Web

 

Amazon und AOL Time Warner rücken zusammen

24.07.2001
Im Rahmen eines umfassenden Marketing-Abkommens hat der weltweit größte Online-Handel Amazon.com eine Finanzspritze von 100 Millionen Dollar von AOL Time Warner erhalten. Amazon gab die Kooperation zeitgleich mit einer Umsatzwarnung bekannt.

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Im Zuge eines umfassenden Marketing-Abkommens hat der weltweit größte Online-Handel Amazon.com eine Finanzspritze von 100 Millionen Dollar von AOL Time Warner erhalten. Amazon gab die Kooperation zeitgleich mit einer Umsatzwarnung bekannt.

Amazon verpflichtet sich in dem Abkommen, AOL Time Warner zu seinem exklusiven Internet-Service-Provider (ISP) zu benennen. Außerdem sollen AOL-Teilnehmer in den Genuss einer Reihe von Amazon-Diensten kommen. Dazu zählen unter anderem Such- und Personalisierungs-Technik sowie Produktvergleiche und -Ratings. Bis Ende kommenden Jahres sollen außerdem Amazons Einkaufs-Tools mit den Shop@AOL-Einrichtungen kombiniert werden, die zurzeit überarbeitet werden.

Darüber hinaus sind demnächst bei Amazon neben dem üblichen Produktspektrum von Büchern, CDs, Videos, Consumer-Elektronik etc. auch Produkte und Services von AOL Time Warner zu finden. Auch Abo-Dienste wie der AOL-Zugang oder Kabelfernsehangebote sollen beim Online-Händler feilgeboten werden.

Voraussichtlich werden die Partner zudem eine Alternative zu Microsofts Authentifizierungsdienst "Passport" entwickeln, mit dem sich Surfer identifizieren und Transaktionen im Netz sicherer gestalten können sollen. AOL und Amazon haben in diesem Zusammenhang einen "Kundenauthentifizierungs- und Wallet-Service" angekündigt. Amazon bietet bereits jetzt kleineren Internet-Firmen einen "Honor-System"-Dienst an, mit dem sie die Payment-Funktion von Amazon verwenden können. Surfer können dabei sogar ihren User-Namen und ihr Passwort von Amazon beibehalten.

AOL hat sich im Rahmen der Übereinkunft zum Kauf von Amazon-Aktien im Wert von 100 Millionen Dollar verpflichtet. Der Konzern zahlt entweder 15,282 Dollar pro Aktie oder einen geringeren Betrag, falls sich ein solcher aus dem Durchschnittwert der Schlusskurse vom 24. bis zum 30. Juli 2001 errechnet. Nähere finanzielle Details wurden nicht veröffentlicht.

Bereits seit 1997 sind Amazon und AOL Werbepartner. Dabei zahlte Amazon über Jahre hinweg Millionenbeträge an den Online-Dienst, um dort seine Site anzupreisen. Ähnliche Marketing-Verträge unterhält AOL mit einer Vielzahl von Internet-Shops und Medienkonzernen, die auf dem Online-Dienst oder einer der untergeordneten Plattformen wie Netscape, Compuserve oder ICQ werben möchten. Immerhin zählt der AOL-Dienst inzwischen 30 Millionen Kunden, die sich – im Gegensatz zur Klientel anderer ISPs wie etwa T-Online - überdurchschnittlich lange mit den angebotenen Inhalten beschäftigen.

Amazon zählt derzeit zu den am schärfsten beobachteten Unternehmen an der Wallstreet. Analysten rätseln noch immer, ob das Geschäftsmodell des reinen Online-Handels auf Dauer trägt und Amazon wie angekündigt im vierten Quartal dieses Jahres erstmals einen Pro-forma-Gewinn meldet. Vor diesem Hintergrund sind die Geschäftszahlen des zweiten Quartals wichtige Indikatoren.

Das Unternehmen aus Seattle schrieb in den abgelaufenen drei Monaten einen operativen Pro-forma-Verlust von 58 Millionen Dollar oder 16 Cent je Aktie und übertraf damit deutlich die von Thomson Financial/First Call errechneten Durchschnittserwartungen der Analysten von 22 Cent je Anteil. Im Jahr zuvor hatte Amazon noch ein Defizit von 116 Millionen Dollar oder 33 Cent je Aktie ausgewiesen.

Einschließlich aller Sonderaufwendungen belief sich das Nettoergebnis jedoch auf 168 Millionen Dollar oder 47 Cent je Aktie; im Vorjahr waren es 317 Millionen Dollar oder 91 Cent je Anteil. Beobachter schließen aus den Zahlen, dass Amazon seine Kosten nach heftigen Restrukturierungsbemühungen allmählich in den Griff bekommt.

Allerdings sind nun die Umsatzzahlen enttäuschend. Der Online-Händler nahm mit 668 Millionen Dollar 16 Prozent mehr ein als im Vorjahr und erreichte damit weder die von Analysten erwartete Spanne von 675 bis 685 Millionen Dollar noch die 700 Millionen Dollar, die im vorhergehenden Quartal eingenommen worden waren. Vor allem im angestammten Geschäft mit Büchern, Musik und Videos blieb Amazon hinter den Erwartungen zurück. Der Umsatz in diesen Sparten stieg lediglich um ein Prozent.

Sein ursprüngliches Ziel, im Jahr 2001 ein Wachstum von 20 bis 30 Prozent zu erzielen, hat Amazon revidiert. Nun rechnet Unternehmensgründer Jeff Bezos nur noch mit einer elf- bis 16-prozentigen Steigerung der Einnahmen. Analysten schließen daraus, dass der Internet-Händler vor einer schwierigen zweiten Jahreshälfte steht.

Amazon hatte das vergangene halbe Jahr vor allem der Effizienzsteigerung und der Kostensenkung gewidmet. Unter anderem bündelte das Unternehmen Produkte, die sich gut zusammen verkaufen ließen, nahm populäre Produkte aus dem Angebot, deren Versand zu teuer war, und schloss mit einer Vielzahl von Unternehmen Partnerschaften. Auf diese Weise erhöhte Amazon seine Effizienz und senkte seine Fulfillment-Kosten, die jetzt nicht mehr 15 Prozent, sondern nur noch 13 Prozent des Nettoumsatzes betragen. Angesichts dieser Entwicklung und der Tatsache, dass Amazon im vergangenen Halbjahr 41 Millionen Dollar wegen Investitionen in Online-Companies wie Webvan, Weddingchannel.com und Drugstore.com abschreiben musste, rechnet das Unternehmen noch immer damit, im vierten Quartal schwarze Zahlen zu schreiben.