WOL #Frauenstärken

3.300 Menschen lernen mit Working Out Loud

20.08.2021
Von 
Alexandra Mesmer war bis Juli 2021 Redakteurin von Computerwoche und CIO-Magazin.
Was, wenn sich über 3.000 Menschen über zwölf Wochen in kleinen Gruppen digital begegnen? Das Netz fängt zu glühen an.
Bei Working out loud #Frauenstärken haben sich auch zwölf Managerinnen und Unternehmerinnen mit Videobeiträgen eingebracht und über ihre Wege zum Erfolg berichtet.
Bei Working out loud #Frauenstärken haben sich auch zwölf Managerinnen und Unternehmerinnen mit Videobeiträgen eingebracht und über ihre Wege zum Erfolg berichtet.
Foto: WOL Frauenstärken

Katharina Krentz treibt bei Bosch schon ein paar Jahre das Thema Working Out Loud (WOL) voran. Der Grundgedanke der von Bryce Williams und John Stepper entwickelten Lernmethode: Mache deine Arbeit sichtbar, lasse andere daran teilhaben, dann profitieren alle. Dafür schließen sich fünf Menschen, die sich idealerweise nicht kennen, zu einem WOL-Circle zusammen, der einmal wöchentlich digital zusammenfindet – und das über zwölf Wochen lang.

12 Wochen, 5 Menschen, 5 Ziele

Jede und jeder im Circle setzt sich ein persönliches Ziel, das er binnen zwölf Wochen erreichen möchte. Gemeinsam tauschen sich alle darüber aus, erhalten aber auch Aufgaben und Übungen, die sie dabei unterstützen. Was bei Bosch und in anderen Unternehmen schon funktioniert, fand jetzt dank der privaten Initiative von Katharina Krentz und ihren Mitstreiterinnen Monika Struzek, Jeannette Böcker-Vorlop und Sandra Glück eine ungeahnte Steigerung: Mit über 3.300 Menschen, zum Großteil Frauen, dürfte WOL #Frauenstärken alles in den Schatten gestellt haben, was es bislang in der Business-Welt an einer übergreifenden Vernetzung im digitalen Raum gab.

Katharina Krentz und Monika Struzek haben mit ihrer privaten Working-Out-Loud- Initiative über 3.300 Menschen begeistert.
Katharina Krentz und Monika Struzek haben mit ihrer privaten Working-Out-Loud- Initiative über 3.300 Menschen begeistert.
Foto: privat

WOL #Frauenstärken

Krentz und ihr Orgateam haben unter anderem 1.500 Arbeitsstunden investiert, über 2.300 E-Mails beantwortet und die Teilnehmerinnen in 666 Circles eingeteilt, die Hälfte davon umorganisieren müssen, mit blink.it und Mural eine Lern- beziehungsweise Collaborationplattform zur Verfügung gestellt, zwölf Powerfrauen für wöchentliche Role-Model-Videos gewonnen und einige Pit-Stop-Events auf YouTube mit weiteren Impulsen für die Lernreise gestaltet.

Dieser ehrenamtliche Einsatz lässt erahnen, mit wie viel Energie das Orgateam an sein Vorhaben ging. Diese Power übertrug sich nach der Eröffnungsveranstaltung nahtlos auf die Teilnehmerinnen. Eine davon war Cristina Bär, die 15 Jahre im Qualitätsmanagement arbeitete und Technik eher aus der Governance-Brille betrachtete. In ihrer neuen Funktion als Teamleiterin im Cloud-Umfeld bei Bosch will sie wieder als Informatikerin wahrgenommen werden. Das war für sie die Motivation, bei Working Out Loud mitzumachen.

Cristina Bär studierte in Rumänien Informatik, sah das damals aber nicht als außergewöhnlich an, da dort der Anteil der Studentinnen in technischen Fächern bei 30 Prozent liegt. "Die Dynamik, die in den Circle-Treffen entstand, begeisterte mich", beschreibt die Informatikerin. "Fünf fremde Menschen nähern sich über zwölf Wochen an und helfen sich gegenseitig, sich selbst zu finden und das gesteckte Ziel zu erreichen." Schon das bewusste Wahrnehmen dieses Ziels helfe sehr. Voraussetzung sei jedoch, dass man sich mit sich selbst beschäftigen will und sich selbst reflektieren kann.

Cristina Bär: "Fünf fremde Menschen nähern sich über zwölf Wochen an und helfen sich gegenseitig, sich selbst zu finden und das gesteckte Ziel zu erreichen."
Cristina Bär: "Fünf fremde Menschen nähern sich über zwölf Wochen an und helfen sich gegenseitig, sich selbst zu finden und das gesteckte Ziel zu erreichen."
Foto: privat

Denn: "Durch Working Out Loud muss man sich gewissermaßen nackig machen, auch zugeben, dass der Ist-Zustand nicht so gut ist und man ein Ziel erreichen will", so Cristina Bär. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich damit Männer schwerer tun als Frauen. Man müsse also eine persönliche Fehlerkultur entwickeln.

