AR/MR/VR

5G - Antrieb für Mixed und Augmented Reality?

Dr. Robert Laube ist Leiter Anwendungsentwicklung und Chief Technology & Innovation Officer bei  Avanade. Seit mehr als 20 Jahren berät er nationale und internationale Kunden im Bereich Modern Software Engineering, Analytics und Digitalisierung. Er ist Ansprechpartner zu IoT und den innovativen Möglichkeiten, die sich im Bereich Industrie 4.0 im Zusammenspiel mit Cloud bieten.
Trotz der Vielzahl an Möglichkeiten steht der Themenkreis aus Mixed, Virtual und Augmented Reality (MR/VR/AR) noch ziemlich am Anfang des Innovationszyklus. Trägt der LTE-Nachfolger 5G zum Durchbruch bei?

Das Einkaufserlebnis im Einzelhandel wandelt sich - das ist kein Geheimnis, viele Geschäfte auch hierzulande können ein Lied davon singen. Während sich Ladengeschäfte weiterentwickelt haben, setzen Verbraucher zunehmend auf reichhaltige, digitale Einkaufserlebnisse. Analysten des Spezialisten IDC gehen davon aus, dass bis zum Jahr 2020 rund 40 Prozent der führenden Marken auf digitale Erlebnisse setzen werden. Einzelhändler werden ihr physisches Angebot demnach um AR-Möglichkeiten anreichern, die Nutzer mobiler Technologien verwenden können. Dazu zählen AR/VR-Erlebnisse bei der Anprobe von Bekleidung, virtuelle Assistenten oder interaktive Verkaufsflächen in Geschäften und Supermärkten.

AR-App für den Einzelhandel: Mit einer höheren Bandbreite dank 5G ließen sich ganz neue Möglichkeiten realisieren.
AR-App für den Einzelhandel: Mit einer höheren Bandbreite dank 5G ließen sich ganz neue Möglichkeiten realisieren.
Foto: Zapp2Photo - shutterstock.com

So sehr ein solcher Siegeszug auch den Retail-Bereich durcheinanderwirbelt, stehen hier doch vornehmlich stationäre Applikationen im Vordergrund. Die Übertragung der Daten kann in der Regel kabelgebunden oder per WLAN erfolgen - und das ist momentan auch gut so, denn die derzeitigen Bandbreiten im Mobilfunkbereich auf Basis der LTE-Technologie können allen Fortschritts zum Trotz nicht alle Anforderungen der Anwendungsseite unterstützen. Gerade die Einbindung hochauflösender Videos mitsamt Informationen, die über Cloud-Systeme bereitgestellt werden, ist ohne das alte Kabel oder WLAN noch ein limitierender Faktor.

Sehen, was Sache ist

Dabei gibt es eine Menge denkbarer mobiler Anwendungen, bei denen MR/VR/AR wertvolle Unterstützung für die jeweiligen Nutzer geben könnten. Lassen sich hochauflösende Videos erst einmal gemeinsam mit denjenigen Datenströmen, die die Intelligenz liefern, mobil bereitstellen, eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten. Unabhängig davon, wie sich eine Monetarisierung im konkreten Fall gestaltet, ist der inhaltliche Wertbeitrag und damit auch der spürbare Nutzen für den Endanwender ein Wettbewerbsvorteil für das Unternehmen, das solche Lösungen erfolgreich implementiert und anbietet.

Für Anwendungen innerhalb der Firmen gibt es übrigens auch solche Mehrwerte, die bisher noch nicht so prominent Einzug in die aktuelle Diskussion gefunden haben. Beispiele sind etwa Trainings vor Ort und damit sozusagen am "lebenden" Objekt für Wartungspersonal von Maschinen, die eben im Feld stehen. Von der Freiflächen-Solaranlage über Windkraftwerken bis hin zu Öl-Pipelines oder Mobilfunkmasten, ja selbst im Bereich der Landwirtschaft - der (unternehmerischen!) Phantasie sind hier eigentlich kaum Grenzen gesetzt. Auch großflächige Gelände wie etwa Flughäfen verfügen nicht über eine vollständige WLAN-Abdeckung, und auch in solchen Umgebungen sind Anwendungsszenarien denkbar.

Jenseits der Unternehmensgrenzen

Selbstverständlich enden die Optionen von "Mobile MR/VR/AR" nicht an den Grenzen eines Unternehmens und seiner Mitarbeiter. Im Umfeld von Endkunden gibt es ebenfalls reichlich Szenarien, die von der Verknüpfung aus Cloud-Intelligenz und multimedialen Daten profitieren. Bereits seit einiger Zeit kreisen etwa Gedanken im Bereich des autonomen und vernetzten Fahrens um Schwarmintelligenz - doch warum mit GPS- und Sensor-Daten aufhören? Wie groß sind erst die Chancen, wenn auch datenintensive Punkt-zu-Punkt Fahrzeugverbindungen in eine solche Intelligenz einbezogen werden können… und sicher jede*r Fahrer*in wäre darüber erfreut, weniger Zeit im Stau verbringen zu müssen. Dass hier wie auch in allen anderen Bild- und Daten-Applikationen der Datenschutz zu jeder Zeit lückenlos gewährleistet sein muss, sei der Vollständigkeit halber zwar erwähnt, dürfte aber im Grunde selbstverständlich sein.

Ein weiteres großes Anwendungsfeld liegt im Bereich des Gesundheitswesens. Diese Branche hinkt in Sachen Digitalisierung an einigen Stellen noch ein gutes Stück hinterher, insbesondere was die offiziellen (Infra-)Strukturen angeht. Sie ist damit leider auch ein Beispiel dafür, dass Zaudern Fortschritt wirklich aufhalten kann. Dass die Verbraucher Bedenken offenbar gar nicht in dem Maße teilen, wie mancherorts angenommen wird, zeigen die vielen innovativen und erfolgreichen Konzepte, die sich ebenfalls in dieser Branche finden.

Wearables für unterwegs sind inzwischen Gang und Gäbe, hier gibt es sicherlich einige Optionen, sie in Richtung Mobile MR/VR/AR zu erweitern, etwa in Verbindung mit Gamificiation-Konzepten. Junge Startups ermöglichen es Ärzten, individuelle Heimtrainingspläne und Online-Kurse zu erstellen - warum sollten solche Übungen auf Räume begrenzt sein, in denen es WLAN gibt? Letztlich können 5G und Mobile MR/VR/AR damit dazu beitragen, dass Patienten als Assets ihrer eigenen Genesung aktiviert werden - für mehr Gesundheit und sogar niedrigere Folgekosten auf Seiten der Kassen.

Fazit

Wir leben im Zeitalter der Mobilität und Bewegung. Es wäre fatal, wenn unsere Technologie stationär bliebe. Darum sind neue Übertragungsmöglichkeiten wie das schnelle 5G-Mobilfunknetz essenzieller Bestandteil weiteren Fortschritts. Stillstand war schon immer fatal. Es ist sehr positiv, dass bereits Anfang 2019 die ersten kommerziellen Angebote rund um 5G erwartet werden. Es wird damit künftig mehr denn je auch an den Mobilfunkanbietern liegen, wie gut die Digitalisierung in Deutschland vorankommt.