Ambidextrie

Alte Strukturen und neues Denken passen (noch) nicht zusammen

02.10.2018
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Unternehmen müssen das Kerngeschäft und neue Themen unter einen Hut bekommen – so ließe sich der neue Trend Ambidextrie auf einen Nenner bringen. Hays erstellte dazu eine Studie und deren Marketing-Leiter Frank Schabel fasst wichtige Erkenntnisse im CW-Gespräch zusammen.

Unternehmen haben zwei Aufgaben. Zum einen stabilisieren und optimieren sie ihr Kerngeschäft, zum anderen müssen sie agil agieren, genau beobachten, was in ihrem Markt passiert, dann zu analysieren, welches die neuen Themen sind, die sie angehen müssen, um weiter konkurrenzfähig zu bleiben. Genau dazu hat der Mannheimer Personaldienstleister Hays eine Studie erstellt und kommt zu ernüchternden Ergebnissen.

"In der Regel ist die bestehende Struktur, die das Kerngeschäft sichert, nicht geeignet, um neue digitale Themen zu bearbeiten", stellt Marketing-Leiter Frank Schabel nüchtern fest. Und dieses Spannungsfeld - neue Themen im alten Kerngeschäft zu bearbeiten, ist seine Definition von Ambidextrie.

Die Gefahr sieht er darin, dass sich die neuen, die digitalen Themen, nicht durchsetzen können, weil die alten Strukturen zu sehr blockieren. Überall Silos, Schnittstellen oder auch Führungskräfte, die nicht mitziehen ("haben wir schon immer so gemacht") - das ziehe sich wie ein roter Faden durch Hays-Studien der letzten Jahre. Zwischen der agilen und der klassischen Welt existiere ein "hohes" Konfliktpotenzial, etwa, wenn es um die Frage geht, welche Aufgaben zu priorisieren sind - die klassischen im operativen Tagesgeschäft oder eher die innovativen Projekte.

Frank Schabel, Hays: "Alte Firmenstrukturen eignen sich nicht unbedingt dafür, um digitale Projekte zu realisieren."
Frank Schabel, Hays: "Alte Firmenstrukturen eignen sich nicht unbedingt dafür, um digitale Projekte zu realisieren."
Foto: Hays AG

Schabel gibt zu, dass das Thema so neu nicht sei, man könne aber die abgedroschene Floskel alter Wein in neuen Schläuchen, also alte Themen neu etikettiert, umdrehen in die Formulierung: neuer Wein in alten Schläuchen. Sprich: die neuen, digitalen Themen sind in vielen Unternehmen angekommen, werden in Projekten bearbeitet, stoßen aber auf alte Strukturen, die in gewisser Weise die digitale Transformation behindern.

Kerngeschäft habe immer Vorrang vor Innovationen

Die ernüchternde Erkenntnis sei, dass das Kerngeschäft Vorrang habe vor innovativen Themen. Die alten wie Optimierung der Geschäftsabläufe oder Automatisierung hätten Vorrang vor Agilität und Selbstorganisation. Und noch eine weitere bittere Wahrheit bestätigt die Hays-Studie: Projekte scheitern häufiger wie vor drei Jahren, und die Antworten sind immer wieder die gleichen:

  • Die Ziele sind unklar formuliert.

  • Die Projektplanung ist zu ehrgeizig.

  • Die firmeninternen Wiederstände werden nicht berücksichtigt.

Schabel hätte eine Lösung, von der er offen zugibt, dass sie nicht besonders neu und originell sei, aber sicherlich helfen könne: Mehr Experimente wagen, heißt, den Mitarbeitern mehr Spielräume ermöglichen, damit sie mehr neue Methoden, neue Themen ausprobieren können. Alte Strukturen zu verändern, das ist die weitere Erkenntnis "ist eine Herkulesarbeit", weiß Schabel, da gehe es um Macht und Besitzstände, auf die keiner freiwillig verzichten mag. Und um diese Experimente zu wagen, um "mehr Bewegung ins Unternehmen zu bekommen", sei das Topmanagement gefragt, das einfach die nötigen Spielräume zulassen müsse.