E-Commerce-Lösung

About You wird SaaS-Provider

02.11.2021
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Der Online-Händler About You drängt ins Softwaregeschäft. Die eigenentwickelte SaaS-E-Commerce-Plattform soll unter dem Namen "Scayle" Dritten angeboten werden.

Die Otto-Tochter About You ging erst vor wenigen Wochen an die Börse. Jetzt hat das Unternehmen angekündigt, sich mit dem Verkauf von Kleidung, Schuhen und Accessoires nicht begnügen zu wollen. About You will seine E-Commerce-Software, auf der das gesamte Geschäftsmodell aufsetzt, im Bezugsmodell Software as a Service (SaaS) weiter für Dritte öffnen und in der neu gegründeten Business-Unit Scayle vermarkten.

Sebastian Betz, Mitgründer und Co-CEO von About You, hält eine gute technische Plattform für einen entscheidenden Differentiator im E-Commerce.
Sebastian Betz, Mitgründer und Co-CEO von About You, hält eine gute technische Plattform für einen entscheidenden Differentiator im E-Commerce.
Foto: About You

"Als wir vor knapp acht Jahren angefangen haben, gab es für uns kein passendes System. Also haben wir alles selbst neu entwickelt", sagt der gelernte Software-Ingenieur Sebastian Betz, der das Unternehmen mitgegründet hat und heute Co-CEO ist. Dieser frühe Fokus auf Technologie habe es dem Online-Händler erlaubt, eine innovative Software-Architektur aufzubauen, die heute die Basis für den Geschäftserfolg darstelle.

Scayle als Commerce Engine

Unter dem Namen Scayle soll nun diese "Commerce Engine" vermarktet werden. Das Unternehmen will Kunden adressieren, die einen jährlichen E-Commerce-Umsatz zwischen zehn Millionen und einer Milliarde Euro erwirtschaften. Im darüberliegenden Marktsegment, so Betz, setzten die großen Händler wie Amazon, Zalando oder hierzulande Otto auf dafür eigens entwickelte One-Stop-Shop-Lösungen. Die kleineren Shop-Betreiber mit einem Jahresumsatz von unter zehn Millionen Euro seien indes bei Anbietern wie Shopify oder auf der Open-Source-Plattform Magento gut aufgehoben.

Scayle soll sich nicht auf den Fashion- und Lifestyle-Bereich beschränken, sondern den gesamten B2C-Handel erreichen - und das in derzeit 26 Ländern, wobei ständig neue hinzukommen. Im Modemarkt könne man allerdings einige kategoriespezifische Zusatz-Features und Services bieten, die sich schon bei About You bewährt hätten. Zudem kann Scayle auch die Online-Marketing- und Lieferlogistik-Aktivitäten der Kunden übernehmen, dort habe man viel Erfahrung sammeln können.

Scayle-Plattform öffnet Influencer-Netzwerk mit 10.000 Partnern für Kunden

Laut Betz soll auch das gesamte Influencer-Netzwerk von About You mit rund 10.000 Partnern für Online-Händler auf der Scayle-Plattform geöffnet werden. Ebenso will das Unternehmen seinen Kunden ermöglichen, schnell auf den großen Marktplätzen der E-Commerce-Giganten, darunter Amazon, Zalando, Otto und auch About You selbst, aktiv zu werden und eigene Shops einzurichten. Dabei gilt generell, dass Kunden das Backend der E-Commerce-Plattform zur Verfügung steht und sie ihr eigenes individuelles Frontend mitbringen können.

"Im E-Commerce kennt heute eigentlich jeder Player den Aufwand, der damit verbunden ist am Markt permanent mitzuhalten", sagt Betz. Themen wie Mobile Commerce, Personalisierung, Omni-Channel, Marktplätze oder Live-Shopping seien schon vor zehn Jahren diskutiert worden. Den Shop-Betreibern fehlten aber die Technologie, die Fachkräfte und das Know-how (siehe auch: Der Handel braucht einen digitalen Masterplan). "Sie halten sich oft immer noch mit der Umsetzung der Mindestanforderungen auf." Deshalb sei Technik ein starker Differenzierungsfaktor. Es gehe darum, neue Features schnell live zu bringen und Kunden zu begeistern.

