IBM-Deutschland-Chef Matthias Hartmann

34 Milliarden Dollar für Red Hat sind ein fairer Preis

16.01.2019
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Mit dem Kauf von Red Hat für 34 Milliarden Dollar und dem Verkauf des Domino/Notes-Portfolios an HCL Technologies hat IBM gravierende Portfolioanpassungen vorgenommen. Matthias Hartmann, Geschäftsführer der IBM Deutschland GmbH und General Manager der Region Deutschland, Österreich, Schweiz (DACH), stellt sich den COMPUTERWOCHE-Fragen.
  • Warum IBM das Collaboration-Business an HCL verkauft hat
  • Welche Rolle "OpenShift" und das Hybrid-Cloud-Know-how von Red Hat für die Übernahme spielten
  • Warum das Mainframe-Business von IBM auch nach 30 Jahren schlechtester Prognosen blüht und gedeiht

Jahrelang hat IBM sein Collaboration- und Notes-Business hochgehalten, jetzt haben Sie alles an HCL Technologies verkauft. Warum?

Matthias Hartmann, seit Anfang 2018 Geschäftsführer der IBM Deutschland und General Manager für die DACH-Region, hält den strategischen Kurs von CEO Ginnie Rometty für richtig: IBM soll sich in den Wachstumsmärkten etablieren, dabei ist Profitabilität besonders wichtig.
Matthias Hartmann, seit Anfang 2018 Geschäftsführer der IBM Deutschland und General Manager für die DACH-Region, hält den strategischen Kurs von CEO Ginnie Rometty für richtig: IBM soll sich in den Wachstumsmärkten etablieren, dabei ist Profitabilität besonders wichtig.
Foto: IBM

Hartmann: Der Konzern konzentriert sich seit einiger Zeit auf starke Wachstumsfelder. Dabei betonen wir innovative Technologiebereiche, darunter den gesamten Cloud-, Daten- und Analytics-Kontext, und wir setzen auf Branchenfokussierung. Das Ganze vollzieht sich auf der Basis von Vertrauen und Sicherheit. Das sind die Säulen unseres heutigen Geschäfts.

Wenn man sich unsere jüngsten Investitionen ansieht, vor allem die Red-Hat-Übernahme, die zu unserem Bekenntnis zu Open Standards passt, dann ist das eine klare Marschrichtung. Vor diesem Hintergrund ist die Abgabe des Collaboration-Business eine nachvollziehbare Portfolio-Entscheidung. Mit HCL haben wir einen Partner gefunden, mit dem wir schon seit einiger Zeit erfolgreich zusammenarbeiten. HCL hat bereits auf der Basis von Notes/Domino eine ganzheitliche Collaboration-Welt aufgebaut. Die neue Version Domino 10 zeigt, dass die Modernisierung und Öffnung gut gelungen ist. Die Plattform ist in vielen Kundenumgebungen im Einsatz, und dort ist man mit der jüngsten Entwicklung sehr zufrieden (siehe auch: Anwender begrüßen Software-Ausverkauf bei IBM).

Die Notes-Community hat der IBM in den vergangenen Jahren durchaus übelgenommen, dass die Entwicklung der Plattform stagnierte.

Hartmann: Durch die Zusammenarbeit mit HCL haben wir aber schon vor einiger Zeit eine gute Lösung gefunden. Da ist ein richtiges Ökosystem von Lösungsanbietern entstanden, die auf einer gemeinsamen architektonischen Basis gut zusammenarbeiten. Unser Fokus hat sich in den letzten Jahren mehr in Richtung Data Analytics und Künstliche Intelligenz verschoben, aufbauend auf den ersten, sehr frühen Gehversuchen mit der Watson-Plattform. Wir beschäftigen uns auch intensiv mit Blockchain-Themen, die ebenfalls viel Entwicklungsarbeit erfordern, sowie mit dem Hybrid- und Multi-Cloud-Thema.

IBMs Seelenverwandtschaft mit Red Hat

Sie haben eben die Red-Hat-Übernahme erwähnt…

Hartmann: …die ist übrigens genauso wie der Deal mit HCL noch nicht vollzogen, sondern nur angekündigt.

