. Wie sehen die Apps aus, die Stand heute nicht auf Vektorgrafiken aufbauen und die Bilder selbst zeichnen. Es wird sicher einige Zeit dauern, bis der Vorteil vom Display wirklich überall angekommen ist.

#Notchgate: Beim iPhone X verdeckt eine Ausbuchtung Teile des Bildschirms.
#Notchgate: Beim iPhone X verdeckt eine Ausbuchtung Teile des Bildschirms.
Foto: Apple

Ein weiterer Punkt: Im Netz machen bereits Kommentare zum Thema #NotchGate die Runde. Der Grund: Das 5,8-Zoll-OLED-Display des neuen iPhone X hat eine Ausbuchtung (engl. Notch), die Teile des Bildschirms verdeckt. Auf anderen Geräten steht Entwicklern dieser Bereich zur Verfügung. Man kann davon ausgehen, dass einige Apps in diesem "Bereich" Menüs anzeigen, die dem iPhone-X-Anwender - zumindest für einige Zeit - erstmal verschlossen bleiben.

Die Kamera

iPhone X und iPhone 8 Plus haben beinahe die gleiche Kamera. Ich bin kein Fotograf, aber was macht die Verbesserung von 0,2 in der Blende für die Telefokuslinse aus? Ich weiß es nicht. Auch bin ich mir unsicher, ob die Bildstabilisierung in der Telefokuslinse spürbar ist. Sicherlich bei schlechten Lichtverhältnissen - aber sonst? Vielleicht ist es meiner Unkenntnis im Bereich der Fotografie geschuldet, daher ist der Kamera-Punkt keine Kritik, sondern eher ein Hinweis.

Der Wegfall von Touch ID

Das Entsperren mit Touch ID geht schnell und funktioniert auch, wenn das Handy auf einem Tisch liegt. Es klappt im Dunklen und auch mit mehreren Fingern (z.B. meine Frau kann mein Handy auch entsperren, kennt aber weder meine PIN noch meine Kennwörter). Ob Face ID dies ersetzen kann, mit gleichem Komfort und Sicherheit, darf bezweifelt werden.

Hinzu kommt, dass mit Touch ID auch der Homebutton verschwindet, Gesten ersetzen das über 10 Jahre aufgebaute Muskelgedächtnis. Laut Presseberichten haben im Showroom selbst Apple-Mitarbeiter ab und an versucht, den nicht vorhandenen Homebutton zu drücken - bis sie ganz schnell gemerkt haben, dass sie zur Rückkehr auf den Startbildschirm eine Geste auslösen müssen. Es wird einige Zeit dauern, bis - gerade erfahrene - Anwender dies verinnerlicht haben.

Weitere Veränderungen in der Bedienung, an die sich iPhone-Nutzer erst gewöhnen müssen: Siri liegt nun auf dem Powerknopf und ein Screenshot wird nun mit "Power" + "Laut" erstellt. Alles neue Bedienelemente, die gelernt werden wollen.

Die (Un-)Sicherheit von Face ID

FaceID macht das iPhone meiner Meinung nach unsicherer und reduziert den Bedienkomfort. Bei der Präsentation im Showroom haben die Mitarbeiter von Apple stetig betont, dass man das Gerät anheben muss. Bequeme Meeting-Situationen, in denen ich mal schnell - und unbemerkt - auf das Handy schaue, sind vorbei. Keine Chance!

Das Argument, das iPhone werde dadurch sicherer, ist meiner Meinung nach (wie bereits erwähnt) nicht haltbar. Das in meinen Augen unterschlagene Bewertungskriterium ist nicht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Verwechslung mit meinem bösartigen Zwilling kommt. Es ist die Einfachheit, mich als "Schlüssel" nachzumachen oder unbemerkt zu entwenden. Letzteres scheint einfacher zu werden oder nennen Sie mir einen Fall, bei dem das iPhone geklaut und per Touch ID entsperrt wurde.

Bisher konnte ich meine Finger für mich behalten und wenn jemand mein iPhone entsperren wollte, musste er die PIN erraten oder meine Finger "entwenden". Mit Face ID reicht es aus, mir das Handy aus der Tasche zu ziehen und in mein sicherlich verdutztes Gesicht zu halten. Ich bin gespannt, ob Grenzbeamte mir in Zukunft das Handy beim Durchleuchten einfach ins Gesicht halten und meine eMails checken, oder ob meine Kinder mich unbemerkt zum Entsperren verleiten können.

Zugegeben: Da ich noch kein iPhone X in der Hand hatte, ist dies alles noch ziemlich hypothetisch. Dennoch drängen sich mir Frage auf. Bei Touch ID ist es etwa üblich, dass das System nach drei nicht erkannten Fingern den Gerätecode verlangt. Wie verhält sich das mit Gesichtern? Wird dann ebenfalls der Code verlangt, wenn mir drei Menschen direkt auf das gesperrte Handy schauen, oder haben potentielle Angreifer "endlos viele" Chancen?

Ein anderer Kritikpunkt ist der verschwundene Komfort. Anscheinend muss ich das iPhone X zum Entsperren nämlich anheben bzw. gerade drauf schauen. Ich kann ferner nur ein Gesicht mit dem Handy verbinden - war früher der Handschuh im Winter der Inbegriff an Unbequemlichkeit zum Entsperren, kommt jetzt der Motorradhelm dazu.

Meine persönliche Meinung

Aus meiner Perspektive bietet das iPhone X keine echten Vorteile, zumindest keine, die den Mehrpreis rechtfertigen. Die gezeigten Vorteile "Entsperren per Gesicht" und das Versenden von animierten Animojis sind sicherlich ein optischer Hingucker - mehr für mich jedoch nicht. Das Display ist schärfer - aber das hat mich bisher auch nicht gestört!

Viele Punkte werden von den App-Entwicklern sicher ausgeräumt werden und auch die Gesten werden Anwender schnell lernen. Die Frage an dieser Stelle: Passiert alles dies vor der nächsten iPhone-Generation? Falls nicht, kann man ja warten oder das iPhone 8 (Plus) kaufen. Ich zumindest freue mich auf das iPhone 8 Plus! Und welches Gerät kaufen Sie?

 

Der Sisko

Interessante Einblicke. Danke!

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