IBM-Deutschland-Chef Matthias Hartmann

34 Milliarden Dollar für Red Hat sind ein fairer Preis

16.01.2019
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director a.D. von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO.

Watson bleibt strategisch - trotz Rückschlägen

Watson ist IBMs Antwort auf Künstliche Intelligenz beziehungsweise Cognitive Computing. Man konnte zuletzt öfter mal von Fehlschlägen und enttäuschten Erwartungen lesen, etwa im Gesundheitswesen. Steht Watson IBM-intern auf dem Prüfstand?

Hartmann: Nein. Wir waren die ersten, die kommerziell mit sehr viel Entwicklungsarbeit und Investitionen in den Mark hineingegangen sind. Dass ein solch riskanter Weg in einzelnen Projekten nicht immer zum Erfolg führt, ist bei einer solch jungen Technologie keine Überraschung. In Summe freuen wir uns aber über ein großes Wachstum an Watson-Projekten und zwar über viele Branchen hinweg, auch hier in unserer Region. Im Bereich Healthcare ist die Bilanz übrigens hervorragend: Watson wird für die Detektion von 13 Krebsarten im Onkologiebereich eingesetzt. Wir haben eine große Menge an Krankenhäusern weltweit, die mit der Technologie arbeiten. Der Schwerpunkt liegt bislang nicht im deutschen Markt, doch das wird sich bald ändern, denn die Watson-Technologie ist inzwischen in deutscher Sprache verfügbar.

Es gibt nicht nur viele Einsatzszenarien in Branchen, sondern auch in Unternehmensfunktionen wie Personalwesen, Auditing oder Supply Chain Management. Wir erleben zurzeit eine Ausweitung und Verfeinerung der Technologie. Die Plattform an sich hat sich allerdings auch radikal verändert. Was mal zu Zeiten von Jeopardy ein hochintegriertes System auf einer riesigen Kiste war, können Sie heute als As-a-Service-Plattform und via APIs nutzen.

Gerade in Deutschland gibt es auch aus Datenschutzgründen viele Vorbehalte gegen Advanced Analytics und Künstliche Intelligenz.

Hartmann: Deshalb ist das Thema Datenverantwortung beziehungsweise Data Ownership besonders wichtig, das habe ich schon auf dem letzten IT-Gipfel postuliert. Wir brauchen unbedingt größtmögliche Klarheit in den Rahmenbedingungen zum Einsatz von Daten. Hier sind wir als IBM früh an den Markt gegangen und haben klare Leitlinien festgelegt. Mit Andrea Martin haben wir ein Mitglied der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags, die das Thema auch in die KI-Strategie der Bundesregierung einbringt. Wir tun Ähnliches auf der Ebene der EU-Kommission. Auch SAP ist hier aktiv geworden: Wir brauchen mehr Klarheit im Umgang mit Daten.

Beispielsweise glaube ich sehr wohl an Data Sharing im medizinischen Bereich, aber nur wenn Kontrolle über und Verantwortung für die Daten beim Patienten liegen. Der Bürger muss entscheiden, was mit seinen Daten passiert. Viele Ängste im Zusammenhang mit KI rühren daher, dass die Menschen sich fragen: Wo kommen die Daten her? Sind sie korrekt? Wir haben gerade mit Watson in der Schweiz einen Preis als beste KI-Plattform bekommen, auch weil wir bei diesem Thema sehr gut aufgestellt sind.

Seit 2012 ist Ginni Rometty IBM-Chefin. Man hat den Eindruck, das Unternehmen ist seitdem in permanentem Umbau. Die Red-Hat-Übernahme und der Verkauf der Domino/Notes-Sparte sind die jüngsten Beispiele. War das der vorläufige Schlusspunkt? Kommt IBM jetzt in ein ruhigeres Fahrwasser?

Hartmann: Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Das Geschäftsmodell der IBM ist klar dokumentiert. Wir streben ein niedriges einstelliges Wachstum an, das versprechen wir der Börse. Und wir brauchen schon eine ordentliche Profitabilität, denn IBM ist ein Value Stock. Das Wachstumsziel hat IBM in den letzten Jahren nicht immer erreicht. Aber gerade die Red-Hat-Übernahme zeigt, dass wir weiter bereit sind, den Markt zu gestalten. Wir fürchten uns nicht davor, unser Portfolio immer wieder neu zu bewerten und unsere Strategie weiterzuentwickeln. Wenn wir das nicht immer gemacht hätten, würden wir heute wahrscheinlich gar nicht miteinander reden, was sehr schade wäre!