Warum ist Red Hat für IBM interessant vor dem Hintergrund der beschriebenen Neuaufstellung?

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Hartmann: Die Zusammenarbeit mit Red Hat ist nicht neu. IBM unterstützt das Thema Open Source seit Jahren sehr intensiv, mit der Unterstützung der Linux-Entwicklung, der Freigabe von Patenten etc. Die eigene Cloud-Struktur und Architektur der IBM geht immer mehr in Richtung Open Source und Containerisierung mit Kubernetes und Docker. Wir sind ein B2B-Unternehmen, unsere Kunden sind die großen und mittleren Corporates weltweit. Von daher ist es elementar für uns, die Kunden aus ihrer On-premise- in eine Cloud- oder - je nach Anforderungen - eine hybride Multi-Cloud-Welt zu überführen.

Hinzu kommt, dass wir mit Red Hat eine große Developer Community adressieren können. Diese Faktoren zusammen sind ein strategischer Fit. Wir setzen stark auf Hybrid-Cloud-Umgebungen. Wir sind sicher, dass die meisten unserer Kunden multiple Cloud-Umgebungen managen müssen. Diesem Markt messen wir eine hohe Bedeutung und eine signifikante Größe zu (siehe auch: IBM schluckt Red Hat für 34 Milliarden Dollar).

Spielt die OpenShift-Plattform von Red Hat in den IBM-Überlegungen eine Schlüsselrolle?

Hartmann: OpenShift ist eine wesentliche Kompetenz die Red Hat mitbringt und hervorragend zu unserer Kubernetes basierten Strategie passt. Sie haben ja den Ankündigungen auch entnehmen können, dass wir ganz bewusst planen, Red Hat separat am Markt weiterzuführen. Wir wollen keine organisatorische Integration. Es wird nur einen Berichtsweg an unsere CEO Ginni Rometty geben. Auch andere Cloud-Anbieter nutzen Red-Hat-Technologie, schon deshalb ist es wichtig, diese Eigenständigkeit aufrechtzuerhalten.

Sie investieren 34 Milliarden Dollar für ein Unternehmen, das knapp drei Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftet. Und Sie wollen es weitgehend unabhängig weiterarbeiten lassen. Wie soll dann das Geld jemals wieder reinkommen?

Hartmann: Wir finden, das ist ein fairer Preis für ein hochprofitables und schnell wachsendes Geschäft. Wir haben das Kapital, dies ohne Änderung unserer Dividende zu tun. Das letzte Quartal haben wir mit 15 Milliarden US-Dollar an liquiden Mitteln abgeschlossen.

Aber wie wollen Sie die notwendigen Umsätze einspielen, die eine Akquisition dieser Größenordnung rechtfertigen?

Hartmann: Der Hebel kommt über das enorme Marktpotenzial im Cloud-Segment. Wir gehen davon aus, dass die Unternehmen bis heute im Durchschnitt gerade mal 20 Prozent ihrer Workloads cloudifiziert haben. Bei den nächsten 80 Prozent der Cloud-Reise geht es darum, den Geschäftswert und das Wachstum eines Unternehmens zu steigern. Der Großteil der Reise liegt noch vor ihnen. Es ist klar, dass sich hier verschiedene Ökosysteme bilden und gebildet haben. Wir wollen einer der Top-Player in diesem Bereich sein und werden das auch zusammen mit Red Hat schaffen - auch, aber nicht nur mit einem Public-Cloud-Angebot. Viele unserer Kunden treibt das Thema hybride IT-Welt. Dafür stellen wir die Architektur zur Verfügung in einem Markt mit Billionen von Dollar.

Public Cloud, Hybrid Cloud, Multi-Cloud

Was heißt das für Ihr Public-Cloud-Business? Werden Sie sich agnostisch aufstellen und die Plattformen von AWS und Microsoft gegebenenfalls auch unterstützen?