Nerd-Faktor? Nach WOL ist davon nichts mehr übrig

Für Gabriella Kornberger, die als Softwareentwicklerin und Softwarearchitektin bei einer Krankenkasse arbeitet, haben sich durch die Teilnahme an WOL #Frauenstärken unerwartete Horizonte eröffnet: "Der Nerd-Faktor war groß bei mir. Normalerweise bin ich eher introvertiert, rede wenig und tue mich nicht so leicht, andere Leute anzusprechen. Das hat sich mit Working Out Loud geändert."

Gabriella Kornberger: "Ich kann jetzt jeden um Hilfe oder Rat fragen, denn das Schlimmste, was mir passieren kann, ist ein Nein."
Gabriella Kornberger: "Ich kann jetzt jeden um Hilfe oder Rat fragen, denn das Schlimmste, was mir passieren kann, ist ein Nein."
Foto: Elfriede Liebenow

Nun hat sie eine komplett andere Einstellung zu ihrer Persönlichkeit, sagt Gabriella Kornberger: "Ich kann jetzt jeden um Hilfe oder Rat fragen, denn das Schlimmste, was mir passieren kann, ist ein Nein. Und das nehme ich nicht persönlich. Ich weiß jetzt, wie ich mit dem Nerd in mir umzugehen habe. Ich weiß, wie ich aus meiner Komfortzone rauskomme, damit es sich für mich auch gut anfühlt. Je öfter man diese Komfortzone verlässt, desto größer wird der eigene Spielraum." Gerade Frauen müssten sich klar werden: sie bleiben unsichtbar im Job, wenn sie nur gute Arbeit machen. Auch wenn sie strukturierter an Dinge rangehen und mitunter gut programmieren können, werden sie nicht dafür gefeiert. Sie müssen für Anerkennung und Sichtbarkeit oft kämpfen.

Auch in ihrem Circle haben sich alle gegenseitig geholfen, sind in kleinen Schritten ihren Zielen nähergekommen. "Wir haben uns gegenseitig motiviert, gerade wenn wir mal im Laufe der zwölf Wochen einen Durchhänger hatten", so Kornberger. Auch wenn alle unterschiedliche Ziele hatten, konnten sie einander oft wertvolle Impulse geben, indem sie ein Problem aus einer komplett anderen Perspektive betrachteten.

Kornberger selbst ist ihrem Ziel, Mädchen und Kindern das Programmieren nahezubringen, durch WOL ein Stück näher gekommen. Sie vernetzte sich mit den Macherinnen der Otto-Initiative "Develop <HER>" und gestaltete mit ihnen zusammen schon ein Meetup. Durch Working Out Loud ist ihr zudem bewusst geworden, wie wichtig es ist, andere zu unterstützen. Seitdem zeigt sie ihre Wertschätzung Personen in ihrem Umfeld gegenüber bewusster und teilt ihr Wissen viel aktiver. "Ich bin überrascht und erfreut darüber, wie sehr ich wachsen kann, indem ich anderen helfe. Dieses WOL-Prinzip zu leben und sich gegenseitig zu stärken ist gerade für uns Frauen in der IT-Branche sehr wichtig und für mich ein wertvolles Learning der zwölf Wochen", so Gabriella Kornbergers Fazit.

WOL #Frauenstärken geht im September in die zweite Runde

Unter dem Motto #GemeinsamWachsen beginnt am 7. September die zweite Runde von WOL Frauenstärken. "Dieses Mal stellen wir dabei WIR-Qualitäten in den Fokus - also Fähigkeiten wie Mut, Zuhören, Vertrauen, Empathie und Arbeiten und Wachsen in Netzwerken. Wie schon in der ersten Runde haben wir für jede Woche ein inspirierendes Role Model gefunden, das seine Erfahrungen zur jeweiligen Qualität mit uns teilt", beschreibt das neunköpfige Orgateam um Katharina Krentz.

Mehr Informationen und Anmeldung unter htttps://workingoutloud.com/frauenstaerken

Working Out Loud – die Methode

Working out Loud-Erfinder John Stepper bei einer Bosch-Veranstaltung.
Working out Loud-Erfinder John Stepper bei einer Bosch-Veranstaltung.
Foto: Daimler

Im Jahr 2010 formulierte Bryce Williams die Idee des Working Out Loud: Macht jeder seine Arbeit in einem Netzwerk sichtbar und lässt andere daran teilhaben, lernen alle. 2015 entwickelte John Stepper, damals bei der Deutschen Bank in New York angestellt, die Methode in seinem Buch "Working Out Loud: For a better career and life" weiter.

Als fünf Grundprinzipien definiert Stepper

  • Beziehungen,

  • Großzügigkeit,

  • sichtbare Arbeit,

  • zielgerichtetes Verhalten und

  • wachstumsorientiertes Denken.

Im Mittelpunkt steht ein zwölfwöchiges Programm (WOL-Circle), in dem die Teilnehmenden in die Lage versetzt werden, Neues zu lernen und Gewohnheiten zu ändern. In Deutschland setzen unter anderem Konzerne wie Audi, BMW, Bosch, Continental, Daimler, Deutsche Bank, Telekom oder Siemens diese Lernmethode ein.