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Anklage demontiert Microsoft-Zeugen

19.04.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Im laufenden US-Kartellverfahren gegen Microsoft kritisierte ein Zeuge der Verteidigung am gestrigen Donnerstag die Entscheidung des Softwareriesen, die Java-Unterstützung aus Windows zu entfernen. Im Kreuzverhör gab Scott Borduin, Chief Technology Officer (CTO) von Autodesk (siehe Bild), gegenüber dem Klägeranwalt Kevin Hodges zu, dass er und seine Mitarbeiter beunruhigt waren, als sie von Microsoft erfuhren, dass die Java Virtual Machine (JVM) aus Windows XP entfernt werden sollte. Viele Autodesk-Produkte sind von der Java-Unterstützung abhängig.

Hodges, der die klagenden neun US-Bundesstaaten und den District of Columbia repräsentiert, legte während des Kreuzverhörs zudem eine E-Mail von Borduin an seinen Ansprechpartner bei Microsoft vom vergangenen August vor. Darin hatte der Autodesk-CTO die Frustration seiner Firma über die Java-Entfernung mit den Worten eines seiner Ingenieure zusammengefasst: "Unsere volle Unterstützung von Microsoft ist äußerst unangebracht. Diese Firma wird jeden beim geringsten Anlass auf's Kreuz legen."

Hodges fragte Borduin, ob er der Meinung sei, dass Microsoft Java aus Windows entfernt habe, um Entwickler zum Umstieg auf seine aufkommende und konkurrierende .Net-Technologie zu bewegen. "Ich wusste zu dem Zeitpunkt nicht, was dahinter steckte, aber danach sah es aus", gab Borduin zu.

Borduin hatte zuvor im Sinne von Microsoft ausgesagt und die von der Anklage verlangten Sanktionen als zu drastisch bezeichnet (Computerwoche online berichtete). Die Klägerseite verlangt unter anderem die Veröffentlichung eines modularen Windows ohne standardmäßig eingebaute Produkte wie Media-Player und Browser. Dadurch sollen die Mitbewerber bessere Chancen erhalten.

Microsoft-Manager verteidigt "Passport"

Am gestrigen Donnerstag sagte zudem der Microsoft-Manager David Cole als Zeuge der Verteidigung aus. Der Senior Vice President von MSN und der Personal Services Group nahm dabei den umstrittenen Authentifizierungsdienst "Passport" des Softwareriesen in Schutz und wandte sich gegen frühere Behauptungen von John Borthwick. Der AOL-Manager hatte als Zeuge der Anklage erklärt, dass Passport als "virtuelle Mautschranke" für Microsofts .Net-Services fungiere und für viele Angebote unerlässlich sei. Cole hingegen bezeichnete Passport als ein System, das viele Dinge "möglich macht". "Es steht den Anwendern frei, es zu benutzen, und verlangt keineswegs, dass sie irgendeine Microsoft-Software benutzen", hatte Cole bereits in seiner schriftlichen Stellungnahme dargelegt.

Im gestrigen Kreuzverhör arbeitete der Klägeranwalt John Schmidtlein allerdings heraus, dass die Einrichtung eines Passport-Accounts für die Anwender von Microsofts kostenlosem "Hotmail"- und "MSN"-Instant-Messaging-Service zwingend ist. Cole gab zu, dass derartige Authentifizierungskonten automatisch angelegt würden, sobald jemand sich für diese Dienste anmelde. In seiner schriftlichen Stellungnahme hatte Cole erklärt, dass die Anwender die Möglichkeit hätten, irgendeinen Namen und nicht unbedingt ihren eigenen anzugeben. Schmidtlein demonstrierte jedoch, dass die Passport-Nutzer dazu aufgefordert werden, zusätzlich Informationen wie den vollständigen Namen, Wohnort, Geschlecht und Geburtsdatum anzugeben, bevor sie beispielsweise ein Hotmail-Account erhalten. Der Microsoft-Manager entgegnete daraufhin, dass diese Daten notwendig seien, damit sein Unternehmen Hotmail über zielgerichtete Werbeschaltungen finanzieren könne. Das Kreuzverhör von

Cole wird am kommenden Montag fortgesetzt. (ka)