International auf Wachstumskurs: Die About-You-Geschäftsführer Hannes Wiese, Sebastian Betz und Tarek Müller (v.l.n.r.) haben sich eine Menge vorgenommen.
International auf Wachstumskurs: Die About-You-Geschäftsführer Hannes Wiese, Sebastian Betz und Tarek Müller (v.l.n.r.) haben sich eine Menge vorgenommen.
Foto: Johannes Arlt/About You

Laut Betz hofft About You mit der neuen Marke Scayle auch vom Direct-to-Consumer-(D2C-)Trend zu profitieren - von der Tatsache also, dass immer mehr Unternehmen mit starken Marken eigene Online-Shops am Handel vorbei einrichten. "Dort wird Online heute als Kernstrategie verstanden", so Betz, "die möchten ihre Marken pushen." Es gehe den Herstellern um den direkten Kontakt zum Kunden und die Möglichkeit, Marke, Content und Vertriebskanäle zu kontrollieren sowie die Datenhoheit zu behalten.

Einfacher Sprung auf Marktplätze von Amazon und Zalando

Für das eigene Unternehmen sieht der Hamburger mehrere Hebel für einen schnellen Erfolg. So könnten Brands, die diese Plattform nutzen - in den Fußstapfen von About You - schnell internationalisieren, weil Herausforderungen wie Übersetzungen, Payment, Auslieferungsdienste oder Zollabwicklungen schon bewältigt und in das System eingebaut worden seien. Hinzu komme die Präsenz auf Marktplätzen wie Amazon oder Zalando, wo Bestellungen entgegengenommen werden könnten, die Auslieferung der Ware aber über die eigene Marke erfolge.

Kunden hätten auch die Möglichkeit, selbst einen eigenen Marktplatz auf der Scayle-Plattform zu errichten, und schließlich könnten sie auch die Customer Experience verbessern, indem sie Möglichkeiten der Personalisierung, der App-Entwicklung oder der Content-Erstellung nutzten.

"Viele Unternehmen verdienen mit E-Commerce heute kein Geld. Sie haben gedacht, wir bauen mal einen Shop, dann läuft das schon", beobachtet Betz. "Doch dann kam das Projekt nie zu einem Ende." Die Betriebe hätten nur die Anschaffungs- und Implementierungskosten gesehen, nicht die für die Individualisierung und Weiterentwicklung der gewählten Standardsoftware. "Plötzlich lagen die IT-Kosten im laufenden Betrieb inklusive Lizenzkosten, Agenturen und eigenen Mitarbeitern im Verhältnis bei teilweise fünf bis zehn Prozent vom Umsatz - das bringt viele Firmen um."

Sich auf Shopping-Lösungen zu stützen, die man selbst weiterentwickeln muss, sei auch künftig riskant, weil man den großen Playern wie Amazon und Zalando zwangsläufig hinterherlaufe. "Gegen IT-Abteilungen mit 3.000 Leuten hat man keine Chance. Das wird in Zukunft nicht besser, eher im Gegenteil", meint Betz. Selbstbewusst berichtet er davon, dass Scayle-Kunden eine durchschnittliche Umsatzsteigerung von 40 Prozent und einen Profitzuwachs von 50 Prozent nach der Migration realisiert hätten.

Kosten senken durch die Nutzung eines eingeführten Systems

Das werde erreicht, weil die Total Costs of Ownership im E-Commerce drastisch reduziert werden könnten: Berater, Hosting-Anbieter und Agenturen würden in deutlich geringerem Umfang gebraucht. An guten Geschäften seiner Kunden hat Scayle selbst größtes Interesse, da die Kosten für die SaaS-Lösung abhängig von den damit getätigten Umsätzen sind.

Schon heute nutzen zirka 100 externe Online-Shops die Software, darunter namhafte Marken wie Marco Polo oder Depot. Auf dieser Basis habe About You eine entsprechende Organisation aufbauen können, die nun bereit sei für die Aufnahme weiterer Kunden. (hv)