Anwenderkritik zeigt Wirkung

28.09.1984

Daß Computersysteme an der (Benutzer-) Oberfläche so glattgehobelt und im Innern gleichzeitig verfeinert werden können, daß sie für jedermann "begreifbar"(im wahrsten Sinne des Wortes) und überdies problemadäquat, sprich: für eine bestimmte Aufgabe passend, einsetzbar sind, ist sicher eine Utopie.

Die Rechner sind aber nicht deshalb so schwer in den Griff zu bekommen, weil sie Hochtechnik in Reinkultur repräsentieren, oder deshalb so technisch, weil die Aufgabenstellung so kompliziert ist. Schuld tragen ihre Väter - doch dazu später.

Es durfte gehofft werden, als Mitte der siebziger Jahre die ersten Jedermann-Computer auf Mikroprozessor-Basis herauskamen. Dank softwaretechnischer Verbesserungen (Trennung der Anwendung von der Physik) und besonderer Schrumpfbemühungen, was die Hardware anlangt, wurde es erstmals möglich, auch den eigentlichen Endbenutzer an die Tastatur zu bringen.

Der große Ansturm blieb freilich aus. Zwar fiel der Liebesbeweis bei den Freaks, zur Freude der professionellen Board-Bastler wie Imsai, Altair, Apple oder Commodore, recht heftig aus- doch kommerzielle Interessenten zierten sich. Verständlich: Warum soll jemand ein Gerät benutzen, das weder seine Probleme löst noch leicht zu erlernen ist?

Hier haben wir die Erklärung für unser vermeintliches Komplexitätsproblem: Den Mikro-Herstellern ist es bis heute nicht gelungen, Produkte zu entwickeln, die der Markt braucht. Man kann auch schärfer formulieren: Es hat noch kein Mikro-Hersteller für den Kunden gearbeitet. Statt dessen werden ganz überwiegend Gimmicks abgeliefert, mit denen der Anwender nichts anfangen kann. Zwar mögen technische Gags einen gewissen Stimmungseffekt haben (den hat die "Haut-den-Lukas-Konfiguration" auf dem Rummelplatz auch) - doch Maus und Touchscreen allein machen noch keinen (Anwender-)Sommer.

Kein Wunder: Die heutigen Systementwickler verstehen Bahnhof, wenn die Sprache auf die eigentliche Anwendung kommt. Mehr noch: Sie machen gar kein Hehl daraus, daß sie für Zufriedenheit außerhalb ihrer "Factory" nicht zuständig sind. Nach der IBMschen Evolutionstheorie (1401 und später) ist dies auch kein Manko: Die Großkunden helfen sich selbst. Daß sich dadurch das Problem des Praxisdefizits nur vom Hersteller zum "Closed Shop" des Mainframe-Anwenders verlagert, der es auch tragen muß - wen stört das schon?

In der großen Welt der kleinen Datenverarbeitung lassen sich diese Positionen nicht mehr halten. Die potentiellen Mikro-Konsumenten sind unbedarft und anspruchsvoll zugleich. So ist es zu einer denkwürdigen Konstellation gekommen: Fast alle, für die der Mikro gemacht ist, die ihn anzuwenden haben, halten die heute angebotenen Systeme für prototypisch, alles andere als ausgereift - nur die für die Produktentwicklung Verantwortlichen sehen das noch immer anders.

Jetzt ist diese Benutzerferne nicht mehr ohne marktpolitische Bedeutung. Die Anbieter müssen erkennen, daß sich Schrott nur noch schwer verkaufen läßt. Gespür für die Kundenerwartungen, was man so Marketing nennt, ist gefragt. Die Kritik der Anwender zeigt Wirkung. Gimmicks werden jedenfalls eine Randerscheinung bleiben.