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Amazon.de regelt seine Versandkosten neu

20.02.2002

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Der Online-Händler Amazon.de führt heute eine neue Versandkostenstruktur ein. Um es kurz zu machen: Alle Bestellungen ab einem Wert von 20 Euro (bislang: 45,50 Euro) werden künftig für den Kunden kostenfrei verschickt. Wermutstropfen: Diese Regelung gilt auch für reine Buchbestellungen, die bis dato stets versandkostenfrei geliefert wurden. Bei Aufträgen mit einem Wert von weniger als 20 Euro zahlt der Besteller künftig pauschal drei Euro (zuvor: 2,56 Euro plus 49 Cent pro Artikel). (tc)

Online-Kommentar: Für dumm verkauft

Heute erreichte mich eine Nachricht von meinem Online-Buchhändler Amazon, die mich froh stimmen sollte. Meine digitale Buchhandlung teilte mir mit ("Lieber Amazon.de-Kunde"), dass ich ab heute in den Genuss eines neuen Versandkosten-Systems kommen würde, bei dem ich Kosten sparen könnte. Nett, diese Amazon-Buchhändler!

Im folgenden wurden mir meine "Vorteile auf einen Blick" mitgeteilt:

Übersichtlichere Versandkostengestaltung,

Einheitliche Regelung für alle Bestellungen (inklusive reine Büchersendungen),

Senkung der Versandkostengrenze von 45 Euro auf 20 Euro (also um ganze 55%)

Senkung der Versandkosten auf jetzt nur 3,00 Euro,

heißt es da wörtlich. Hört sich gut an, dachte ich, obwohl mir die Versandkostengestaltung nie wirklich unübersichtlich vorkam. Aber immerhin – Nähe zur eigenen Klientel schien den Verantwortlichen von Amazon die Feder geführt zu haben bei der Formulierung neuer Kundenvorteile.

Bei der "einheitlichen Regelung für Bücherbestellungen" wurde ich dann allerdings stutzig. Die war nämlich bis dato schon absolut uniform gestaltet. Der Amzon.de-Kunde musste keine Versandgebühren zahlen - egal, wie hoch der Wert der Bestellung ausfiel. Einfacher geht es nicht. Der weitere Vorteil, die Senkung der Versandkostengrenze um 55 Prozent betraf mich also in der Vergangenheit auch nicht, ebenso wenig wie die Senkung der Versandkosten selbst "auf jetzt nur drei Euro".

Alle diese Kosten hatte ich bislang auch schon nicht zu entrichten. Ein wesentliches Werbeargument von Amazon gegenüber dem herkömmlichen Buchhandel war nämlich die Lieferung frei Haus, ohne Zusatzkosten und das bei Wind und Wetter.

Nun frage ich mich, was mir Amazon mit seinem neuen Versandkosten-System eigentlich wirklich mitteilen will. Die Antwort ist ganz einfach: Ich soll ab sofort für einen Service zahlen, den ich jahrelang unentgeltlich bezogen habe. Amazon sagt mir in einem Telefongespräch, bislang hätten ja auch schon alle jene, die CDs bestellten, Portogebühren zahlen müssen, genauso all diejenigen Kunden, die CDs und Bücher in einer Bestellung abfragten. Auf meinen Einwand, bekanntermaßen rekrutierten sich 80 Prozent der Amazon-Kunden aus reinen Bücherwürmern, entgegnete Amazon nur vage, man habe einen Trend zur teureren Bestellung und zu Mischkäufen (Bücher und CDs) festgestellt. Meine Frage, wie viele Kunden denn bei Amazon CDs oder Elektronikgeräte kaufen und wieviele Bücher, wollte man mir nicht beantworten: "Das sagt Ihnen auch Jeff Bezos [der Amazon-Chef und Gründer, Anm.d.Red.] nicht."

Fazit: Amazon führt Versandkosten für den weitaus größten Teil seiner Klientel ein und verkauft das auch noch als "Vorteil" für seine Kunden. Das ist im besten Fall Augenwischerei. Man könnte es aber auch eine Frechheit der Marketing-Abteilung nennen, die die Amazon-Kunden für dumm verkaufen will. (jm)