Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

5 Empfehlungen für die "neue Normalität"

Kommentar  18.05.2020
Von Sabine Dietrich
Die Fußball-Bundesliga startet wieder, Limitierungen werden sukzessive aufgehoben - alles wieder normal? Sicher nicht. Von gesundheitlich weiter bestehenden Risiken mal abgesehen, hat sich vieles verändert.

Aufstehen, Krone richten, weitermachen? NEIN. Die oft zitierte VUCA-Welt hat deutlich zugeschlagen. Ängste generiert, Schwächen aufgezeigt. Aber auch vieles bisher Unmögliche möglich gemacht: Homeoffice plötzlich als Normalität, im Sprint umgesetzte Digitalisierungsprojekte, Führung auf Distanz. Dabei wurde aber auch deutlich, wie wichtig Sozialkontakte und ein Miteinander sind.

Und nun? Alles zurück auf Start und sich freuen, dass alles wieder so ist wie es immer war? In der Wiedersehensfreude wird sogar der nervige Kollege oder das zu langatmige, ineffektive Meeting ausgeblendet. Also zügig zurück in eine Komfortzone, die eine dicke, schwierig zu durchdringende Lehm(beziehungsweise Lähm)schicht aufweist. Sind wir also schnell wieder im Vor-Krisenmodus?

Anstatt weiterzumachen wie früher sollte man die Erfahrungen der vergangenen Monate nutzen.
Anstatt weiterzumachen wie früher sollte man die Erfahrungen der vergangenen Monate nutzen.
Foto: PhotoByToR - shutterstock.com

Ein solcher schlichter Schritt zurück würde sich verändernde Rahmenbedingungen genau so wie die Gewinne dieser Zeit ignorieren. Und noch schlechter - neue Chancen vergeben. Die Erfahrungen der vergangenen Monate positiv für die Zukunft zu nutzen, ist ein Muss in einer sich immer schneller verändernden VUCA-Welt. Deshalb hier fünf Tipps für Ihre "neue Normalität" nach Corona:

1. Das Warum klären

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass in den meisten Unternehmen die "Büro"arbeiter ins Homeoffice umgezogen sind und der Betrieb so weitgehend - wenn auch in abgewandelter Form - aufrecht erhalten werden konnte. Eine veränderte Situation mit einer Reaktion, die vielleicht dem Einen oder Anderen als Überraschung erschienen sein mag. Aber: Ein solches Verhalten ist tradiert. Denn das Verbünden gegen einen gemeinsamen Feind hat schon immer ungeahnte Kräfte freigesetzt. Die Frage nach dem Warum ergibt sich in solchen Kontexten quasi von selbst.

Diese Forderung nach dem WARUM wurde in den letzten Jahren in Unternehmen und Führung immer wieder gestellt - vor allem im Kontext mit der Generation Y. Mit unterschiedlichem Erfolg. Denn die Ablösung der gelernten Führung über das WIE war erst einmal unbequem und die Veränderung ging gern im Tagesgeschäft unter.

Meine Empfehlung:

Nutzen Sie die Erfahrung der Krise zum Warum und die erlebte Antwort/Reaktion im Umgang mit einem bekannten Warum. Formulieren Sie - gemeinsam mit Kollegen oder Team - das Warum Ihres Unternehmens, Ihres Bereichs, Ihrer Aufgabe, Ihres Projektes. Und schaffen Sie so einen zentralen Orientierungspunkt, einen Fokus für alle.

2. Tempo halten

"Und plötzlich ging die Digitalisierung ganz schnell." Diesen Satz habe ich in den vergangenen Wochen häufiger gehört. So berichtete mir ein Gesprächspartner, dass das bisher vor sich hin dümpelnde Projekt "Online-Beratungs-Tool" eines Versicherers plötzlich ganz schnell umgesetzt wurde. Und auch die technischen Voraussetzungen für die Vielzahl an Homeoffice-Arbeitsplätzen wurden zügig geschaffen - auch wenn dafür die Bildschirme schon mal im Einzelhandel gekauft werden mussten, wie in einem Unternehmen geschehen.

