Angst vorm Internet

"Familie ist der große Türöffner"

20.08.2013
Jeder Siebte in Deutschland war noch nie im Internet.

Die meisten sind nach Einschätzung von Experten Rentnerinnen mit eher niedrigem Bildungsabschluss. Das Enkelkind und die Sprechstunde im Stadtteil helfen, Ängste abzubauen. Die 72 Jahre alte Saarbrückerin ist sehr neugierig auf Informationen aus dem Internet und will E-Mails schreiben, hat aber Angst vor unseriösen Angeboten und Forderungen. "Ich habe einen Internetzugang, kann das aber nicht und blockiere mich selbst mit meiner Angst, dass etwas passiert", sagt die gelernte Industriekauffrau. Timo Rieg (43) aus dem mittelhessischen Alsfeld arbeitet jeden Tag am Computer, hat aber freiwillig sieben Wochen darauf verzichtet. "Es war großartig, völlig anders", erinnert sich der Buchautor und Öffentlichkeitsreferent der Evangelischen Kirche. Die meisten Erwachsenen hätten jedoch mit Unverständnis und Spott reagiert; manche hätten ihm sogar Arbeitsverweigerung unterstellt.

Rund jeder siebte Einwohner Deutschlands zwischen 16 und 74 Jahren war noch nie online - Tendenz sinkend. "Die private Internetnutzung streut sehr stark nach Alter, Bildung und Verfügbarkeit, wobei das miteinander zusammenhängt", sagt der Mainzer Politikwissenschaftler Sven Stadtmüller. "Der, der vor dem Siegeszug des Internets schon abgehängt war, wurde noch stärker abgehängt." Am höchsten sei die Internet-Nutzung junger Menschen mit Abitur, am niedrigsten die Älterer mit Hauptschulabschluss.

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"Die Lücke zwischen den Älteren und den Jüngeren wird kleiner, sich aber nie ganz schließen können", sagt der Frankfurter Medien- und Kommunikationssoziologe, Christian Stegbauer. Vor allem ältere Frauen sähen oft aufgrund ihrer Bildung und Lebensgeschichte kaum Möglichkeiten sich einzuarbeiten. Viele merkten jedoch, "dass sie ganz ohne Internet viele Dinge nicht mehr erledigen können". Als Beispiel nennt Stegbauer die Bedienungsanleitung eines Fernsehers.

Ähnliche Erfahrungen hat auch die Saarbrücker Rentnerin gemacht, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die vielseitig ehrenamtlich engagierte Frau fühlt sich von ihren Mitstreiterinnen abgeschnitten, die sich gegenseitig E-Mails schicken. Außerdem würde sie gerne im Internet Papier nachlesen und ausdrucken können. Als Beispiel nennt sie die Richtlinie des Europäischen Parlaments über Dienstleistungen im Binnenmarkt, die sie für falsch hält und deshalb an mehrere Politiker geschrieben hat - mit der Hand. Auch das würde sie lieber im Internet machen.

"Frauen mit geringem Einkommen, die allein leben und über 70, 75 Jahre alt sind, kriegt man fast gar nicht ins Netz", sagt der Heidelberger Psychologe und Altersforscher Michael Doh. Zu dieser persönlichen Barriere komme das Medium selbst: unhandlich, intuitiv nicht nutzbar und Englisch als Programmiersprache. In Deutschland sei es zudem - anders als in Skandinavien - versäumt worden, ältere Beschäftigte weiterzubilden, als das Internet 1990 aufkam.

Senioren seien grundsätzlich für Technik offen, betont Doh. Wenn sie allerdings merkten, dass das Internet als jung, hipp und sexy gelte, aber nicht für erfahrene Menschen gemacht sei, entstünden Reserviertheiten. Sie probierten am Rechner auch weniger herum: "Menschen denken mit dem Alter zunehmend praktischer und weniger verspielt."

Wie können ältere Menschen an das Internet herangeführt werden? "Die Familie ist der große Türöffner. Vor allem das Enkelkind", sagt Doh. Skypen mit dem Enkel sei oft ein Einstieg. Oma einfach ein Handy oder einen Rechner zu Weihnachten zu schenken - ohne den Umgang zu üben - reiche nicht. "Man kriegt sie aber nur, wenn sie ihren persönlichen Nutzwert entdeckt haben." Vor allem skeptischere Menschen, "die über den Freundeskreis, die Nachbarn und die Öffentlichkeit mitkriegen, da fährt ein Zug ab", bräuchten einfach zugängliche Angebote im Stadtteil wie Sprechstunden oder Handykurse. (dpa/tc)