Zuordnung von Bewegungsdaten möglich

50 Milliarden Smartphone-Ortsdaten von US-Bürgern offengelegt

20.12.2019
Von 
Stephan Wiesend schreibt für die Computerwoche als Experte zu den Themen Mac-OS, iOS, Software und Praxis. Nach Studium, Volontariat und Redakteursstelle bei dem Magazin Macwelt arbeitet er seit 2003 als freier Autor in München. Er schreibt regelmäßig für die Magazine Macwelt, iPhonewelt und iPadwelt.
Eine sehr ausführliche Reportage zum Thema Ortung zeigt, in welchem Umfang in den USA Ortsdaten von App-Nutzern gesammelt werden.

Es ist längst bekannt, dass die Ortsdaten von Smartphones von Marketing-Firmen ausgewertet werden. Wie der erste Teil einer ausführlichen Reportage der "New York Times" zeigt, ist die Unmenge an privaten Bewegungsdaten aber größer als mancher vermuten würde. So wurde den Autoren Stuart A. Thompson und Charlie Warzel eine Datei zugespielt, die mehr als 50 Milliarden Ortungen von 12 Millionen Nutzern umfasst – die zwischen 2016 und 2017 erstellt wurde – von einem privaten Unternehmen.

Diese Grafik zeigt die Bewegungen eines Smartphone-Nutzers.
Diese Grafik zeigt die Bewegungen eines Smartphone-Nutzers.
Foto: New York Times

Über diese Daten war es den Reportern möglich, die täglichen Wege und Aktionen der Nutzer zu rekonstruieren – auch eine Identifizierung war oft möglich. Die Firmen, die Bewegungsdaten sammeln, tun dies in den USA ohne rechtliche Einschränkungen und rechtfertigen ihre Datensammlung über Wetter-Apps oder Shopping-Apps üblicherweise mit drei Versprechen: Die Anwender hätten der Datenerfassung zugestimmt, die Daten würden anonymisiert erhoben und sicher aufbewahrt.

Zuordnung von Bewegungsdaten einfach möglich

Laut NYT stimme aber keines dieser drei Versprechen: Ein großes Problem ist bereits die Anonymisierung: Nach Recherchen der Zeitung ist die Zuordnung von Bewegungsdaten zu einer Person sehr einfach möglich – etwa wenn jemand jeden Morgen zu einer bestimmen Adresse fährt – also von seiner Wohnung zu seinem Arbeitsplatz. Durch eine Verknüpfung von einzelnen Ortungspunkten eines Smartphones lassen sich tägliche Wege und Umwege auswerten: „We followed military officials with security clearances as they drove home at night. We tracked law enforcement officers as they took their kids to school.“

Die Firmen, die solche Daten sammeln, sind in der Öffentlichkeit wohl unbekannt.
Die Firmen, die solche Daten sammeln, sind in der Öffentlichkeit wohl unbekannt.

Den Datenfirmen stehen dabei schließlich sogar noch zusätzliche Informationsquellen über ihre Nutzer wie Werbe-IDs oder andere Identifizierungstechniken zur Verfügung, ebenso demografische Informationen wie Postnummern, Geschlecht oder Telefonnummern. Mangels bundesstaatlicher Regelungen hätten sich diese Firmen bisher selbst reguliert, etwa über die Mobile Marketing Association. Einzelne US-Staaten haben mit eigenen Gesetzen geantwortet, so tritt nächstes Jahr der California Consumer Protection Act in Kraft. Laut einem von der NYT befragten Anwalt ist es einer Firma aber erlaubt, legal gesammelte Daten frei zu verbreiten oder weiterzugeben. Offenlegen müssen sie ihre Tätigkeit außerdem nur in ihrer Datenerklärung – die seltenst gelesen wird.

Für viele Amerikaner sei die Offenlegung dieser Daten wohl allenfalls peinlich, für besonders schutzbedürftige Menschen aber potentiell gefährlich. Eine derartige Überwachung würde man in einer Demokratie einem Staat wohl nie erlauben. Laut Autoren sei es deshalb erstaunlich, dass die Amerikaner dies privaten Firmen ohne Einschränkungen gestatten. Ein Grund sei laut William Staples, dem Gründer des Surveillance Studies Research Center an der University of Kansas, dass die Firmen die Anwender Schritt für Schritt zur Aufgabe ihrer Privatsphäre verführt hätten – und viele dies als Konsequenz der neuen Technologien missverstehen.

Primäres Ziel: Die Customer Journey zu verfolgen

Wie weitreichend jemand mit diesen Daten die Aktivitäten eines Menschen nachvollziehen kann, wird an einigen Beispielen aufgezeigt, etwa anhand einer Sängerin und Teilnehmern eine Demonstration. Aber auch der Jobwechsel eines Microsoft-Entwicklers zu Amazon konnte anhand eines protokollierten Besuches im Amazon-Hauptquartier nachvollzogen werden.

Üblicherweise werden die Daten von Werbefirmen oder Analyse-Firmen wie Foursquare genutzt, um damit beispielsweise die Besucherströme bei Geschäften überprüfen. Für Werbefirmen geht es schließlich vor allem darum, die Wirkung von Werbung zu messen – den so genannten „customer journey“ – von Werbung zum Produktkauf.

Besorgnis erregend findet die NYT dabei, dass dieses System so umfassend und ungeregelt funktioniert – und die einzige Aufgabe schließlich darin basiert Geld zu verdienen. Wie die Zeitung in Abwandlung eines bekannten Zitats abschließend meint: „Der größte Trick, den Technologieunternehmen je gespielt haben, war, die Gesellschaft dazu zu bringen, sich selbst zu überwachen.“ (Macwelt)