Sicher macht eine akute Situation erfinderisch und pragmatische Lösungen beschleunigen die Lösung. Aber man muss sich schon die Frage stellen, warum bestimmte Projekte bisher sehr (oder auch zu) lange dauerten. Und: Was kann Sie daran hindern, zukünftig die bekannten Projektmanagement-Stolpersteine noch konsequenter auszuräumen? Zumal Projektarbeit zukünftig einen noch breiteren Raum einnehmen wird und Projekte nie an technischen Gegebenheiten scheitern.

Meine Empfehlung:

Starten Sie nur die Projekte, die wirtschaftlich sinnvoll sind und für deren Umsetzung Ressourcen bereitstehen. Verabschieden Sie zudem die Projekt-Langläufer. Schneiden Sie stattdessen Ihre Projekte in überschaubare thematische und zeitliche Scheiben und setzen Sie klare Prioritäten.

Und: Projekte scheitern nie an technischen Gegebenheiten, sondern vielmehr an den Menschen, deren Ideen und Wünschen. Binden Sie also von Anfang an alle Stakeholder konsequent und zielgruppengerecht in Ihre Projektarbeit ein und stoppen Sie so "Bremsklötze".

3. Robuste Lösungen

Immer mehr, immer höher, immer komplexer - das sind die Ansprüche, die wir in den vergangenen Jahren in der VUCA-Welt gelernt haben. Muss das immer so sein? Muss auf agiles Arbeiten jetzt womöglich "noch agiler" folgen? Muss jedes Produkt mit dem heißesten Gimmick aufgerüstet werden? Brauche ich wirklich ein Autoschloss, das mir bei einem Ausfall der Elektronik keinen Zugang zum Kofferraum und der Elektronik ermöglicht? Muss wirklich jede mögliche Option, jeder einzelne Wunsch in einem System abgebildet werden? Muss alles immer komplizierter oder auch komplexer werden?

In den vergangenen Wochen haben wir nicht nur schnelle, sondern auch einfache Lösungen zu schätzen gelernt. Sie haben uns zudem vielfach ganz neue Lösungswege eröffnet. Diese Erfahrung gilt es aktiv zu nutzen.

Meine Empfehlung:

Ja, nutzen Sie agile Arbeitsweisen in komplexen Umgebungen. Aber auch nur dort - suchen Sie immer wieder nach einfachen, robusten Lösungen, die klaren Regelwerken folgen und üblicherweise sicher umsetzbar sind. Und wenn der Kontext chaotisch ist, treffen Sie eine im Moment richtig erscheinende Entscheidung, handeln Sie und führen die Lösung dann wieder in ein bestehendes Regelwerk zurück.

4. Homeoffice - mit Augenmaß

Auch wenn Remote-Arbeiten in der IT lange bekannt und etabliert ist, in vielen Unternehmen war die Arbeit im Homeoffice bisher ein absolutes No-Go. Und plötzlich wurde sie in den letzten Wochen zwingend und funktionierte letztlich auch. Neue Meeting-Formate und eine andere Führung haben es möglich gemacht und vielfach die Effizienz erhöht. Denn die An- und Abfahrt zum Arbeitsplatz und lange Reisezeiten entfallen und schaffen Freiraum. Große Lösungsanbieter planen angeblich bereits die Umstellung aller "Schreibtisch"-Arbeiter auf die Arbeit im Homeoffice. Aber kann es das sein? Wird das Homeoffice nun die neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird?

Für die Arbeit im Homeoffice sind auch Preise zu zahlen, die bei einer allumfassenden Reglementierung häufig unberücksichtigt bleiben: Zum Beispiel verschwimmt vielfach die Grenze zwischen Privatem und Beruflichem, Sozialkontakte sind deutlich reduziert und die formale wie auch informelle Kommunikation leidet aufgrund der fehlenden non verbalen Signale. Führung muss also die bekannten Werkzeuge wesentlich intensiver nutzen.