Hartmann: Die wenigsten Unternehmen legen sich heute ausschließlich auf eine Cloud-Plattform fest. Unterschiedliche Anwendungs- und Integrationswelten sorgen dafür, dass hier die eine und dort die andere Cloud-Umgebung bevorzugt wird. Die Betriebe stehen aber vor der Herausforderung, diese Komplexität heterogener Cloud-Umgebungen zu managen. Multi- und hybride Cloud-Fähigkeiten zu beweisen und zu vermeiden, dass der Kunde in eine Lock-in-Situation gerät und sind Kern unserer Strategie.

Mit dem Projekt "Debater Speech" will IBM zeigen, dass KI-Systeme auch zu komplexen Dialogen fähig sind.
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Foto: IBM

Es gibt auch andere Beispiele für die offene Ausrichtung der IBM. Wir haben gerade angekündigt, dass wir im KI-Bereich transparent bei den Algorithmen und der Datenverwendung sein wollen. Dazu haben wir eine Open-Source-basierte Plattform in den Markt gebracht, die der Kunde eben nicht nur für Watson, sondern auch für andere KI-Plattformen nutzen kann. Wir wissen, dass unsere Kunden Wert auf ein ganzheitlich-integratives Management legen. Dabei unterstützen wir sie.

Eigentlich wollen doch heute alle großen Anbieter Hybrid-Cloud-Infrastrukturen managen, sogar die Hyperscaler. Wie will sich IBM hier vom Wettbewerb differenzieren?

Hartmann: IBM schaut nicht nur von der Technologie- und Infrastrukturseite auf den Markt. Im Mittelpunkt steht für uns die Transformationsaufgabe, die unsere Kunden vor sich haben. Wenn Anwender vor der Entscheidung für eine Cloud-Umgebung stehen, dann geht es am Ende weder um das Blech noch um die Softwarearchitektur. Es geht um die branchenspezifische Lösung, die mit dieser Plattform umgesetzt werden soll.

Wenn wir beispielsweise für die Techniker Krankenkasse, Signal Iduna oder die Deutsche Krankenversicherung die elektronische Gesundheitsakte implementieren, dann können wir diesen Kunden mit unserer Cloud eine DSGVO-konforme Lösung aus unserem Rechenzentrum in Frankfurt anbieten, die weit über ein Infrastrukturproblem hinausreicht. Den Versicherungen geht es ja um die Frage: Kann ich mit den sensiblen Daten, die uns die Bürger anvertrauen, eine Lösung schaffen, die über jeden Zweifel erhaben ist? Sie entscheiden sich weniger für eine technische Infrastruktur, als für eine sichere, vertrauenswürdige Lösung aus der Cloud.

IBM ist seit jeher eine Firma mit tiefer Branchenkompetenz, die eben nicht nur von der Technologie, sondern von den Dienstleistungsfähigkeiten getragen wird. Wir können solche ganzheitlichen Lösungen schaffen. Und wenn sich etwa eine Ergo Versicherung entschieden hat, ihre Plattform für das Verwalten der Altbestände an Lebensversicherungen mit einem vertrauenswürdigen Partner zu einem günstigen Kostenpunkt zu realisieren, dann nehmen sie die IBM-Cloud, weil sie hier eine ganzheitliche Lösung bekommen. Eines unserer großen Differenzierungsmerkmale besteht sicher darin, industriespezifische Lösungen bieten zu können.

Sie wollen Ihre Industriekunden mit vertikalen Lösungen gewinnen, gleichzeitig aber auch Produkte und Eisen verkaufen. Passt das zusammen?

Hartmann: Ja, das ist nichts Neues. Als ich vor fünf oder sechs Jahren das Beratungsgeschäft der IBM in Deutschland geführt habe, entschieden sich unsere Kunden auch schon für unterschiedliche Produkte und Standardsoftware-Umgebungen. Die Landschaften waren durchaus nicht tiefblau. Wir sehen uns als B2B-Integrator mit klarer Branchenkompetenz in Banking, Insurance, Automotive, öffentliche Verwaltung, Fertigung etc. Dafür bauen wir rund um unsere Kerntechnologien Netzwerke an Partnern und Softwarelösungen auf. So wie im Versicherungsbeispiel gehen wir auch im Banken- oder im Energiesektor vor, ebenso im Public Sector. Wir wollen Geschäftsprobleme lösen mit einer integrierten, aber immer offenen Infrastruktur darunter.