Cloud-Trends

2021 geben die Hyperscaler noch mehr Gas

02.11.2020
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Viele Unternehmen haben in der Corona-Krise die Vorteile von Cloud-Infrastrukturen so richtig zu schätzen gelernt. Laut Forrester Research sind Amazon, Microsoft, Google und Alibaba die großen Gewinner.
  • Der globale Public-Cloud-Markt soll 2021 um 35 Prozent wachsen, Alibaba wird an Google Cloud vorbeiziehen.
  • Mehr Unternehmen werden ihre Desaster-Recovery-Pläne in der Public Cloud umsetzen.
  • Cloud-Native- und Serverless-Technologien gehen durch die Decke.

Immer wenn die Blätter fallen, bringen die Analysten der großen Marktforschungsunternehmen ihre Prognosen für das neue Jahr heraus. Forrester Research beschäftigt sich in seinen "Predictions 2021" unter anderem mit Cloud Computing und kommt - wenig überraschend - zu dem Schluss, dass die derzeitige Pandemie den Cloud-Trend beschleunigt habe. "Ohne Cloud-Anwendungen, -Tools und -Services hätten wir nicht Millionen von Mitarbeitern ins Home Office schicken, globale Lieferketten unter Kontrolle behalten und die Geschäftsmodelle ganzer Industrien innerhalb von Wochen verschieben können."

Forrester Research erwartet in Sachen Cloud Computing die Rückkehr zu "Hyper-Wachstum".
Forrester Research erwartet in Sachen Cloud Computing die Rückkehr zu "Hyper-Wachstum".
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In den letzten Monaten hat sich laut Forrester eine Kluft gebildet zwischen Betrieben, die sich ganz auf die Cloud einließen, und jenen, die hier nur wenig Geld investiert haben. Der Zug in Richtung Datenwolke habe schon vor der Pandemie Fahrt aufgenommen und werde sich 2021 mit hoher Beschleunigung weiterbewegen. Der Umsatz mit Public-Cloud-Angeboten wird demnach deutlich steigen, hier sei die Rückkehr zu "Hyper-Wachstum" zu erwarten, wenn sich die COVID-19-Krise hoffentlich ihrem Ende zuneige.

Seit März 2020 sei es den Public-Cloud-Anbietern immer wieder gelungen, den in Mitleidenschaft gezogenen Unternehmen Antworten auf ihre Probleme zu geben. So konnten Millionen von Beschäftigten in den Home Offices versorgt werden, die Anwendungsentwicklung und-bereitstellung nahm deutlich an Fahrt auf und neue Geschäftsmodelle ließen sich in zuvor nicht bekannter Geschwindigkeit umsetzen. Das Virus habe den Betrieben abverlangt, Geschwindigkeit und Customer Experience in den Vordergrund zu stellen, beobachten die Forrester-Spezialisten. Diese Themen seien noch wichtiger gewesen als Kostensenkungs- und Effizienzprogramme.

Etsy und Moderna - zwei Beispiele für Cloud-Migration

Ein von Forrester genanntes Beispiel ist Etsy, ein großer US-Marktplatz für den Handel mit handgemachten Produkten und Künstlerbedarf. Etsy sei während der Krise in die Google Cloud gewechselt, um Lastspitzen im E-Commerce besser abfangen zu können. Auf Amazon Web Services verlasse sich inzwischen der Pharmakonzern Moderna, ein heißer Kandidat für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Auch die US-Handelsketten Lowe's und Best Buy werden als Beispiele für Public-Cloud-Migrationen angeführt.

Für 2021 erwartet Forrester, dass der globale Public-Cloud-Infrastrukturmarkt um 35 Prozent auf ein Volumen von 120 Milliarden Dollar anwachsen wird. AWS bleibe an der Spitze, Microsoft Azure an Nummer zwei. Auf den Plätzen drei und vier wird ein Wechsel prognostiziert: Laut Forrester dürfte Alibaba an Google Cloud vorbeiziehen.

Auch der Desaster-Recovery-Betrieb wird laut Prognosen immer öfter ein Fall für die Public Cloud: Vor dem Jahr 2020 hätten es nur wenige Unternehmen gewagt, diese Aufgabe einem Cloud-Provider zu übertragen. Zu groß seien die Sorgen wegen technischer Unterschiede bezüglich des eigenen Rechenzentrums und der Cloud-Technologien gewesen. Auch hätten Sicherheitsvorbehalte, ungelöste Probleme rund um Networking-Themen und Anwendungsportierung sowie die unterschiedlichen Lizenzpraktiken Anwender zögern lassen. Doch inzwischen gebe es spezialisierte IT-Dienstleister die hier gezielt helfen könnten. Außerdem habe die Pandemie den Druck erhöht, etwas zu unternehmen, um auch in Krisensituationen handlungsfähig zu bleiben.

Forrester schätzt, dass 2021 ein zirka 20-prozentiger Anstieg von Public-Cloud-Migrationen zu erwarten ist, die durch Desaster-Recovery-Vorhaben motiviert sind. Hier seien aber nur bestimmte Business-Apps betroffen. Proprietäre Anwendungen und Infrastrukturen würden weiter im eigenen Rechenzentrum oder bei Managed-Service-Providern untergebracht.