Mein Empfehlung:

Etablieren Sie die Arbeit im Homeoffice als eine weitere, zusätzliche Arbeitsform mit Vor-, aber auch Nachteilen. Sie kann nur als Option angeboten werden, die zunächst zur Arbeitsaufgabe passen muss und die der einen Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter liegt, zu deren Lebensumständen passt - oder eben auch nicht. Es gilt also, Passung und Eignung des Einzelnen zu prüfen und erst einmal mit einer Testphase zu starten. In dieser Phase können die Mitarbeiter, aber auch Sie als Führungskraft prüfen, wie dieses Format zur Arbeitsweise passt und wie das Zusammenspiel funktioniert.

Verabschieden Sie sich dabei von der Idee, dass eine ausschließlich virtuelle Zusammenarbeit wirklich gute Ergebnisse liefert. Videokonferenzen oder das Telefon werden nie den persönlichen Kontakt, den informellen Austausch unter Nutzung aller Kommunikationskanäle ersetzen. Setzen Sie also auf eine sinnvolle Kombination von Präsenz- und virtuellen Meetings.

5. Netzwerk ausbauen & pflegen

Wenn in den letzten Wochen ganze Belegschaften im Homeoffice aktiv waren und der soziale Austausch auf die Aneinanderreihung von Web-Meetings reduziert, dabei aber häufig gute, schnelle und kreative Ideen gefragt waren, hat es sich bewährt: ein gutes Netzwerk, das einen Austausch auf Augenhöhe auch mal ohne direkten Blickkontakt ermöglichte. Der Blick über den Tellerrand unterstützte dabei den pragmatischen und schnellen Praxistransfer von Lösungen. Und es entstand das Gefühl, dass es anderen auch nicht anders geht als einem selbst. Im Sinne von "Geteiltes Leid ..." - und das gegen einen gemeinsamen Feind.

Zudem war der Griff zum Telefonhörer statt der WhatsApp oder der E-Mail wieder beliebter. Der direkte Austausch bietet letztendlich mehr Möglichkeiten als die anonymere, schriftliche Kommunikation.

Meine Empfehlung:

Nutzen Sie die Erfahrung, bauen Sie Ihr Netzwerk aus und pflegen Sie es - auch im zeitintensiven Tagesgeschäft. Reservieren Sie sich hierfür klare Zeitfenster und seien Sie aktiv, suchen Sie gezielt den Austausch. So erweitern Sie Ihren Horizont und vergrößern Ihren Aktions- und Wissensradius.

Die Krise als Chance begreifen

Die "neue Normalität" verändert den Rahmen für ein Miteinander im Unternehmen. Um dies nicht auf der rein formalen Ebene der vergrößerten Abstände zueinander und der Hygienevorschriften zu belassen, gilt es, die Erfahrungen der letzten Wochen, die für die meisten von uns sicher erstmalig waren, positiv zu nutzen.

Was waren die zentralen Erfahrungen, die Sie in den vergangenen Wochen gemacht haben? Wo wurde zuvor Unmögliches möglich? Und was können Sie daraus in Ihren Alltag transferieren? Stellen Sie sich diese Fragen, für sich selbst, aber auch gemeinsam mit Ihren Mitarbeitern und Kollegen oder Ihrer Familie, und treffen Sie auf Grundlage der Antworten Verabredungen für die Zukunft. Und damit meine ich nicht nur das Thema Homeoffice. Bleiben Sie aufmerksam und beobachten Sie bewusst die weiteren Entwicklungen und Veränderungen, damit Sie auf die nächste "Welle" frühzeitig reagieren können. Und bauen Sie das in der Krise gestärkte positive Image der IT konsequent weiter aus. (mb)