Cloud-Native wird Standard

Die Inanspruchnahme von Cloud-Native-Technologien soll den Prognosen zufolge sprunghaft zunehmen, wobei der Anteil des Serverless Computing auf 25 Prozent steigen soll. Unternehmen könnten damit Anwendungen am Kunden-Frontend einfacher und schneller entwickeln, migrieren und modernisieren - und das im großen Maßstab vom Rechenzentrum über die Cloud bis zum Edge. Vor der COVID-19-Krise habe der Anteil der Entwickler, die Serverless-Funktionen in der Public Cloud nutzen, bei 19 Prozent gelegen. 22 Prozent hätten regelmäßig Container-Technologien genutzt, um Anwendungssoftware in der Public Cloud zu entwickeln und zu betreiben.

Nach der Krise werde sich die Nutzung von Technologien wie Kubernetes und Docker massiv beschleunigen. Um neue Anwendungen zu entwickeln, würden immer mehr Unternehmen eine "Public-Cloud-native-first"-Strategie wählen. Ende 2021 werden laut Forrester 25 Prozent der Entwickler regelmäßig Serverless-Funktionen nutzen, 28 Prozent werden mit Container-Technologien arbeiten. In der Cloud werde das Wachstum viel schneller vonstattengehen als bei On-premises-Serverless- und -Container-Pattformen. AWS verfüge mit der Lambda-Technologie über einen hohen Anteil im Serverless-Markt, doch auch Microsoft, Alibaba und Google könnten von der steigenden Nachfrage nach FaaS (Function as a Service) und CaaS (Container as a Service) profitieren.

Forrester sieht aber auch Hindernisse für die Public Cloud im nächsten Jahr, und diese haben mit dem Thema Datenschutz zu tun. Heute haben die erfolgreichsten multinationalen Cloud-Anbieter ihren Hauptsitz in den USA oder China. Sobald sie Kunden jenseits ihrer Landesgrenzen ansprechen wollen, gibt es regulatorische Hindernisse. Wollen die Cloud-Provider den chinesischen Markt bedienen, geht das beispielsweise nur, wenn sie mit lokalen Anbietern zusammenarbeiten. Die US-Regierung hat ihrerseits Einschränkungen für Alibaba, Huawei, Tencent und Baidu erlassen.

GAIA-X existiert nur auf dem Papier

In Europa gewinnt die Idee einer souveränen Cloud - GAIA-X - an Fahrt, wenngleich umfassende Dienstleistungen derzeit noch in weiter Ferne sind. Forrester glaubt, dass der Streit um die Aussetzung des Privacy-Shield-Abkommens noch lange dauern wird, eine übergreifende Datennutzung über beide Seiten des Atlantiks hinweg bleibe schwierig.

Multinationale und auch regionale Unternehmen werden von den großen Cloud-Anbietern aufgrund ihrer globalen Reichweite, ihres Innovationstempos und ihrer Entwicklerdienste angezogen - für lokale Anbieter wird es schwer, hier mitzuhalten. Chancen gibt es aber auch für sie, schon aufgrund der vielen lokalen Regularien, die auch 2021 Bestand haben werden. Cloud-Nutzer werden dann in Einzelfällen entscheiden müssen, ob sie mit ihrem strategischen Cloud-Partner zusammenarbeiten können oder auf einen Anbieter in der Region ausweichen müssen.

Online-Marktplätze werden den Auguren zufolge allmählich akzeptiert, doch die Vielfalt führe zu Irritationen, die Frequentierung werde daher überschaubar bleiben - egal ob es sich um einen SaaS-Marktplatz, eine branchenspezifische Ansammlung von Technologien oder einen Cloud-Anbieter beziehungsweise Entwicklermarktplatz handelt. Auf SaaS-Marktplätzen komme es vor allem zu kleinvolumigen Deals im Umfang von zehn bis 300 Dollar Geschäftsumfang. Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel.

Unter den Marktplätzen für Entwickler hat nur Docker Hub eine signifikante Zahl an aktiven Nutzern. Tausende von Container-Images führen hier zu einer lebhaften Teilnahme, allerdings ist das ein kostenloser Dienst. Vor der globalen Pandemie nutzte laut Forrester nur ein Prozent der Einkäufer weltweite Marktplätze als Shopping-Kanäle. Seitdem sei zumindest das Interesse deutlich nach oben gegangen: Mehr als ein Viertel der weltweiten Einkäufer wollen auf diesem Wege einen Teil ihres Bedarfs decken.

Im Jahr 2021 wird sich laut Forrester das Einkaufsvolumen auf Technologiemarktplätzen verdreifachen - dann aber immer noch nur etwa drei Prozent der Gesamtausgaben für Technologie ausmachen. Erfolgreiche Player in diesem Geschäft werden den Analysten zufolge ihr Angebot vergrößern, bessere Überprüfungsmöglichkeiten anbieten und mithilfe standardisierter Verträge und Abrechnungsmöglichkeiten die Multivendor-Verwaltung vereinfachen.